Ihren Glanzpunkt erreichte die Zeidelweide im Zeitalter der Zeidlerinnungen im 14. und 15. Jahrhundert. Damals gab es in allen deutschen Gauen Bestimmungen in den Weistümern betreffs des Fundrechts an den „imben“, d. h. an den in den Wald verflogenen Bienenschwärmen, die sich in hohlen Baumstämmen eingenistet hatten. Diese hohlen Bäume, in denen die sich selbst überlassenen Bienenschwärme sich ansiedelten, gaben das Vorbild zu den im Mittelalter für die Hausbienen meist gebräuchlichen Klotzbeuten. Diese bestanden aus einem ausgehöhlten 4–5 Fuß langen Baumstamm, der mit einem abnehmbaren Deckel und einem Flugloche versehen war. Daneben mögen auch schon kunstlos aus Stroh geflochtene Körbe verwendet worden sein, die später jene mehr und mehr verdrängten. Als in späteren Zeiten die Wälder mehr und mehr ausgeholzt und einem regelrechten Forstbetrieb unterworfen wurden, verkümmerte nach und nach die Zeidelweide und die seit Jahrhunderten neben ihr betriebene zahme oder Hausbienenzucht trat an ihre Stelle und wurde gesetzlich geschützt. Wo aber ausgedehntere Waldstrecken dem neuen Betriebe nicht unterworfen wurden, da blieben die alten Zeidelweiden bestehen. Damals gab es gutbesuchte Honigmärkte in allen größeren Städten, so besonders in Köln, Nürnberg, Breslau und Prag.

Seit dem 16. Jahrhundert machte sich in Mitteleuropa ein merklicher Niedergang der Bienenzucht geltend, indem die Reformation viele Klöster, welche bis dahin die Hüter so vieler Bienenstöcke gewesen waren, verdrängte und die Kerzen in den Kirchen überflüssig machte. Als später auch noch der verheerende Dreißigjährige Krieg ausbrach, da war es begreiflich, daß in der allgemeinen Drangsal sehr zahlreiche Bienenstöcke eingingen, da sie nicht mehr die nötige Pflege erhielten. Ein weiteres ungünstiges Moment war das Aufkommen des Rohrzuckers, der dem bis dahin als alleinigem Süßstoffe gebrauchten Honig durch seine größere Billigkeit bedenkliche Konkurrenz machte und ihn bald zum größten Teil in der Küche verdrängte. Kurze Zeit nach der Entdeckung Amerikas war das ursprünglich in Südasien heimische Zuckerrohr dort eingeführt worden und wurde durch die gleichfalls bald in großer Masse aus Afrika importierten Negersklaven in solcher Menge angebaut, daß der viel wohlfeiler zu produzierende und stärker süßende Rohrzucker so billig zu haben war, daß der Honig bald als zu teuer in den Hintergrund trat. Er wurde schon noch als Leckerbissen gegessen, aber zum Süßen der Speisen, vor allem der verschiedenen Kuchen und süßen Platten, fiel er gänzlich in Wegfall, und nur altertümliche Gebäckarten, wie Lebkuchen, Leckerli usw., behielten ihn bei. Als dann zum Rohrzucker noch die großartige Sirupfabrikation aus Kartoffeln und vollends noch der billige Rübenzucker dazu kam, so war es um den Honig als Süßstoff in den Haushaltungen vollends geschehen.

