In Mittel- und Südamerika war wenigstens der Honig den Eingeborenen vor der Ankunft der Spanier sehr wohl bekannt. In Mexiko fand man in alten Ruinen aus der Zeit der Azteken mit ihm gefüllte hermetisch verschlossene Gefäße. Er stammte von den in Mittel- und Südamerika einheimischen stachellosen Bienen von den Gattungen Melipona und Frigona. Diese Bienen, von den Einwanderern „angelicos“, d. h. die engelgleichen, weil nicht stechend, genannt, liefern auch heute noch einen großen Teil des in Mexiko gewonnenen Honigs. In wirtschaftlicher Bedeutung werden sie aber mehr und mehr von der europäischen Honigbiene verdrängt, die im letzten Jahrhundert überall, auch in den Republiken Südamerikas, eingeführt wurde. Sie kam 1764 von dem damals noch spanischen Florida zuerst nach der Insel Kuba, warf sich dort aber mit solcher Intensität als Zuckerräuber auf die Siedereien von Rohrzucker, daß die Zuckerpflanzer sie alsbald in ihrem Lande ausrotteten. Von Kuba aus kam sie durch die Spanier nach Haiti, wo sie bald verwilderte. Erst 1839 kam sie nach Brasilien, 1848 nach Chile und 1857 nach Argentinien. Während die Bienenzucht neuerdings in Brasilien so gewachsen ist, daß das Land Honig und Wachs exportieren kann, wovon ein Teil auch nach Deutschland geht, liefert seit einigen Jahrzehnten besonders Chile sehr viel davon. Das milde Klima und der Reichtum des Landes an Honigpflanzen förderten die Bienenzucht ungemein. Ein Bienenstock ergibt hier durchschnittlich 25 kg Honig jährlich; doch sind Fälle, in denen gegen 40 kg gewonnen wurden, nicht selten. Von den 21⁄2 Millionen kg Honig, die aus Chile exportiert werden, geht etwa die Hälfte nach Deutschland. Die Insel Kuba, auf der erst neuerdings die Bienenzucht wieder eingeführt wurde und mit größtem Erfolge betrieben wird, führt gegen 11⁄2 Millionen kg Honig aus, von denen wiederum die Hälfte nach Deutschland geht. So verzehren wir nicht so selten in unseren Lebkuchen Honig, den die Bienen in fernen Ländern jenseits des Atlantischen Ozeans eingetragen haben. Es ist dies kein Wunder; denn von den 300 Millionen kg Honig, die jährlich auf der ganzen Welt gewonnen werden, erzeugt Amerika mehr als die Hälfte. Im Jahre 1840 kam die Honigbiene nach Neuseeland. Schon vorher war sie in Australien eingeführt worden, wo ihre Zucht von 1865 an einen besondern Aufschwung nahm.

XXIII. Der Seidenspinner.

Außer der Honigbiene kommt unter allen Insekten wirtschaftlich nur noch der Maulbeer-Seidenspinner (Bombyx mori) als wichtiges Nutztier des Menschen in Betracht. Und zwar steht er in Ostasien schon so lange unter der Fürsorge des Menschen, daß er im Gegensatz zur Biene sich im Laufe der Zeit zu einem echten Haustier umbildete und deutliche Einwirkungen der Domestikation erkennen läßt. Ja, er ist unter der Pflege des Menschen so unselbständig geworden, daß seine Raupe nicht mehr ihr Futter selbst findet, wenn sie nicht von jenem daraufgesetzt würde. Raupen, die im Freien aufgezogen werden und vom weißfrüchtigen Maulbeerbaum (Morus alba), ihrer ausschließlichen Futterpflanze, herunterfallen, finden den Weg zu den beblätterten Zweigen nicht mehr. Sie klettern nicht wie andere Raupen den Stamm hinauf, um zu ihrem Futter zu gelangen, sondern irren planlos umher und verhungern schließlich. So sehr sind sie durch ungezählte Generationen hindurch gewöhnt worden, von ihrem Pfleger auf die beblätterten Zweige gesetzt zu werden, daß sie den angeborenen Instinkt der wildlebenden Vorfahren verloren haben. Die lange Dauer der Domestikation und namentlich die Aufzucht in geschlossenem Raume ist auch anderweitig nicht ohne Einfluß auf den Seidenspinner gewesen. Das Geschlechtsstadium, der Schmetterling, hat viel von seinem Flugvermögen eingebüßt; er schwirrt mehr statt zu fliegen, während die meisten Verwandten sehr fluggewandt sind. Neben größeren Formen sind auch Zwergformen gezüchtet worden und solche mit einer doppelten Generation im Jahr, während das Tier ursprünglich nur eine Generation jährlich aufwies. Auch zeigen die Kokons sowohl in der Größe wie in der Färbung erhebliche Unterschiede; es gibt unter ihnen weiße, goldgelbe und grüne Farbennuancen.

