Erst als man die Seidenraupenzucht im eigenen Lande hatte, korrigierte man die falschen Anschauungen, die bis dahin über die Herkunft dieser Art Gewebe im Abendlande geherrscht hatten. Doch gab es gleichwohl noch genug Leute, die darin nicht recht Bescheid wußten und bei den althergebrachten falschen Ansichten blieben. So schreibt noch der 636 als Bischof von Hispalis (Sevilla) verstorbene Isidorus in seiner Biographie des Origines: „Die Seide heißt sericum, weil sie zuerst aus dem Lande der Serer kam. Dort sollen Würmchen (vermiculi) leben, welche die Fäden auf Bäumen ziehen; solche Würmer (vermes) werden von den Griechen bómbykes genannt.“

In Persien, Syrien und Kleinasien war die Seidenzucht schon zu Muhammeds Zeiten (571–632) stark verbreitet, und obschon dieser einflußreiche Prophet seinen Anhängern drohend zurief: „Wer hier Seide trägt, wird dort keine tragen,“ konnte der seit dem Altertum hier getriebene orientalische Luxus an kostbaren Webereien und Stickereien unmöglich auf dieses neue hervorragende Material verzichten. So erdachten sich die schlauen Anhänger des Propheten einen Kompromiß zwischen den allzustrengen Geboten Muhammeds und den Bedürfnissen des täglichen Lebens, und erklärten nur reinseidene Gewänder und Gewebe für verboten, während Seide, die in anderes Gewebe eingewebt, eingestickt oder eingenäht wurde, erlaubt sein sollte. Jedenfalls ist die Seidenzucht in allen muhammedanischen Ländern bald zu großer Blüte gelangt und hat besonders auch unter den gewerbetüchtigen Mauren in Spanien eine große Bedeutung erlangt, indem der Export von kostbaren Seidenstoffen von dort nach Europa ein nicht unwichtiger war. Aber nicht von Spanien, wo die Mauren nur Seidenstoffe, nicht aber die Seidenraupe selbst außer Land gaben, sondern von Sizilien aus wurde die Seidenzucht zunächst nach Italien und dann nach Südfrankreich verbreitet. In Siziliens Hauptstadt Palermo hatten die Araber seit dem 10. Jahrhundert eine auch von ihren Nachfolgern, den Normannen, nach der Eroberung der Insel im Jahre 1072 beibehaltene staatliche Fabrik für Seidengewebe, die unter anderm auch die normannischen Krönungsgewänder lieferte. Diese kamen durch Konstantia, die Erbin des sizilischen Königs Wilhelm II., mit der sich Kaiser Friedrichs I. Barbarossas Sohn Heinrich IV. 1186 vermählte, in den Besitz der Hohenstaufen und wurden durch sie zu den deutschen Reichskleinodien gemacht. Daher kommt es, daß der Mantel und die Strumpfbänder, mit denen der Kaiser des heiligen römischen Reichs deutscher Nation bei der feierlichen Krönung bekleidet wurde, arabische Inschriften von Goldstickerei auf purpurfarbiger Seide tragen. Ersterer, der im Jahre 1133 für Roger II. hergestellt wurde, welcher sich drei Jahre zuvor in Palermo zum Könige von Sizilien und Apulien, das er 1127 erbte, hatte krönen lassen, trägt außerdem das echt arabische Motiv der Darstellung eines Löwen, der unter einer Dattelpalme ein Kamel würgt.

In Italien breitete sich dann in begünstigten Gebieten die Seidenzucht ziemlich rasch aus. So empfingen die Fabriken Norditaliens ein wichtiges Produkt für ihre Weberei. Besonders zeichnete sich Lucca, Bologna und Florenz aus; aber auch sie suchten daraus ein Monopol zu ihren Gunsten zu machen, indem sie die Ausfuhr des Seidenspinners und seiner Nährpflanze, des weißfrüchtigen Maulbeerbaumes, aus ihrem Gebiete aufs strengste untersagten. Solches Verbot mußte aber nur umsomehr die Begehrlichkeit der Nachbarn reizen. So ließ Ludwig XI., der von 1461 an Frankreich regierte, in seinem Lieblingssitze Plessis-les-Tours durch einen Kalabresen eine Seidenzucht einrichten, die aber erfolglos blieb. Erst einem seiner Räte gelang diese Einführung, indem er zuerst die Nährpflanze der Seidenraupe, den weißfrüchtigen Maulbeerbaum, in Südfrankreich anpflanzte und dann erst Eier des Seidenspinners zur Aufzucht der Raupe einführte. In der Folge wurde die südfranzösische Seidenzucht von den Königen Frankreichs in hohem Maße begünstigt, so daß schon unter Heinrich IV. der Altmeister der französischen Landwirtschaft, Olivier de Serres, sie als blühend hervorhob. Seit der Zeit des prachtliebenden Ludwigs XIV. nahm dann Lyon in der Fabrikation aller Seidenstoffe eine führende Stellung ein, gegen die die oberitalienischen Städte, selbst Mailand, wohin sie 1550 eingeführt wurde, zurücktreten mußten.