In Deutschland suchten die einsichtsvollen Fürsten, vor allem Friedrich der Große, die sehr heruntergekommene Bienenzucht wieder zu heben. Jener Preußenkönig zog in der Bienenzucht erfahrene Kolonisten aus Polen und Preußen in die Mark Brandenburg und interessierte sich in der Folge sehr auch für diesen Zweig der Landwirtschaft. Mehrfach spricht er sich in Briefen erfreut über die Fortschritte der Imkerei in seinem Lande aus, so unter anderem auch in einem Briefe an Voltaire vom 5. Dezember 1775, in welchem er die bis dahin erfolgte Vermehrung der Bienenvölker um ein Drittel hervorhebt. Um die Bienenzucht möglichst zu schützen, verlieh er den Bienenzüchtern manche Erleichterungen und legte einen hohen Einfuhrzoll auf den fremdländischen Rohrzucker. In Österreich war die Kaiserin Maria Theresia in hohem Maße für die Landwirtschaft besorgt und erließ am 8. April 1775 einen Schutzbrief für die Bienenzüchter. In Süddeutschland und der Schweiz interessierte man sich mehr und mehr in den ökonomischen Gesellschaften und landwirtschaftlichen Vereinen für die Bienenzucht, die man immer rationeller durchzuführen bestrebt war. Große Fortschritte darin wurden erst seit der Einführung des Mobilbaues möglich. Haben darin die praktisch veranlagten Nordamerikaner zuerst Großes geleistet, so sind ihnen heute die Deutschen vollständig ebenbürtig geworden. In allen deutschen Landen wird die Bienenzucht durch eine reiche Vereinstätigkeit gefördert. Von größeren Vereinen oder vom Staate angestellte Wanderlehrer halten an vielen Orten regelmäßige Kurse für Anfänger ab. Daneben gibt es eigentliche Imkerschulen, von denen die von Date, Eystrup in der Provinz Hannover und Durlach im Großherzogtum Baden hervorzuheben sind. Österreich besitzt eine solche in Wien und Ungarn in Gödöllö. Gegenwärtig gibt es über 3 Millionen Bienenvölker in Deutschland. Von dem jährlichen Verbrauch von über 20 Millionen kg Honig erzeugt Deutschland etwa 18 Millionen kg im Werte von 30 Millionen Mark.

Baron von Ehrenfels nannte die Bienenzucht mit vollem Recht die Poesie der Landwirtschaft. Sie ist aber nicht nur das, sondern eine eminente Förderin des Nationalwohlstandes und ihre Zucht ein wesentlicher Hebel zur Veredlung und Bildung des Volkes. Neben dem großen materiellen Nutzen gewährt sie Belehrung, Unterhaltung und Erholung nach des Tages Arbeit; denn sie wird meist als Nebenbeschäftigung betrieben, da sie nur einen geringen Aufwand an Zeit und Mühe beansprucht und die meisten dabei erforderlichen Hantierungen in den Mußestunden verrichtet werden können. Wer auch nur 25–50 Stöcke beweglichen Baues hat, kann von denselben eine jährliche Einnahme von 150–300 Mark und darüber erzielen. Dabei ist der Stock durchschnittlich zu 5 kg Honigertrag und das kg zu 1.20 Mark gerechnet. Guter Schleuderhonig wird aber gern mit 2 Mark und Wabenhonig mit 3 Mark bezahlt. Dabei ist nicht einmal die Einnahme für Wachs und etwa verkaufte Schwärme oder Völker in Anrechnung gebracht, ebensowenig, daß man nicht selten einem einzigen Stock 30 kg Honig und darüber entnehmen kann. Tritt auch einmal ein Fehljahr ein, so hat das nichts zu sagen, da ein einziges gutes Jahr nicht nur ein, sondern zwei und drei schlechte Jahre einbringt. Dabei ist zu bedenken, daß die Gewinnung von Honig und Wachs nicht einmal der größte Nutzen ist, den wir von den Bienen haben, daß eigentlich der Vorteil, den wir daraus ziehen, daß sie die Befruchtung sämtlicher Obstbaumblüten besorgen, noch viel wichtiger ist. Wenn sie nicht im April und Mai von Baum zu Baum und von Blüte zu Blüte flögen, um die Befruchtung zu vollziehen, sollten wir sehen, wo unsere Obsternte bliebe. Überall, wo ein Natur- und Tierfreund einen Bienenstand errichtet, um sich eine angenehme und zugleich nützliche, jedermann zu empfehlende Nebenbeschäftigung zu verschaffen, sollten ihn die Nachbarn nicht scheel ansehen, sondern als großen Wohltäter der ganzen Gegend und Beförderer des Obstbaues mit Freuden begrüßen und ihm in seinem Unternehmen alle nur denkbaren Erleichterungen verschaffen. Es gibt ja nicht nur im deutschen Sprachgebiet, sondern in allen Kulturländern eine vortreffliche Literatur über Bienenzucht und deren rationelle Handhabung, so daß sich jedermann daraus Rat holen kann. Dann schließe er sich älteren Imkern an, die ihm gern mit Rat und Tat an die Hand gehen werden, trete einem Bienenzüchtervereine bei, aus dessen Zusammenkünften er reichen Gewinn für die beste Art der Behandlung seiner Schützlinge empfangen wird.

