XIV. Das Huhn.

Zweifellos ist von allen Vögeln das Huhn von der weitaus größten wirtschaftlichen Bedeutung für den Menschen geworden. Heute ist es in zahlreichen Rassen über die ganze Welt verbreitet und findet sich in dem elendesten Negerdörfchen Zentralafrikas ebensogut wie in den entlegensten Eingeborenenniederlassungen Amerikas und Indonesiens. Das war aber nicht von jeher so. Der vorgeschichtliche Europäer kannte dieses Haustier so wenig als die alten Ägypter, Inder und Morgenländer überhaupt. Nirgends treffen wir bei ihnen irgend welche Spuren von der Anwesenheit dieses Vogels, der sich sonst sehr wohl bemerkbar gemacht haben würde. Im Alten Testament wird er nirgends erwähnt; erst im Neuen tritt er uns beispielsweise bei Petri Verleugnung des Herrn entgegen.

Das Huhn ist jedenfalls schon im zweiten Jahrtausend v. Chr. irgendwo in Südasien vermutlich von einem Malaienstamme durch Zähmung des dort einheimischen Bankivahuhns (Gallus ferrugineus) als Haustier gewonnen worden. Von seinem ältesten Domestikationsherd Südasien breitete es sich langsam nach allen Seiten hin aus und wurde schon ums Jahr 1400 v. Chr. nach China eingeführt. Nach Westasien gelangte es erst viel später. So hat es Layard zuerst auf einem altbabylonischen Siegelzylinder aus dem 6. bis 7. Jahrhundert v. Chr. abgebildet gefunden. Auf diesem steht ein Priester in Opferkleidung vor einem größeren und einem kleineren Altar, auf welch letzterem sich ein Hahn befindet. Auf einer ebenfalls aus derselben Zeit stammenden babylonischen Gemme sehen wir eine geflügelte Gottheit in betender Stellung vor einem Hahne auf einem Altar. Beide Male erscheint der Hahn von Osten, und über beiden Abbildungen schwebt ein Halbmond, wahrscheinlich als Zeichen der schwindenden Nacht. Im alten Ägypten ist jedenfalls das Hühnchen, das die Hieroglyphe u darstellt, nicht das Junge eines Haushuhns, sondern dasjenige eines Wildhuhns, und zwar vermutlich eines Steinhuhns.

Homer kannte das Huhn noch nicht, denn er erwähnt es nirgends in seinen Epen. Zum erstenmal spricht von ihm der griechische Dichter Theognis in der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts v. Chr. Aber erst um die Zeit der Perserkriege finden wir bei den Dichtern Epicharmos, Simonides, Äschylos und Pindar den Hahn unter dem stolzen Namen aléktōr, d. h. Abwehrer, Kämpfer, als bekannten Genossen des Menschen. Die griechischen Dichter vergleichen den Kampf der Hähne desselben Hofes untereinander mit dem Streite der Menschen. In den Eumeniden des Äschylos warnt Athene vor dem Bürgerkrieg, als dem zwecklosen Kampf zwischen zwei Hähnen gleichend. Ebenso vergleicht Pindar in seinem 12. olympischen Liede den ruhmlosen Sieg in der Vaterstadt mit demjenigen des Hahnes auf dem Hofe.

Bei den griechischen Komikern heißt der Hahn stets der „persische Vogel“, weil er durch die Vermittlung der Perser nach Griechenland kam. Seine hohe Wertschätzung bei den alten Persern erfuhren wir bereits bei der Besprechung des Hundes. Dort wurde gesagt, daß der Hahn, wie der Hund, der Feind der Dämonen und Zauberer sei. Er solle Wache halten über die Welt, als sei kein Hund zum Beschützen der Herden und der Häuser vorhanden. Wenn der Hund mit dem Hahn gegen den bösen Feind kämpfen, so entkräften sie ihn, der sonst Menschen und Vieh plage. Daher heiße es, durch ihn werden alle Feinde des Guten überwunden, seine Stimme zerstöre das Böse. Wo sich nun ein Perser niederließ, sorgte er so sicher für einen Hahn, als er die Frühgebete und Reinigungen beim Sonnenaufgang, die ihm seine Religion gebot, vornahm. Soweit also die Grenzen der persischen Herrschaft sich erstreckten, ward auch der Hahn, als leicht übertragbares Fetischtier, das durch seine Stimme die bösen Geister vertrieb, mitgenommen. So kam das Tier auch nach Kleinasien und zu den Griechen an den Küsten des Ägäischen Meeres, die ihn mehrmals auch auf ihren Münzen abbildeten. Seine vormalige Heiligkeit erhielt sich auch bei ihnen insofern, als sie sich zunächst scheuten, ihn oder die Eier des Huhnes zu essen. Bald aber ward der Hahn ein Opfertier, das man besonders dem Heilgotte Asklepios nach erlangter Genesung opferte. So befahl auch der Philosoph Sokrates, bevor er den Schierlingsbecher trank, man solle dem Asklepios einen Hahn opfern; er sei dann durch den Tod genesen. Auch zu mannigfaltigem Zauberspuk benutzte man in Griechenland den Hahn. So schreibt Pausanias: „Wenn bei Mehtana im Gebiet von Trözen der Südwestwind aus dem Saronischen Meerbusen auf die ausschlagenden Weinstöcke weht, so vertrocknen diese leicht. Um diesem Übel vorzubeugen, packen zwei Männer einen Hahn, der ganz weiße Flügel hat, reißen ihn entzwei und jeder läuft mit seiner Hälfte um den Weinberg herum. Da, wo sie dann zusammentreffen, vergraben sie die Stücke.“ Hier ist also schon von partiellem Leucismus beim Hahne als einem Zeichen weitgehender Beeinflussung durch Domestikation die Rede.

