Wie die Chinesen den Seidenspinner zum eigentlichen Haustier erhoben, haben sie auch die Seidenraupenzucht im Altertum als ihr ausschließliches Monopol eifersüchtig gehütet. Dieses Monopol wurde zum erstenmal, soweit wir wissen, im Jahre 140 v. Chr., durch eine chinesische Prinzessin durchbrochen. Solche wurden schon damals als Opfer der Politik zur Einleitung freundschaftlicher Beziehungen oder zur Befestigung bestehender Bündnisse gewissermaßen als Ehrengeschenke Fürsten der angrenzenden Länder gegeben. Eine solche brachte die Zucht der Seidenraupe aus dem Herzen Chinas nach der uralten Kulturoase Chotan am nördlichen Abhange des Kuen-lün oder Himmelsgebirges. Von Kind auf mit der Aufzucht dieses Tieres vertraut, wollte sie es als teure Erinnerung an die ferne Heimat mitnehmen. Das durfte sie aber nur ganz im Verborgenen tun, und so schmuggelte sie Eier des Seidenspinners in ihrem Kopfputz verborgen über die Grenze.

Schon lange vorher waren Kleidungsstücke und Stoffe von in China bereiteter Seide als wertvolle Tauschmittel nach dem Auslande gebracht worden, zumal nach dem reichen Indien, wo solche früher schon an den Höfen und bei den Vornehmen einen beliebten Schmuck bildeten. Über den Umweg Indien oder auch direkt kam solcher Seidenstoff schon im Altertum auch in die Kulturländer am Mittelmeer, wo man sich allerdings von dessen Gewinnung teilweise sehr abenteuerliche Vorstellungen machte. So spricht der römische Dichter Vergil (70–19 v. Chr.) in seiner Georgica „von den Wäldern des Negerlandes, die weißgraue Wolle tragen — er versteht darunter offenbar die Baumwolle — und von der feinen Wolle, welche die Serer von Blättern kämmen“. Unter der Bezeichnung Serer verstand das klassische Altertum die Chinesen im fernsten Asien, und deshalb kann unter dieser von Blättern gekämmten Wolle nur die Seide, die bereits damals bei den Vornehmen Roms gebräuchlich war, verstanden worden sein. Auch der ältere Plinius (23–79 n. Chr.) sagt in seiner Naturgeschichte: „Die Serer sind berühmt durch die Wolle ihrer Wälder (also die Seide); sie begießen die weißgrauen Haare der Blätter und kämmen sie ab. Unsere Weiber müssen die Fäden wieder abwickeln und von neuem weben. So mühsam ist die Arbeit, durch die unsere Damenkleider hergestellt werden, so weit her holt man ihren Stoff“.

Tafel 59.

Seidenraupenzucht in Japan. 1. Die aus den Kokons ausgeschlüpften Schmetterlinge werden auf Papierbogen ausgebreitet, auf denen sie ihre Eier legen.

2. Fütterung der Seidenraupen mit Blättern des weißfrüchtigen Maulbeerbaums.

Tafel 60.

3. Eingesponnene Seidenraupen (Kokons).