Die Hauskatze, die als geborener Einzeljäger sich bis auf den heutigen Tag auch als Haustier eine sehr selbständige Stellung als Genosse des Menschen bewahrt hat und infolgedessen auch dem Einfluß der künstlichen Züchtung so gut wie gar nicht unterliegt, ist kein Abkömmling unserer europäischen Wildkatze (Felis catus), wie man noch in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts annahm, sondern stammt von der von Rüppel in Nubien entdeckten Falbkatze (Felis maniculata), die in vorgeschichtlicher Zeit irgendwo im oberen Nilgebiet zum Haustier erhoben wurde. Es ist dies ein fahlgelb bis fahlgraues Tier, an Hinterkopf und Rücken rötlicher, mit weißem Bauch und verwaschenen, schmalen, schwarzen Querbinden am Rumpf, die an den Beinen deutlich hervortreten. Der Pelz ist an einigen Stellen schwarz gesprenkelt; der Schwanz endet in eine schwarze Spitze, davor hat er drei schwarze Ringe. Charakteristisch ist der Sohlenfleck, d. h. die schwarze Färbung der Hinterseite der Hinterfüße von der Pfote bis zum Hacken. Diese Färbung macht sich auch bei den gezähmten Vertretern sehr leicht geltend und kommt niemals bei der europäischen Wildkatze vor. Ferner ist bei den Hauskatzen wie bei deren Stammutter, der Falbkatze, der Schwanz gleichmäßig zugespitzt und nicht am Ende verdickt wie bei der europäischen Wildkatze, die auch nie schwarze Sohlen aufweist. Dann wies der Engländer Hamilton nach, daß sich bei den Hauskatzen die Stirne mit zunehmendem Alter verflacht, während sie bei der europäischen Wildkatze höher wird. Alle diese Tatsachen sprechen in demselben Sinne, daß eben die Hauskatze ein Abkömmling der afrikanischen Falbkatze und nicht der europäischen Wildkatze ist.
Bild 45. Links der Ammonspriester Mutsa (3), Vorsteher des kgl. Schatzes, mit seiner Schwester Bati (4), einer Jungfrau des Ammon, und seinem Sohne User (2) mit dem Wurfholz (Bumerang) auf der Entenjagd, rechts derselbe Fische speerend. Im Dickicht ein Ichneumon, der einen jungen Vogel aus dem Nest reißt, im Boot links eine gezähmte Katze, die scheinbar bittet, ins Dickicht gelassen zu werden. Auf diesem Wandgemälde der 18. Dynastie weist die Hauskatze noch die schmalen schwarzen Querbinden ihrer Stammutter, der Falbkatze, auf. (Nach Wilkinson.)
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GRÖSSERES BILD
Wenn nun also die Hauskatze nicht von der europäischen Wildkatze abstammt, ist es nicht zu verwundern, daß sie im vorgeschichtlichen Europa durchaus fehlt; auch die älteren Griechen und Römer kannten sie noch nicht. Ihre Rolle als Mäusevertilger besorgten bei ihnen Wiesel und Iltis, die beide gezähmt gehalten wurden. Ebenso wird die Katze nirgends in der Bibel erwähnt; auch im vedischen Zeitalter Indiens war sie durchaus unbekannt. Aus allen diesen Gründen muß die noch von W. Schuster vertretene ältere Ansicht, wonach unsere Hauskatze von der Wildkatze abstammt, absolut verlassen werden, wenn auch zuzugeben ist, daß da und dort durch gelegentliche Paarung von Hauskatzen mit Wildkatzen Blut von letzterer in manche Stämme der Hauskatze gelangte. Ganz abgesehen von der großen Schwierigkeit der Zähmung der überaus wilden europäischen Wildkatze weicht auch der anatomische Bau der Hauskatze in vielen Einzelheiten vollkommen von demjenigen jener ab, stimmt aber sehr genau mit demjenigen der nubischen Falbkatze überein. Nach François Lenormant kam die Hauskatze als bereits gezähmtes Tier mit dem Hunde von Dongola erst zur Zeit des Mittleren Reiches nach der Eroberung des Landes Kusch in Nubien durch die Ägypter nach Ägypten und wird mit jenem zuerst auf Grabdenkmälern der 12. Dynastie (2000–1788 v. Chr.) in Beni Hassan abgebildet. Dagegen will neuerdings Konrad Keller sie schon zur Zeit der 6. Dynastie (2750–2625 v. Chr.) in einem Grabgemälde von Sakkarah mit einem Halsband, also dem Attribut eines Hausgenossen, abgebildet gefunden haben. Genaueres darüber gibt er aber nicht an.
