4. Die Seide wird von den Kokons abgehaspelt.

Die Behauptung, daß die Seide in Form von Haaren auf Blättern wachse, ist zweifellos daher entstanden, daß man eine dunkle Ahnung davon hatte, daß gewisse Blätter zu deren Gewinnung nötig seien. Daß aber eine Raupe von diesen Blättern lebt und aus der Blattsubstanz Seide erzeugt, das wußte man noch nicht allgemein. Doch hatten schon einige besser unterrichtete Griechen Kunde davon. So spricht schon der gelehrte Erzieher Alexanders des Großen, Aristoteles (384–322 v. Chr.), von der Gewinnung einer Art Seide durch einen in Griechenland einheimischen Spinner. Er schreibt nämlich in seiner Naturgeschichte: „Aus einem großen Wurme, der eine Art Hörner hat und sich von andern unterscheidet, wird zunächst durch Verwandlung eine Raupe, dann ein bombylios (Kokon) und später eine Puppe; alle diese Verwandlungen macht er in sechs Monaten durch. Von diesem Tiere haspeln manche Weiber das Gespinst (ta bombýkia) ab und weben es dann. Pamphila, die Tochter des Plates, soll zuerst auf der Insel Kos (in der Nähe der Karischen Küste) diese Webekunst ausgeübt haben.“ Diese Stelle des Aristoteles bringt der ältere Plinius mit geringen Veränderungen und sagt dann, daß aus den Kokons eines Spinners (bombyx) als bombycine bezeichnete Gewebe verfertigt würden, aus denen man Kleider für prachtliebende Damen mache. Die Kunst, diese Fäden abzuhaspeln und dann zu weben, habe eine Frau von Koos, Pamphila, erfunden. Späterhin fährt er fort: „Auch auf der Insel Koos soll eine Art Spinner (bombyx) entstehen, indem sich die vom Regen abgeschlagenen Blüten der Cypressen, Terebinthen, Eschen und Eichen durch den Hauch der Erde beleben. Zunächst sollen daraus kleine, nackte Schmetterlinge (papilio) entstehen, welche bald gegen die Kälte einen schützenden Haarüberzug erhalten und sich dann gegen die Rauhigkeit des Winters eigene Kleider verfertigen, indem sie mit den Füßen den feinen Haarüberzug (lanugo) der Blätter abkratzen. Diesen krämpeln sie dann mit den Nägeln, breiten ihn zwischen den Ästen aus und ordnen ihn wie mit einem Kamme, worauf sie sich in das Ganze wie in ein bewegliches Nest einhüllen. Hierauf nimmt man sie ab, legt sie in lauwarme irdene Geschirre und füttert sie mit Kleie. Daraufhin bekommen sie Federn (pluma). Nun läßt man sie wieder frei, damit sie ihre Arbeit aufs neue beginnen können. Die schon begonnenen Gewebe werden in der Feuchtigkeit zähe und werden dann mit einer aus Binsen gemachten Spindel in dünne Fäden gezogen. Selbst Männer tragen solche leichte Kleider während der Sommerhitze, denn vom Panzer wollen unsere Weichlinge, die kaum noch ein leichtes Kleid zu tragen vermögen, nicht mehr viel wissen. Doch den assyrischen Bombyx überlassen wir noch den Damen“. Unter letzterem scheint die echte Seide verstanden worden zu sein, die vorzugsweise von den vornehmen Damen Roms zur Kaiserzeit getragen wurde; denn der römische Geschichtschreiber Tacitus (54–117 n. Chr.) schreibt in seinen Annalen, der Senat habe unter der Regierung des Kaisers Tiberius (14–37 n. Chr.) beschloßen den Aufwand einzuschränken und verbot Speisen in Gefäßen von massivem Gold aufzutragen, wie auch den Männern das Tragen seidener Kleider. Unter dem Gespinst von Kos muß aber das Erzeugnis eines anderen Spinners, der dort vielleicht in wilder Zucht kultiviert wurde, verstanden worden sein, wenn man nicht annehmen will, daß die aus gekrämpelten Fäden hergestellte Floretseide irrtümlicherweise von einer auf Kos lebend angenommenen Bombyxart abgeleitet wurde. Letzteres scheint sehr wahrscheinlich zu sein, denn man sollte doch denken, daß, wenn auf der Insel Kos tatsächlich eine Art Seidenspinner gezogen worden wäre, man über diese Zucht noch weitere Angaben bei antiken Schriftstellern finden sollte, was aber durchaus nicht der Fall ist.