Es kann nicht unsere Aufgabe sein, hier die Grundzüge der rationellen Bienenzucht an Hand der Lebensweise der Bienen und der Einrichtung ihres Staatshaushaltes, die als jedem Gebildeten geläufig vorausgesetzt werden darf, zu geben. Wir möchten nur alle Interessenten auf das von Ulrich Kramer, dem Präsidenten des Vereins schweizerischer Bienenfreunde in Zürich, in dritter vermehrter Auflage herausgegebene, reichillustrierte Buch: Die Rassenzucht der Schweizer Imker und die amerikanischen Zuchtmethoden (für Deutschland und Österreich zu beziehen durch die Buchhandlung Paul Watzel in Freiburg i. Breisgau). Darin wird in allgemeinverständlicher Weise gezeigt, wie die Weiselzucht der Zukunft sich gestalten soll. Jedenfalls hat sie schon mit eintägigen Larven zu beginnen, die man nach amerikanischer Methode in künstliche Weiselzellen bringt, oder noch besser durch Ausstechen einzelner Brutzellen und Anfügen an die Wabenkanten der zu veredelnden Stöcke; denn begreiflicherweise kommt es für die Erlangung guter Bienenvölker vor allem auf die Gewinnung guter Königinnen an. Und diese zu erlangen, hat man so völlig in der Hand. Wir haben nämlich außer den Naturrassen auch verschiedene Kulturrassen der Honigbiene, auf die wir noch kurz einzutreten haben. Sie werden durch Kreuzung verschiedener Naturrassen gewonnen. Von letzteren haben wir anzuführen:

Die nordische oder deutsche Biene (Apis mellifica im eigentlichen Sinne des Wortes). Sie ist dunkelbraun mit gelblichbraunen Säumen an den Leibesringen und erscheint an älteren haarlos gewordenen Exemplaren schwarz. Sie ist über ganz Mitteleuropa verbreitet und geht nordwärts bis zum 60. Grad nördlicher Breite (Helsingfors in Finnland). Sie findet sich aber auch in Nordspanien, Dalmatien, Griechenland, Kleinasien und Nordafrika, gelangte nach dem Kap der Guten Hoffnung und Nordamerika, wo sie heute sehr verbreitet ist. Sie ist fleißig und ausdauernd und liefert bei guter Frühlingstracht 2–3 Schwärme. Eine Abart von ihr ist die Heidebiene, die sich durch ihre große Schwarmlust auszeichnet, aber geringeren Honigertrag liefert. Zur Beförderung des Brütens und Schwärmens wird sie gern mit der vorigen gekreuzt. Eine andere Abart, die in der Behaarung weißlicher als die nordische Biene ist und mehr graue Hinterleibsringe hat, ist die Krainer Biene. Sie ist auch sehr fruchtbar und schwarmlustig, bestiftet mehr Drohnenzellen als die nordische und die italienische Biene, ist eine gute Honigsammlerin und viel gutmütiger als die nordische und italienische Biene, so daß man gewöhnlich ohne Rauch und Schleier mit ihr umgehen kann. Wegen ihrer sanften Gemütsart ist sie besonders Anfängern zu empfehlen. Sie eignet sich besonders zur Kreuzung, da, wo man den Bruttrieb zu steigern begehrt.