Der unscheinbare Falter von 4–5 cm Spannweite ist an Körper und Flügeln schmutzigweiß mit drei gelbbraunen Wellenlinien über letzteren und gekämmten schwarzen Fühlern in beiden Geschlechtern. Die Vorderflügel erscheinen am Außenrand wie ausgeschnitten und haben gegen die Spitze zu sichelartige Fortsätze. Die Neigung der Falter, sich bald nach dem Ausschlüpfen aus der Puppe zu paaren, deutet darauf hin, daß der kurzlebige Imagozustand lediglich die Aufgabe hat, für die Erhaltung der Art zu sorgen. Nahrung wird in demselben nicht aufgenommen, womit die geringe Entwicklung der Mundwerkzeuge im engsten Zusammenhange steht. Das dickleibige, größere Weibchen läßt sich unschwer vom schmächtigen Männchen unterscheiden. In ihm sind die Eier in den paarigen, jederseits aus vier langen Eischläuchen bestehenden Eierstöcken perlschnurartig aufgereiht. Im Herbst legt das Weibchen durchschnittlich 500 mohnkorngroße Eier, von denen 1450 auf 1 g gehen. Sie sind erst strohgelb, verfärben sich später und werden schiefergrau. In der Regel kommt jährlich nur eine Generation zur Entwicklung. Aus den überwinterten Eiern schlüpfen im Frühjahr, sobald der weißfrüchtige Maulbeerbaum junge Blätter treibt, die kleinen nackten, anfangs dunkelbraunen, später weißlichgrauen Raupen aus, welche am zweiten und dritten Ringe merklich aufgetrieben sind und namentlich wegen ihres Hornes am Leibesende, am elften Ringe, große Ähnlichkeit mit einer Schwärmerraupe haben. Sie verfügen wie alle Raupen über einen sehr guten Appetit und fressen, wie die Chinesen behaupten, an einem Tage das zwanzigfache ihres Gewichtes an Maulbeerblättern. Man rechnet, daß 10000 Raupen während der 32 Tage ihres Raupenlebens etwa 200 kg Maulbeerblätter verzehren. Die Nahrung wird rasch umgesetzt und außer zum Wachstum zur Aufspeicherung von Reservestoffen für die Verwandlung in den Falter verwendet. Die rasch wachsende Raupe wechselt ihr Chitinkleid wiederholt, und bis zur Verpuppung erfolgen fünf Häutungen. Die erste Häutung erfolgt nach fünf, die zweite nach weiteren vier, die dritte nach weiteren sechs und die vierte nach weiteren sieben Tagen. Die letzte Hülle wird erst innerhalb des Gespinstes vor der Verpuppung abgestreift. Jedesmal vor der Häutung setzt sie mit dem Fressen aus und gibt sich der Ruhe hin; nach absolvierter Häutung beginnt sie wieder zu fressen und setzt diese Arbeit so lange fort, bis ihr das Kleid zu eng geworden ist und sie eines weiteren bedarf, was durch erneute Häutung bewerkstelligt wird.