Weit besser als die bisher genannten Autoren war der griechische Geschichtschreiber und Geograph Pausanias, der zwischen 160 und 180 n. Chr. einen Reiseführer durch die Kulturländer am Mittelmeer schrieb, über die Herkunft der chinesischen Seide orientiert. Allerdings war auch sein Wissen mit zahlreichen Irrtümern gespickt. Er schreibt nämlich in seiner Periegesis: „Im Lande der Serer lebt ein Tierchen, welches die Griechen sér nennen, während es bei den Serern selbst anders heißt. Es ist doppelt so groß wie der größte Käfer, übrigens den Spinnen gleich, hat auch acht Beine. Diese Tiere halten die Serer in eigenen Gebäuden, die für den Sommer und Winter eingerichtet sind. Das Gespinst dieser Tiere ist zart und sie wickeln es mit ihren Füßen um sich herum. Vier Jahre lang werden sie mit Hirse gefüttert; im fünften aber, und man weiß, daß sie nicht länger leben, bekommen sie grünes Rohr (kálamos) zur Nahrung. Dieses schmeckt ihnen unvergleichlich gut; sie fressen sich davon so dick und voll, daß sie platzen und sterben. Man findet alsdann in ihrem Innern noch viele Fäden.“

Wenn nun auch die alten Römer nicht recht wußten, was für ein Erzeugnis die Seide sei, so wußten sie doch, daß die von ihnen Serer genannten Chinesen im fernen Osten Asiens diesen kostbaren Stoff gewannen und in den Handel brachten. Der römische Geschichtschreiber Ammianus Marcellinus (geboren 330 zu Antiochia in Syrien, diente zuerst im Heer, lebte später in Rom, wo er in lateinischer Sprache eine „Römische Geschichte von 96–378“ in 31 Büchern schrieb und nach 390 starb) weiß uns zu erzählen: „Die Serer sind ruhige, sich nie mit Waffen und Krieg befassende Leute. Sie leben in einer gesunden Gegend, die reich an ziemlich lichten Wäldern ist, holen von den Bäumen, nachdem sie dieselben tüchtig mit Wasser bespritzt haben, eine Art Wolle, die, mit der Flüssigkeit gemischt und dann gekämmt, einen äußerst feinen Stoff liefert, der gesponnen die Seide gibt. Früher trugen nur vornehme Leute solche Kleider, jetzt tragen sie selbst die gemeinsten ohne Unterschied. — Kommen Fremde zu den Serern, um Fäden (d. h. Seide) zu kaufen, so legen sie ihre Ware aus und der Handel wird geschlossen, ohne daß ein Wort dabei gewechselt wird.“

Wenn auch nach diesem Autor im 4. Jahrhundert n. Chr. selbst die gemeinen Leute seidene Kleider trugen, so war dies zu Ende der Republik und zu Anfang der Kaiserzeit durchaus noch nicht der Fall. Damals waren Seidenstoffe etwas überaus Kostbares, deren Anschaffung sich nur sehr Reiche leisten konnten. So schreibt der römische Geschichtschreiber Dio Cassius: „Um einen Begriff von der verschwenderischen Pracht zu geben, welche der Diktator Julius Cäsar (es war in den Jahren 46–44 v. Chr.) entfaltete, so bemerke ich, daß er, wie einige Schriftsteller erzählen, im Theater seidene Stoffe zum Schutze gegen die Sonne über den Zuschauern ausbreiten ließ. Die Seide ist ein für Üppigkeit bestimmtes Gewebe, das eigentlich zum Gebrauche vornehmer Damen eingeführt wird. Die Zuschauer im Theater, welche bis dahin bei jeder neuen Szene laut über unvernünftige Verschwendung Cäsars geschrieen hatten, ließen sich die seidenen Tücher (Velarien) zur Abhaltung der Sonne ruhig gefallen; die Soldaten aber, welche sich ärgerten, daß das Geld nicht lieber für sie selbst verwendet worden war, machten einen entsetzlichen Lärm und konnten nicht eher zur Ruhe gebracht werden, als bis Cäsar einen von ihnen mit eigener Hand packte und hinrichten ließ.“