Während in Süditalien und Sizilien die vormals blühende Seidenweberei im 14. Jahrhundert verschwand, behielten diese Länder in der Folge nur die Erzeugung des Rohmaterials, während sich die dem damals überaus mächtigen und reichen Herzogtum Burgund angegliederten Niederlande einen großen Teil der Herstellung der allerkostbarsten Seidenzeuge, speziell Brokate, aneigneten. In Deutschland bildete sich im Jahre 1670, und zwar in Bayern, die erste Seidenbaugesellschaft. Von 1764 an bis zu seinem 1786 erfolgten Tode führte König Friedrich II., der Große, den Seidenbau in Preußen ein und begünstigte ihn in so hohem Maße, daß Krefeld versuchen konnte, es mit Lyon aufzunehmen. Doch verfiel in der Folge die ganze Unternehmung, weil es der Seidenraupe hier zu kalt war, so daß Krefeld, um weiter bestehen zu können, das Rohmaterial aus überseeischen Ländern, wie auch später Lyon infolge der Muscardine, beziehen mußte. Dadurch erhielt die Zucht der Seidenraupe im subtropischen Gebiet einen neuen Anstoß, zugleich aber wurde die Seidenindustrie des Orients, die sich bis dahin, wenn auch in geringerem Maße, in alter Weise erhalten hatte, durch die Entziehung des Rohmaterials aufs empfindlichste betroffen. Jetzt ziehen Persien, Kleinasien und Mazedonien die Seide für die französischen Fabriken, und China und Japan exportieren zunehmend rohe Seide. Auch die indische Seide geht jetzt fast ganz in die europäische Fabrikation über. Rußland hat die alte Seidenkultur Zentralasiens an sich gerissen, wie Frankreich diejenige Algeriens.

Am Kap der Guten Hoffnung wurden im Jahre 1730 ohne Erfolg Seidenraupen gezogen; auch in Mexiko, Argentinien und Chile blieben die diesbezüglichen Versuche bedeutungslos. Asien dagegen ist heute noch die Hochburg der Seidenzucht. Während in Indien bis nach Indo-china hinein die wilde Zucht die zahme weit überwiegt, wurde letztere von China aus schon frühe weiter ostwärts verbreitet. So kam sie zu Beginn des 2. Jahrhunderts in Korea auf und im Jahre 195 wurde sie durch den Prinzen Koman, einen Sproß des chinesischen Kaiserhauses, nach Japan, wo er sich niederließ, eingeführt. Sein Sohn ließ dann eine große Schar aus China herübergebrachter Seidenweber über das ganze Land verteilen, um das japanische Volk in dieser Kunst zu unterweisen. Man erzählt sich, das 50 Jahre später der damalige japanische Kaiser seine Gemahlin veranlaßt habe, die Häuser der Seidenraupenzüchter und Seidenweber zu besuchen, um sie in ihrer Tätigkeit zu ermutigen. Ja, im Jahre 462 ließ Kaiser Yurgake als ermunterndes Beispiel für das ganze Volk seine Gemahlin höchst eigenhändig Seidenraupen züchten und sie mit den Blättern des Maulbeerbaums füttern. Von dieser Zeit an wurde die Seidenkultur nach dem Berichte der japanischen Annalen, wie in China, ein Gegenstand von größter nationaler Bedeutung, so daß wie dort Seidenstoffe von allen besser Situierten getragen und an Stelle anderer Bezahlung als Steuer auch von den Staatsbeamten angenommen werden.