Bei den alten Ägyptern wurde ihre Zucht in der Folge sehr populär; denn die Katze, von ihnen nach ihrer Lautäußerung mau genannt, wurde als Jagdgehilfe und eifriger Bekämpfer von Ratten und Schlangen von ihnen in hohem Maße geschätzt. So finden wir auf verschiedenen Grabgemälden der 18. Dynastie (1580–1350 v. Chr.) von Kurnah, die Sir Gardner Wilkinson publizierte, Ägypter in leichten Booten im Schilfdickicht Jagd auf Wasservögel machen, wobei ihnen zahme Katzen das vom Bumerang betäubte Wild durch geschicktes Schleichen zwischen den Sumpfpflanzen holen. Wo also der Hund nicht zu gebrauchen war, trat die Katze in ihr Recht und leistete dem Menschen gute Dienste. Als Rattenvertilgerin finden wir die Katze aus leicht verständlichen Gründen nirgends dargestellt; aber daß sie als solche fungierte, beweist der berühmte satyrische Papyrus von Turin, in welchem die Darstellungen der glorreichen Siege Ramses III. (1198–1167 v. Chr.) der 19. Dynastie an den Wänden des von ihm errichteten Tempels in Medinet Abu in der Weise karikiert wurden, daß der auf seinem Kriegswagen stolz einherfahrende König und seine Leute in Form von Ratten, die Feinde dagegen, die Chethiter, in Gestalt von Katzen dargestellt wurden. In einer Darstellung des Totenbuches aus dem Neuen Reiche finden wir eine unter einem Baume sitzende Katze abgebildet, die unter der einen Vordertatze einen Schlangenkopf hält. Tatsächlich jagt die Hauskatze ebenso gern selbst die gefährlichsten Giftschlangen als die Mäuse und Ratten. Dadurch mag sie sich bei den Ägyptern, jenen ausgesprochenen Ackerbauern, denen die die Kornvorräte brandschatzenden Nagetiere, wie auch die giftige Schlangenbrut äußerst lästig fielen, sehr bald in hohe Gunst gebracht haben. Da sie andere Tiere verspeiste und damit deren Seelen in sich aufnahm, sah man in ihr ein Geistwesen verkörpert, dem als solchem so gut eine Kultpflege zukam, als dem die Umgebung der menschlichen Wohnungen von Aas reinigenden Ibis oder Schakal. Wie diese wurde sie in der Folge zu einem heiligen Tiere gestempelt, das als guter Geist gern im Hause gehalten wurde, weil es durch seine göttlichen Eigenschaften Segen in dasselbe brachte. Ihr Tod versetzte die altägyptische Familie in Trauer, die man äußerlich durch Abrasieren der Augenbrauen bekundete. Der Unglückliche, der freiwillig oder unfreiwillig einer Katze das Leben raubte, war verloren. So schreibt der griechische Geschichtschreiber Diodoros, mit dem Beinamen Siculus, über Ägypten: „Wer dort irgend ein heiliges Tier absichtlich ums Leben bringt, wird zum Tode verurteilt. Wer aber eine Katze oder einen Ibis umbringt, muß sterben, wenn er auch die Sünde ohne es zu wollen beging; das Volk läuft zusammen und behandelt, oft ohne Verurteilung, den Missetäter aufs grausamste. Sieht also jemand ein totes heiliges Tier, so bleibt er, um nicht in falschen Verdacht zu kommen, von ferne stehen, schreit, wehklagt und beteuert, daß er es schon tot gefunden habe. — Die abergläubische Verehrung der heiligen Tiere ist bei den Ägyptern tief und unwandelbar festgewurzelt. In der Zeit, da der König Ptolemäus (XI, 81–51 v. Chr.), von den Römern noch nicht für einen Freund erklärt war und sich das ägyptische Volk auf alle mögliche Weise bemühte, den sich in ihrem Lande aufhaltenden Römern