Die italienische Biene (Apis ligustica). Sie ist so groß wie die vorigen, aber heller gefärbt, und die beiden ersten Hinterleibsringe sind bei ihr rotgelb. Ihr Verbreitungsgebiet ist Italien von den Alpen bis Sizilien. Sie ist fruchtbarer als die nordische Biene, beginnt im Frühjahr früher mit dem Eierlegen und Schwärmen, stellt dafür die Vermehrung im Nachsommer auch eher ein. Bei der Rückkehr von der Tracht verfliegt und verirrt sie sich öfter als die schwarze Biene und ihre Völker sind um so schwächer, je heller sie gefärbt sind. Im Auffinden neuer Honigquellen sind sie besser als die nordischen Völker, auch sind sie sanfter und weniger stechlustig; doch verteidigen sie ihren eigenen Stock mit viel Mut und Geschick. Im Bruttrieb sind sie den schwarzen nordischen Bienen überlegen, im Sammeltrieb mindestens ebenbürtig. Die durch Kreuzung von ihnen mit den schwarzen nordischen Bienen entstandenen Bastardvölker übertreffen in bezug auf Geruchsinn und Sammeltrieb, aber auch in Stechlust ihre beiden Eltern. Die Einführung der italienischen Biene in Mitteleuropa hat viel dazu beigetragen, die einheimische Bienenrasse durch Blutauffrischung zu heben und zu verbessern. Ein Schweizer, Thomas Konrad von Baldenstein auf Schloß Baldenstein in Graubünden, hat die deutsche Imkerwelt zuerst auf die italienische Biene aufmerksam gemacht, worauf der verdiente Pfarrer Dzierzon sie 1853 in Deutschland einführte. Sie wurde durch die Europäer nach China gebracht und 1862 auch in Australien angesiedelt.

Noch stechlustiger als sie sind die cyprische und syrische Biene, die bei uns ebenfalls eingeführt wurden, aber sich wegen dieser großen Stechlust nicht dauernd einzubürgern vermochten. Ebenfalls ungeeignet für unsere Gegenden ist die über Ägypten, Arabien, Syrien bis nach China verbreitete ägyptische Biene (Apis fasciata), von kleiner Gestalt, mit rotem Schildchen und weißer Behaarung. Sie ist im Gegensatz zu den vorigen wärmebedürftig und hält bei uns den kalten Winter nicht aus. Ihr nahestehend, aber an Brust und Hinterleib graugelb behaart, ist die mit Ausnahme von Algerien und Ägypten über ganz Afrika verbreitete afrikanische Biene (Apis adansoni). Sie ist nach Konrad Keller in den Somaliländern, namentlich längs der Flüsse, häufig und wird wohl am stärksten in Abessinien gezüchtet, das eine Menge Honig produziert und Wachs nicht nur im Inland verwendet, sondern auch in ziemlicher Menge ausführt. Ebenfalls kleiner als unsere nordische Biene, stark behaart und einfarbig schwarz ist die auf der großen Insel Madagaskar und den ihr vorgelagerten vulkanischen Eilanden Bourbon und Mauritius heimische madagassische Biene (Apis unicolor). Außerdem beherbergt Asien die drei vom Menschen in Kultur genommenen Bienenarten Apis dorsata, A. florea und A. indica, die für uns nicht in Betracht kommen, aber in Südasien von Wichtigkeit sind. In Kaschmir und im Pandschab hält fast jeder Landwirt Bienenstöcke, welche er in seine Wohnung einbaut.

Nordamerika entbehrte der stacheltragenden altweltlichen Honigbiene, als die Europäer die Ostküste desselben besiedelten. Erst im Jahre 1675 wurde sie aus Europa dort eingeführt und in Newbury, (Massachusetts) der erste Bienengarten eingerichtet. Unsere Honigbiene fühlte sich in der Neuen Welt recht wohl, sie flog in entronnenen Schwärmen dem Ansiedler immer weiter nach Westen voran, und die Indianer nannten sie die „Fliege des weißen Mannes“. Im Jahre 1779 hatte sie den Mississippi noch nicht überschritten, aber 1811 war sie bereits 900 km über ihn hinaus in wildlebenden Völkern verbreitet. Heute gibt es in den Vereinigten Staaten über 700000 Imker, und der Wert des jährlich von ihnen geernteten Honigs beläuft sich auf etwa 80 Millionen Mark, der des gesammelten Wachses dagegen beträgt 8 Millionen Mark. Kalifornien erzeugt den besten Honig der Union, und als beste Biene wird die Palästinabiene gerühmt, die im Jahre 1884 dort eingeführt wurde.