Die Raupe des Seidenspinners ist wohl die vollendetste aller Spinner. Die außerordentlich entwickelten Spinnschläuche liegen neben dem Darm und bilden das Hauptorgan in der Leibeshöhle. Im spinnreifen Zustande schimmern sie durch die dünne Chitindecke des Leibes hindurch und erreichen im ausgestreckten Zustand eine Länge von 3⁄4 m. Die fein ausgezogenen Spinnschläuche münden auf der Unterlippe und ermöglichen es der Raupe aus ihrem zähflüssigen, gelblichen Inhalt einen feinen Seidenfaden von etwa 3000 m Länge zu spinnen. Derselbe ist völlig strukturlos und besteht aus 66 Prozent stickstoffhaltiger Seidensubstanz, Fibroin genannt, und 33 Prozent Bast, einer Sericin genannten leimartigen Substanz, die die Farbe enthält und die Seide rauh, hart und steif macht. Beginnt die Raupe das Gespinst anzulegen, so drückt sie die Unterlippe gegen eine Unterlage, etwa einen dargereichten Zweig, und zieht mit eigentümlichen Kopfbewegungen den zähen, an der Luft sofort erhärtenden Spinnstoff aus den Röhren heraus, wobei der Faden natürlich doppelt wird. Erst wird ein lockeres Gespinst von sogenannter Flockseide angelegt, später der feste Kokon in regelmäßigen Achtertouren gesponnen. Die braune Puppe ruht in der seidenen Hülle, die sie zum Schutze gegen Feinde und schädigende äußere Einflüsse in etwa 31⁄2 Tagen um sich herum gesponnen hat, 14–18 Tage lang, um sich während dieser Zeit zum geflügelten Geschlechtstier, der Imago, zu entwickeln. Sobald der Schmetterling fertig ausgebildet ist, reißt er an einem Pol die vorher durch ein verdauendes Ferment aufgeweichte Puppenhülle durch, schlüpft aus und läßt die Flügel erstarren, ohne aber Flugversuche zu unternehmen. Doch so weit läßt es der Mensch in der Regel gar nicht kommen, außer wenn er die Gewinnung von Eiern, sogenannten Grains, zur Fortpflanzung des Seidenspinners beabsichtigt. Da die Kokons abgehaspelt werden müssen, um die Seidenfäden, auf die es der Mensch abgesehen hat und deretwegen er das Tier überhaupt in Pflege genommen hat, zu gewinnen, so wird das Ausschlüpfen des Falters verhindert, indem man die Puppe durch Anwendung von Hitze oder dem giftigen Schwefelwasserstoff tötet.

Bevor der Mensch die Seidenspinnerraupe zur Gewinnung von Seide selbst züchtete, sammelte er deren Kokons auf den Bäumen, von deren Blättern sie sich ernährte. Später trieb er eine wilde Zucht, indem er die Raupen auf bestimmten, in der Nähe seiner Wohnung zu diesem Zwecke gepflanzten Bäumen ansiedelte und hegte, um dann nach deren Einpuppung Ernte zu halten. Diese wilde Zucht wird noch im Norden Chinas, besonders aber in Indien betrieben, in welch letzterem Lande sie noch wichtiger als die häusliche Zucht ist, bei welcher die Raupen in geschlossenen Räumen gehalten und mit vom Maulbeerbaume gepflückten Blättern gefüttert werden. Diese engere Zucht ist in China zuerst eingeführt worden und hat sich von da über zahlreiche Länder der Erde verbreitet. Sie ist jedenfalls in jenem Lande eine uralte, da dort schon im hohen Altertum vom Kaiser und seinem Hofe wie auch von den Vornehmen seidene Gewänder neben den älteren wollenen und leinenen getragen wurden. Nach der Sage soll die Gattin des Kaisers Huang-li im 26. Jahrhundert v. Chr. als erste die Seidenraupe genährt und nach deren Einpuppung mit ihren Fingern, d. h. ohne Zuhilfenahme einer Maschine, die Seidenfäden von den Kokons abgehaspelt haben. In Peking ist ihr ein innerhalb des verbotenen, vom Kaiser und seinem Hofe bewohnten Stadtteils gelegener Tempel geweiht und dort werden ihr alljährlich einmal von der Kaiserin und ihrem ganzen Hofstaat Opfergaben dargebracht. In feierlichem Aufzuge begiebt sie sich dahin. Im Tempelgarten schneidet sie eigenhändig mit einer goldenen Schere Blätter des weißfrüchtigen Maulbeerbaums ab, während die sie begleitenden Hofdamen dies mit silbernen Scheren besorgen. Damit werden dann die Seidenraupen im Innern des Tempels gefüttert. Dann werden der Kaiserin und deren Hofdamen von den Priestern Kokons dargereicht, von denen sie mit den Fingern die Seide abzuwickeln versuchen. Und wie in der Hauptstadt durch die Kaiserin, so wird in den Provinzialstädten durch die Frauen der betreffenden Mandarine, die der Stadt vorstehen, ein solches Fest zu Ehren der vergöttlichten Gattin des Kaisers Huang-li, der Schutzgöttin der Seidenraupenzucht, gefeiert. Bis vor kurzem zog auch die Kaiserin mit ihren Hofdamen, wie auch die Prinzessinen, Seidenraupen. Heute geschieht dies allerdings nicht mehr. Gleichwohl ist bis auf den heutigen Tag die Aufzucht der Seidenraupe überall in China eine Beschäftigung der Frauen, während der Ackerbau Sache der Männer ist.