Heute werden alljährlich 24 Milliarden Kokons des Seidenspinners zur Gewinnung von Seide verbraucht, obschon neuerdings auch Kunstseide aus nitrierter Cellulose oder Schießbaumwolle hergestellt wird. Durch die vielhundertjährige Zucht in geschlossenen Räumen zeigen die Seidenraupen eine verminderte Widerstandsfähigkeit gegen Infektionen und sind den verschiedensten Krankheiten ausgesetzt, die große Verheerungen unter ihnen anrichten. Von den durch Spaltpilze angerichteten Krankheiten, den sogenannten Mykosen, ist zunächst die Schlaffsucht hervorzuheben, von den Franzosen flacherie und den Italienern flaccidezza genannt. Sie trat in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts mit ungewöhnlicher Heftigkeit auf und vernichtete einen starken Prozentsatz der Zuchten. Die Krankheit macht sich meist kurz vor der Verpuppung bemerkbar und nimmt einen sehr raschen Verlauf. Die Raupen zeigen dann verminderte Freßlust, werden schlaff und verenden schließlich. Das Innere derselben verfließt schon nach 1–2 Tagen zu einer schwarzbraunen Jauche, in welcher sich viele Spaltpilze befinden. Eine andere Mykose verursacht die Kalksucht, von den Franzosen muscardine, von den Italienern dagegen calcino genannt. Sie wird durch den Pilz Botrytis bassiana hervorgerufen, dessen Mycel das Innere des Raupenkörpers durchsetzt, wobei die absterbende Raupe zuerst wachsartig, später aber wie mit Kalk begossen erscheint, indem sie sich über und über mit den Sporenträgern bedeckt, die durch Verstreuen der rasch in die gesunden Raupen eindringenden Sporen andere Individuen anstecken. Die Seuche ist seit 1763 bekannt und gewann zu Beginn des vorigen Jahrhunderts besonders in Frankreich eine große Ausdehnung, ist aber seit 50 Jahren fast ganz verschwunden. Die Fleckenkrankheit oder Pebrine zeigt sich zuerst in verminderter Freßlust, dann erscheinen auf der Haut dunkle Flecken und das Schwanzhorn der Raupe verschrumpft meist. Doch können schwach infizierte Raupen noch einen Kokon spinnen und sich zu einem Schmetterling entwickeln. Der Erreger dieser Fleckenkrankheit ist ein Nosema bombycis genannter Spaltpilz, der ebenfalls leicht übertragen wird und großen Schaden anrichtet. Ebenfalls verderblich sind die Fett- oder Gelbsucht und die Schwind- und Schlafsucht.

Wie der Mensch Schläge der Seidenraupe mit strohgelbem, goldgelbem, grünlichem oder weißem Kokon gezüchtet hat, hat er auch größere und kleinere Rassen, wie auch solche mit ein und zwei Generationen im Jahr gezogen. Ganz verwildert ist dieses Haustier nirgends, immerhin gab es nach Aldrovandi im Jahre 1623 eine halbverwilderte Zucht in Kalabrien, indem man dort die Raupe auf dem Maulbeerbaume selbst ansiedelte und von diesen die Kokons sammelte. Der Haupthinderungsgrund des Gedeihens einer solchen Zucht im Freien sind vor allem die insektenfressenden Vögel, gegen die auch die Südasiaten ihre halbwilde Zucht durch Netze schützen müssen. Wahrscheinlich sind auch diese Feinde der wehrlosen Raupe die Ursache gewesen, daß man die Zucht dieses Tieres mehr und mehr ins Haus zog. Da in allen zur Seidengewinnung verwendeten Kokons die Tiere getötet werden müssen, wird die Seidenzucht nur durch die große Fruchtbarkeit des Schmetterlings ermöglicht. Durch Ausziehen des klebrigen, dickflüssigen Inhalts der Spinndrüsen kurz vor dem Verpuppen erzielt man in China und Japan ein sehr festes Material zum Anbringen der Angel an der seidenen Schnur.

Als wilde Stammform des Seidenspinners hat man den in dem östlichen Himalajagebiet vorkommenden Bombyx huttoni ansehen wollen, den der Engländer Hutton wildlebend auf dem wilden weißfrüchtigen Maulbeerbaum antraf. Jedenfalls muß er dem echten Seidenspinner sehr nahe verwandt sein, da er sich mit ihm kreuzen läßt, wobei die Nachkommen einer solchen Kreuzung fruchtbar sind. Ist dieser wilde Seidenspinner tatsächlich die Stammform des zahmen, so muß früher sein Vorkommen, das jetzt auf das östliche Himalajagebiet beschränkt ist, weiter östlich über Yünnan nach Südchina gereicht haben, wo eben der Wildling durch Zähmung zum Verschwinden gebracht wurde.