gefällig zu sein und aus Furcht vor Rom jede Gelegenheit zu Beschwerden vermied, da kam der Fall vor, daß ein Römer eine Katze ums Leben brachte. Alsbald rottete sich das Volk wütend gegen ihn zusammen, und, obgleich er den Mord gar nicht mit Vorsatz begangen, konnten doch weder die Bitten des vom Könige hingesandten Beamten, noch die Furcht vor Rom den unglücklichen Katzenmörder vom Tode erretten. — Finden die Ägypter auf ihren Kriegszügen in fremdem Lande tote Katzen oder Habichte, so sind sie betrübt und nehmen die Tiere mit sich nach Hause.“ An einer anderen Stelle berichtet derselbe Autor: „Den Katzen und Ichneumons brocken die Ägypter Brot in Milch, locken sie herbei und setzen es ihnen vor, oder sie füttern sie mit zerschnittenen Nilfischen. In ähnlicher Weise füttern sie auch die übrigen heiligen Tiere. Die eigentlichen Wärter jener Tiere tun groß mit ihrem wichtigen Götzendienst; sie tragen auch besondere Abzeichen, und wenn sie durch Dörfer und Städte gehen, so verbeugt sich jedermann ehrfurchtsvoll vor ihnen. Stirbt ein heiliges Tier, so wickeln sie es in feine Leinwand, schlagen sich jammernd die Brust und bringen es in die zum Einbalsamieren bestimmten Häuser. Ist es dort mit Zedernöl und andern guten Dingen, die einen guten Geruch geben und vor Verwesung schützen, durchdrungen, so wird es in einem heiligen Sarge bestattet.“
Auch Herodot, der selbst in Ägypten war und die Sitten der Ägypter aus eigener Anschauung kannte, schreibt: „Die Katzen in Ägypten lieben ihre Jungen sehr, aber sie werden ihnen oft von den Katern geraubt. Entsteht irgendwo eine Feuersbrunst, so kümmern sich die Ägypter nicht ums Feuer, sondern um ihre Katzen. Sie stellen sich um diese herum und halten Wache; aber die Katzen entwischen ihnen doch oft, springen auch über sie hinweg und stürzen sich in die Flammen. Geschieht dies, so kommt über die Ägypter große Trauer. Stirbt eine Katze, so scheren sich alle Bewohner des Hauses ihre Augenbrauen ab; stirbt aber ein Hund, dann scheren sie sich den ganzen Kopf ab. Die toten Katzen werden in heilige Gemächer geschafft, einbalsamiert und dann in der Stadt Bubastis beigesetzt. Die Hunde und Ichneumons werden in der Stadt, in der sie starben, in heiligen Grüften bestattet, die Spitzmäuse und Ibisse aber in Hermopolis. Die Bären, welche jedoch selten sind, und die Wölfe, welche nicht viel größer sind als Füchse, werden da begraben, wo sie gerade liegen.“
Die Angaben dieser beiden Autoren betreffend das Einbalsamieren der verstorbenen Katzen und das darauffolgende Bestatten in besonderen „heiligen Grüften“ sind durch das Auffinden von eigentlichen Katzenfriedhöfen in Bubastis und Beni Hassan bestätigt worden. Hier wurden sorgfältig einbalsamierte und mit Leinenbändern umwickelte Katzenmumien in Menge gefunden. Der bedeutendste Kultort für die Katzen war die Stadt Bubastis, im östlichen Delta, die ihren Namen (ägyptisch Pe Bast = Ort der Bast) von der dort verehrten Göttin Bast erhielt, die mit einem Katzenkopfe dargestellt wurde. Es ist dies eigentlich die Göttin Sekhet, die Gemahlin des Ptah, des großen Gottes von Memphis, die ursprünglich löwenköpfig und erst seit dem Bekanntwerden der Katze in Unterägypten katzenköpfig abgebildet wurde. Die Griechen stellten sie später ihrer Artemis gleich.