Viel länger bewahrte das Huhn seinen sakralen Charakter bei den Römern, die es durch Vermittlung der süditalischen Griechen kennen gelernt hatten. Diese betrachteten es als einen Vogel, der von einem göttlichen Geiste beseelt war, mit der Fähigkeit, die Zukunft vorauszuschauen. So wandte man denn überall da, wo ein einzelner die Verantwortung nicht zu tragen wünschte und ein „Augurium“, eine Weissagung aus dem Fluge gewisser wilder Vögel nicht gerade zu haben war, die Sache aber doch zur Entscheidung drängte, ein künstliches „Auspicium“ an, das man auspicium ex tripudiis nannte. So stellte denn, so oft man dessen bedurfte, der pullarius oder Hühnerwärter die Vögel durch Vorstreuen von Futter auf die Probe. Fraßen sie gierig, so war das ein günstiges Zeichen für die geplante Unternehmung. Unlust dagegen würde, so müssen wir ergänzen, auf eine Beängstigung des weiter in die Zukunft schauenden Geistes in den Fetischtieren schließen lassen.

Zahllos sind die Beispiele, in welchen die Annahme oder Ablehnung einer Schlacht von seiten der Römer auf das Verhalten der mitgeführten heiligen Hühner abgestellt wurde. Dabei ist der Standpunkt, den die verschiedenen römischen Schriftsteller dieser Tatsache gegenüber einnehmen, ein sehr verschiedener. Die jüngeren, freier denkenden sind erstaunt darüber, daß die wichtigsten Staatsgeschäfte, die entscheidendsten Schlachten von Hühnern geleitet und entschieden, die Weltbeherrscher von Hühnern beherrscht würden. Die älteren, konservativer denkenden Naturen aber stoßen sich durchaus nicht daran, sondern meinen, wie Cicero in seinem Werke de divinatione schreibt: „Bei der Beobachtung der von den heiligen Hühnern ausgehenden Prophezeiungen (auspicium) verfuhren unsere Vorfahren gewissenhafter als wir. Der Hühnerprophet (auspex) wählte zum Gehilfen einen Mann, der selbst ein vollkommener Vogelprophet (augur) war und demnach genau wußte, was ‚heilige Stille‘ bedeutet. In unserer Zeit kann jeder ohne weiteres bei der heiligen Handlung als Gehilfe dienen.“ Dann berichtet er ausführlich in Rede und Gegenrede, wie bei der Handlung verfahren wird. Er meint, daß dabei nicht mehr mit der Aufmerksamkeit wie früher vorgegangen werde und das Fressen oder Nichtfressen der Hühner in die Hand des Hühnerwärters (pullarius) gegeben sei. Er sagt nämlich: „Übrigens ist es nicht zu leugnen, daß bei einer solchen Art zu prophezeien die Vögel doch nicht so ohne weiteres als Diener und Propheten Jupiters betrachtet werden sollten, da sie ja beim Fressen nicht nach dem Willen Jupiters, sondern nach dem Willen des Hühnerwärters handeln, der sie vorher nach Belieben in ihrem Käfige längere oder kürzere Zeit fasten läßt.“

Wenn die heiligen Hühner (pulli) so gierig fraßen, daß das schon im Schnabel befindliche Futter auf die Erde zurückfiel, so wurde das als eine besonders gute Vorbedeutung aufgefaßt. Es hieß dies bei den Römern tripudium und sollte nach Cicero von terripudium = terripavium, quia terram pavit abzuleiten sein. Dann schreibt dieser Autor: „Im zweiten punischen Kriege (218–201 v. Chr.) hat der römische Staat dadurch entsetzlichen Schaden gelitten, daß Gajus Flaminius nicht auf Warnungszeichen achten wollte. Einstmals fütterte der Priester, der die der Armee beigegebenen heiligen Hühner besorgte, diese Tiere, um durch die Art und Weise, wie sie fräßen, die Zukunft zu erforschen, und tat dann den Ausspruch, die Schlacht müsse verschoben werden. Darauf fragte Flaminius (der Oberfeldherr), was dann geschehen sollte, wenn die Tiere wieder nicht fressen wollten? Der Priester antwortete: Dann müsse man eben wieder zuwarten. Hierauf antwortete Flaminius: Das wäre doch eine schöne Geschichte, wenn ich nur dann auf den Feind losgehen dürfte, wenn meine Hühner hungrig sind, aber mich ruhig verhalten müßte, wenn meine Hühner satt sind.“

Allerdings waren nicht alle Feldherren so nachgiebig, daß sie eine ihnen günstig scheinende Schlacht vom Fressen oder Nichtfressen der im Heere mitgeführten heiligen Hühner abhängig machen wollten. So ging einer einmal radikal vor, hatte es aber schwer zu büßen, als die gegen den Willen der heiligen Hühner unternommene Schlacht ungünstig verlief. Es war dies Publius Claudius. Über jenen Fall schreibt Valerius Maximus: „Als Publius Claudius im ersten punischen Kriege eine Seeschlacht liefern wollte, verkündete ihm der Hühnerwärter, die heiligen Hühner wollten nicht aus dem Käfig heraus und nicht fressen. Da gab Claudius den Befehl, sie ins Meer zu werfen und sagte: Wollen sie nicht fressen, so sollen sie saufen! Er verlor aber die Schlacht und ward vom Volke verurteilt.“ Derselbe Autor berichtet in einem anderen Falle: „Als der Konsul Gajus Hostilius Mancinus im Begriffe war, nach Spanien abzugehen und in Lavinium opfern wollte, huschten die heiligen Hühner aus ihrem Käfig in den Wald und verschwanden daselbst spurlos. Infolgedessen verlor er dann eine Schlacht.“