Doch ist dieser Spinner durchaus nicht der einzige, der verspinnbare Seide liefert. So beherbergt Ostasien noch einige andere Spinner, deren Kokons ebenfalls eine für den Menschen brauchbare Seide erzeugen. Als zu Beginn der 1850er Jahre unter den Seidenraupenzüchtern Südfrankreichs die als Pebrine erwähnte verheerende Epidemie ausbrach, deren parasitäre Natur Louis Pasteur feststellte, sah man sich, als sie den Züchtern schwere Verluste beibrachte und ihre ganze Existenz in Frage stellte, nach andern Spinnern um, die sich in Europa züchten ließen. Schon 1740 hatte der Missionar Pater d’Incarville über einen südasiatischen Spinner berichtet, der 20 Jahre später von Daubanton als „Halbmond“ in seinem Atlas abgebildet wurde und 1773 von Drury seinen wissenschaftlichen Namen erhielt. Es war der Ailanthusspinner (Saturnia cynthia), in Assam Erya genannt, der als Ersatz des Maulbeerspinners 1856 von Pater Fantoni aus China nach Frankreich eingeführt wurde. Seine Raupe, die auf dem Götterbaum (Ailanthus glandulosa) und der Rizinusstaude (Ricinus communis) lebt, entwickelt sich so rasch, daß in einem Jahre bequem dreimal frische Kokons erzielt werden können, die eine vorzügliche Seide liefern. Ja, Sir W. Neid, der Gouverneur von Malta, züchtete in der Zeit vom 2. Dezember bis zum folgenden November sogar viermal vollkommen gesunde Falter. Durch die künstlichen Zuchtversuche ist der schöne gelbbraune Schmetterling in Italien, Südfrankreich, bei Straßburg im Elsaß, wo er 1878 ausgesetzt wurde, bei Frankfurt am Main, im Tessin, bei Trient, in Istrien, bei Laibach, bei Wien und im östlichen Nordamerika heimisch geworden. Leider treiben die beiden genannten Futterpflanzen, die sonst in Deutschland ganz gut gedeihen, zu spät Blätter, um eine Zucht im großen ohne Treibhaus lohnend erscheinen zu lassen. Daher sahen die Akklimatisationsvereine sich nach anderen Seidenspinnern um, die mit einheimischen Pflanzen gefüttert werden können.

Bald wurden aus China und Japan zwei große Falter eingeführt, die in ihrer Heimat schon längst ihrer vortrefflichen Seide wegen gezüchtet wurden und allen Wünschen zu entsprechen schienen. Beide lassen sich bei uns leicht mit Eichenblättern ernähren. Es sind dies erstens der chinesische Eichenseidenspinner (Saturnia pernyi). Dieser in seiner Grundfarbe ledergelbe Schmetterling liefert in China zweimal jährlich Kokons, nämlich im Juni und Oktober. Drei Tage nach der Paarung, die 40–50 Stunden dauert, werden 150 bis 230 große, braune Eier gelegt, die nach etwa acht Tagen die anfangs schwarzen, nach der ersten Häutung aber grünen Raupen liefern. Setzt man ihnen saftiges Eichenlaub vor und bespritzt man dieses samt den Raupen einige Male mit Wasser, so gedeihen sie sehr gut und spinnen sich nach 50 Tagen zwischen den Blättern ihrer Futterpflanze ein. Die im Herbst erzielten Kokons überwintert man im Keller, damit die Raupen im April nicht früher auskommen, als frisches Eichenlaub zu ihrer Fütterung vorhanden ist. In China zieht man diese Raupen im Freien auf Eichengebüsch unter Aufsicht von Wärtern, die die Vögel zu verscheuchen und die Raupen von einem kahl gefressenen auf einen belaubten Busch zu setzen haben. Die großen, braunen Kokons werden zuerst auf Bambushürden über dem Feuer geröstet, um die darin befindlichen Puppen zu töten, dann zehn Minuten lang in kochendes Wasser gelegt, dem man einige Hände voll Buchweizenasche hinzufügt. Dadurch löst sich der das Gespinst verbindende Klebestoff auf, so daß sich die Seide bequem abhaspeln läßt. Diese ist fester und billiger als diejenige des Maulbeerspinners und bringt den Chinesen reichen Ertrag.