Wenn nun auch mit dem Untergang des alten Ägypten die Heiligkeit der Hauskatze im Niltal dahin fiel, so sind doch Spuren derselben hier bis auf unsere Zeit nachzuweisen. Noch heute glaubt man in Ägypten, daß die Katze Glück bringen könne; sie wird von den dortigen Haremsdamen verhätschelt und mit Ohrringen geschmückt. In Oberägypten gilt sie heute noch als heilig und unverletzlich; sie ist dort nach Klunzinger ebenso geehrt als die Hunde verachtet. In Kairo vermachte der Sultan Ez Zahir Beibars einen Garten nördlich der Stadt zum Besten der Katzen. Derselbe wurde dann verkauft, aber zurückerworben und dient heute noch zur Erhaltung herrenloser Katzen; daneben besteht in jener Stadt ein förmliches Katzenspital. Außerdem sind wiederholt Legate zu deren Fütterung ausgesetzt worden. Diese Hochhaltung der Katze im heutigen Ägypten wird mit der Vorliebe des Propheten Mohammed für diese Tiere motiviert. Dieser soll einst, um ein in seinem weiten Ärmel liegendes Kätzchen nicht in seinem Schlafe zu stören, denselben beim Aufstehen abgeschnitten haben. Überhaupt ist der Morgenländer durchschnittlich sehr rücksichtsvoll gegen seine Mitgeschöpfe. So erzählt ein deutscher Edelmann, der im Mittelalter das Morgenland durchwanderte, von einem Soldaten, der sich neben dem schönsten Schatten seufzend von der Mittagssonne peinigen ließ, weil er das in seinem Schoß eingeschlafene Kätzchen nicht stören wollte.
Wie sich aus den Mumien ergibt, war die Gesamtfarbe der altägyptischen Hauskatze noch ganz der der Falbkatze ähnlich. Nach Keller trifft man solche Färbung noch heute häufig bei den Hauskatzen in den Küstenorten des Roten Meeres. Auch das Knochengerüst beider Arten entspricht einander vollkommen. Jedenfalls hat sich hier in ihrem natürlichen Verbreitungsgebiet die Falbkatze je und je mit der Hauskatze gepaart und so zur Auffrischung des Blutes beigetragen. Aber auch die Wildform selbst mag da und dort später wiederholt gezähmt worden sein, wie dies heute noch bei den Niam-Niam der Fall ist, die die Falbkatze fangen und sie in kurzer Zeit an die Wohnung gewöhnt haben, so daß sie ihnen nicht mehr entläuft, sondern sich, mit Mäusefang beschäftigt, in deren Nähe verweilt. Diese Beobachtung von G. Schweinfurth bestätigte C. Keller, indem ihm auf seiner Reise in Nubien wiederholt gezähmte Exemplare der wilden Falbkatze angeboten wurden. Er schreibt ferner: „Am mittleren Webi in den Somaliländern konnte ich gezähmte Falbkatzen in den Dörfern antreffen, die ich vorher in Ogadeen nirgends vorfand. Sie dienen dazu, die Getreideschuppen gegen die schädlichen Nager zu schützen. Übrigens richten die Somalifrauen auch ihre Knaben in origineller Weise zum Mäusefang ab und, wie ich mich überzeugt habe, entwickeln diese ein großes Geschick. Diese Tatsache liefert vielleicht die Erklärung für das lokale Fehlen der Hauskatze in manchen Gebieten Ostafrikas.“