Die beste chinesische Seide wird in der Provinz Tsche-kiang hergestellt. Die Hauptstadt derselben, Hang-tschou, ist gleichzeitig das Handelszentrum für Seidenbau und Fabrikation von Seidenstoffen, wie heute Lyon für Europa. Die Seidenraupenzucht wird dort von den Bauern im kleinen betrieben. Wie unsere Bauern ihre eigenen Kartoffeln und Rüben auf ihren Äckern pflanzen, so pflanzt auch jeder Bauer in der Provinz Tsche-kiang seinen Reis und Tee und zieht seine Seidenraupen, die ihm nicht nur zur Lieferung von Seide, sondern auch zur Nahrung dienen. Sind nämlich die Kokons abgebrüht und die Seidenfäden abgewickelt, so werden die durch das Brühen getöteten Puppen als leckere Speise verzehrt. Für die Zucht der Seidenraupe werden natürlich immer nur die größten und vollkommensten Kokons verwendet. Schon am ersten Tage, nachdem sich der Falter durch die seidene Hülle des Kokons gebohrt hat und ans Tageslicht getreten ist, legt er nach erfolgter Paarung — oft aber auch ohne diese — auf einen großen Bogen groben Papiers, auf den man ihn gesetzt hat, seine gegen 500 winzige Eier ab. Diese Papierbogen werden nun sorgfältig in reines Wasser getaucht und auf horizontalen Bambusstangen zum Trocknen aufgehängt. Dort bleiben sie den Sommer und Herbst über bis zum Dezember und werden dann in einem reinen, staubfreien, sonnigen Zimmer auf den Boden gelegt. Im Februar werden die Eierbogen nochmals dadurch gewaschen, daß man sie eine Zeitlang mit warmem Wasser übergießt. Dies geschieht wohl auch deshalb, um ein möglichst gleichzeitiges Auskriechen der Raupen zu erzielen. Sobald die jungen Räupchen ausgekrochen sind, bekommen sie Maulbeerblätter, die alle 2–3 Stunden neu gestreut werden. Sie dürfen aber weder vom Regen noch vom Tau naß sein. In den Raupenzimmern legt man die Blätter auf Papierbogen oder Matten auf Hürden, wobei man nach der ersten Häutung das Lager mit den Exkrementen und unverbrauchten Blattresten täglich entfernt. Zu dem Zwecke legt man Netze oder durchlöchertes Papier auf die Raupen. Sehr bald kriechen sie hervor und können auf neue, saubere Hürden übertragen werden. Das alte Lager wird aufgerollt und hinausgeschafft. Mit dem Größerwerden der Raupen müssen ihnen natürlich immer größere Räume zur Verfügung gestellt werden. Am 32. Tage nach dem Ausschlüpfen aus dem Ei, wenn die Raupen aufhören zu fressen und man sieht, daß sie sich zum Verpuppen vorbereiten, hängt man in den Raupenhäusern lose Strohbündel auf und setzt auf jedes derselben 70–80 Raupen. Die Strohhalme geben ihnen den nötigen Halt, um sich einzuspinnen. Nach spätestens fünf Tagen haben sie sich aus den zarten Seidenfäden ihre Kokons gesponnen. Alsbald werden diese von den Strohhalmen abgelöst, auf Bambusmatten gelegt und der Hitze von Kohlenfeuern ausgesetzt, welche die Puppen tötet. In großen Betrieben benutzt man dazu backofenartige Kammern, in denen die erhitzte Luft das Töten der Puppen besorgt. Nun werden die Kokons sorgfältig sortiert und in flachen Körben in heißes Wasser gelegt, um das Seidengespinst zu lockern und die Fäden abhaspeln zu können. Nach dem Erweichen in Wasser von 90–100° C. bringt man sie in solches von 60–70° und schlägt sie mit einer von Hand oder in größeren Betrieben in Europa durch einen Exzenter auf und ab bewegten Bürste, um die oberflächliche Flockseide zu lösen und die Anfänge des