Außer zu Kleidern für vornehme Damen und Velarien für Theater und später auch Zirkus, wurde für alle möglichen Zwecke ein ausgedehnter Gebrauch von Seidenstoffen gemacht. So spricht Properz (45 v. bis 22 n. Chr.) in seinen Elegien von mit Seide geschmückten Wagen, von in arabischer Seide glänzenden Mädchen, von bunten Seidengeweben, die gegen Kummer nicht helfen. Horaz (65–8 v. Chr.) schreibt in einer seiner Epoden von „Büchern, die auf seidenen Kissen liegen.“ Ovid (43 v. bis 7 n. Chr.) sagt in seinem Amores, die über den Rücken herabwallenden Haare der Geliebten seien so zart wie Seide und so fein wie Spinnengewebe. Quintilian berichtet von einer aus Seide gewebten Toga, also dem Männerüberwurf. Martial spottet: „Galla ist alt und häßlich, schmückt sich aber mit seidenen Kleidern.“ Und der ältere Plinius schreibt in seiner Naturgeschichte: „Kränze sind schon seit langer Zeit bei den Römern im Gebrauch; jetzt aber hat es die Üppigkeit der Weiber so weit gebracht, daß man diejenigen Kränze für die besten hält, die mit bunten Seidenbändern durchflochten sind und von Salben triefen.“

In der späteren Kaiserzeit wurde der Luxus mit den kostbarsten Dingen, darunter auch mit Seidengeweben, immer weiter getrieben. Stark darin war der halbverrückte Kaiser Commodus. Nach dessen Ermordung im Jahre 192 fand der zum Imperator ausgerufene Stadtpräfekt in Rom, Pertinax, nach dem Berichte des Julius Capitolinus die Finanzen in einem verzweifelten Zustande, der durch die unsinnige Verschwendung seines Vorgängers Commodus verursacht worden war. Er sah sich daher, um hierin Ordnung zu schaffen, genötigt, alles zu verkaufen und zu Geld zu machen, was derselbe an verkäuflichen Dingen hinterlassen hatte, so z. B. Hofnarren, liederliche Dirnen, zahlreiche kostbare Kleider, deren Aufzug aus Seide, der Einschuß aber aus Goldfäden bestand, dann Waffen und Schmuck aller Art aus Gold und Edelsteinen, zahlreiche Gefäße, die aus Gold, Silber, Elfenbein oder kostbarem Holz der Sandarakzypresse aus dem Atlasgebirge (citrus) gearbeitet waren, Prunkkarossen usw. Bis dahin waren die Gewebe meist noch nicht ganz aus Seide hergestellt, sondern nur der Aufzug war von Seide, der Einschuß aber aus Wolle, Leinen, Baumwolle oder Gold, wie sie Commodus trug. Erst nach seiner Zeit ist von ganzseidenen Gewändern (stola holoserica — Stola war das bei den Römern über der Tunika getragene lange Frauengewand, das unter der Brust zu einem weiten Faltenbausch aufgegürtet wurde) die Rede, die als besonders üppig, weil sehr teuer, galten. Und Älius Lampridius schreibt in seiner Biographie des Kaisers Heliogabalus: „Kaiser Heliogabalus (regierte von 218–222 n. Chr.) soll der erste Römer gewesen sein, der ein ganzseidenes Kleid (holoserica vestis) trug; bis dahin hatten römische Männer nur halbseidene (subserica) getragen. — Er ließ sich Stricke aus purpur- und scharlachroter Seide flechten, um sich damit erhängen zu können, wenn sein letztes Stündlein geschlagen hätte. Um die Wahl zu haben, hielt er auch in hohlgeschliffenen Edelsteinen Gifte vorrätig, baute auch einen sehr hohen Turm und ließ an dessen Fuß den Boden mit Gold und Edelsteinen pflastern, um sich gegebenenfalls recht großartig auf dieses Prachtpflaster zu stürzen und so ganz glorreich den Hals brechen zu können. Aber alle diese schönen Plänchen wurden vereitelt; denn Hofnarren und Soldaten jagten ihn in einen Abtritt, schlugen ihn da tot, schleiften ihn durch allen möglichen Dreck und warfen ihn zuletzt mit einem Stein am Halse, damit er nicht begraben werden könne, in den Tiberstrom.“