Seidenfadens zu gewinnen. Hierauf gelangen sie in einen Trog mit Wasser von 50–60° und werden nach Vereinigung mehrerer Fäden zu einem Rohseidenfaden abgehaspelt. Während in China die Seidenfäden mit den primitivsten Mitteln gewonnen werden, benutzt man dazu in den Kulturländern Europas, die sich mit Seidenzucht abgeben, großartige maschinelle Einrichtungen. Die Rohseide wird dann auf besonderen Maschinen gezwirnt, indem man mehrere, meist 5–7 Fäden durch Zusammendrehen vereinigt. Von den 3000 m Seidenfaden, aus denen ein ganzer Kokon besteht, gewinnt man nur etwa 300–600, ausnahmsweise auch 900 m brauchbare Seide. Dabei wiegen 500–600 Kokons 1 kg und etwa 10 kg derselben liefern 1 kg gesponnene Seide, die an Haltbarkeit jede Pflanzenfaser übertrifft. Da nun aber diese Rohseide hart, steif und ohne Glanz ist, wird sie durch Kochen mit Seifenlauge zur Entfernung des Bastes „entschält“; dadurch wird sie nicht nur glänzend und weiß, sondern auch leichter und besser färbbar.

Von allen Städten Chinas ist das in einer tief sich ins Land hinein erstreckenden Bucht an der Küste südlich von Schang-hai gelegene Hang-tschose durch seine Seidenindustrie am berühmtesten. Ganze Quartiere werden hier von Seidenwindern und -spinnern eingenommen, die Tag für Tag ohne Unterbrechung ihrem Gewerbe obliegen und sich nur an 3 oder 4 Tagen im Jahr, am Neujahrsfest, Ruhe gönnen. Der größte Teil der Erzeugnisse dieser Stadt wird im Inlande abgesetzt, da die reichen und vornehmen Chinesen sich von jeher mit Vorliebe in Seidengewänder kleiden, die sehr kunstvoll mit prächtigen Stickereien hergestellt werden. Die gesamte Ausfuhr der Provinz Tsche-kiang beläuft sich nur auf 400 Pikuls (= 25000 kg) jährlich im Werte von 1⁄4 Million Taels (= 11⁄2 Millionen Mark). Am meisten Seide wird aus Han-kau, im Herzen Chinas am Yang-tse-kiang oder blauen Flusse gelegen, ausgeführt. Hier erreicht ihr Wert etwa 24 Millionen Mark im Jahr. Ebenso viel exportiert Kau-tau, dann folgen der Reihe nach Tschi-fu und I-schang. Der Gesamtexport Chinas beträgt im Jahre etwa für 150–160 Millionen Mark.

In den nördlichen Provinzen Chinas sowie in der Mandschurei werden die Seidenraupen nicht mit Maulbeerblättern, sondern mit Eichenlaub, bei uns in Europa auch mit den Blättern der Schwarzwurzel (Scorzonera hispanica), großgezogen. Man läßt dort die Raupen auf den Bäumen, wo sie sich selbst ernähren. Hier bleiben sie ohne Pflege und besonderen Schutz, bis sie sich eingesponnen haben. Die Frühjahrkokons werden nicht eingeheimst; man läßt aus ihnen die Falter auskriechen und sich vermehren. Erst die Herbstkokons werden geerntet und auf Seide verarbeitet. In diesen nördlichen Provinzen, wie auch im Stromgebiet des Yang-tse-kiang, sind die Krankheiten der Seidenraupe, welche in Frankreich und Italien so große Verheerungen anrichten, unbekannt; dagegen sind sie in Tsche-kiang schon aufgetreten. Trotzdem liefert China unzweifelhaft auch heute noch die meiste Rohseide; und wollten die Chinesen endlich die bewährten europäischen Erzeugungsmethoden annehmen, so würde es ihnen leicht werden, den sich in letzter Zeit äußerst stark geltend machenden japanischen Wettbewerb aus dem Felde zu schlagen und ihre schon jetzt so großen Einnahmen zu verdoppeln. Daß dies in verhältnismäßig naher Zukunft der Fall sein wird, daran ist nicht im geringsten zu zweifeln.