Im Gegensatz zu diesem an den größten orientalischen Luxus gewöhnten Kaiser sagt der Geschichtschreiber Flavius Vopiscus von Kaiser Aurelian (ward 270 nach Claudius II. Tod von den Truppen in Mösien zum Kaiser ausgerufen, machte 272 der Herrschaft der Zenobia in Palmyra ein Ende, besiegte den gallischen Gegenkaiser Tetricus, fiel aber 275 auf dem Zuge gegen die Perser durch Meuchelmord): „Kaiser Aurelian hatte weder selbst ein ganzseidenes Kleid, noch schenkte er jemandem eins. Als ihn seine Gemahlin um die Erlaubnis bat, wenigstens ein pupurfarbiges seidenes Kleid tragen zu dürfen, antwortete er: „Nein, bewahre! Die Seide darf nicht mit Gold aufgewogen werden.“ Damals aber stand ein Pfund Gold einem Pfund Seidenstoffes an Wert gleich.“ Und vom Kaiser Tacitus, der 275, im Alter von 75 Jahren vom Senat zum Imperator gewählt, treffliche Absichten hatte, aber schon 276 auf einem Zug gegen die Goten in Kleinasien von seinen eigenen Soldaten ermordet wurde, hebt sein Biograph Flavius Vopiscus rühmend hervor, er habe allen Männern das Tragen ganzseidener Kleider verboten, da er solche Sitte als allzu verweichlichend für unpassend fand. Sein Verbot hatte aber nur vorübergehend Geltung und wurde unter seinen Nachfolgern bald aufgehoben. Ungescheut trugen auch die Männer jene üppigen Seidenstoffe aus dem fernen Asien. Erst später, als das Tragen solcher Gewandung in breitere Volksschichten überging, kamen die einsichtsvolleren Männer Roms wieder davon ab. Und der ums Jahr 400 n. Chr. lebende Schriftsteller Claudius Claudianus berichtet, daß es zu seiner Zeit Stutzer gab, denen selbst das seidene Kleid zu schwer war. Derselbe Autor spricht in seiner Lobschrift über den Vandalen Stilicho, der 395 Vormund des Kaisers Honorius und Regent des weströmischen Reiches ward, von seidenen Zügeln. Als dieser Stilicho 408 von einem Römer ermordet worden war, drang der Westgotenkönig Alarich mit seinem Heere, das jener 403 bei Pollentia und Verona geschlagen hatte, abermals plündernd in Italien ein und eroberte die Stadt Rom am 24. August 410. Bei der Übergabe dieser Stadt stellte dieser Germanenfürst, der bereits auf seinem Raubzuge durch Griechenland 395 die Annehmlichkeit des Tragens seidener Kleidung kennen gelernt hatte, nach dem Berichte des Geschichtschreibers Zosimus die Bedingung auf, daß ihm die Römer außer andern Kostbarkeiten 4000 seidene Gewänder abliefern sollten, was denn auch geschah. Daß dies möglich war, beweist, daß die Seide damals in jener üppigen Hauptstadt des weströmischen Reiches etwas ziemlich Gewöhnliches war.

In jener Zeit hatte die Zucht der Seidenraupe vom Gebiet von Chotan aus durch ganz Turkestan so weite Verbreitung gefunden, daß um die Mitte des 6. Jahrhunderts n. Chr. Dizabul, ein Herrscher der Turkvölker, mit Umgehung des dazwischenliegenden Reiches der Sassaniden mit dem oströmischen Kaiser Justinian I., der 527 seinem Onkel Justinus I. in der Herrschaft folgte und bis 565 regierte, Unterhandlungen über die Einfuhr von Seidenstoffen anknüpfte. Dieses Anerbieten Dizabuls lehnte aber Justinian ab, da inzwischen die Oströmer selbst die Seidenraupenzucht erhalten hatten. Im Jahre 551 hatten nämlich nach dem Geschichtschreiber Procopius zwei syrische Mönche die ersten Eier des Seidenspinners und eine gründliche Kenntnis der ganzen Zucht desselben von Turkestan nach Konstantinopel gebracht. Da die Todesstrafe auf der Ausfuhr von Eiern der Seidenraupe stand, schmuggelten sie diese in hohlen Stöcken auf oströmisches Gebiet hinüber, wo man mit diesem kostbaren Geschenk sehr wohl zufrieden war. Dort lernte man bald die Seide selbst gewinnen und daraus Seidengewebe herstellen. So konnte Justinian mit Umgehung der in Syrien ansässigen Seidenhändler aus der Seide in seinem eigenen Lande ein Monopol machen. Und dieses wurde in der Folge bis ins 12. Jahrhundert streng aufrecht erhalten. Späterhin wurde besonders die Insel Kos durch ihre Seidenkultur berühmt.