(Copyright M. Koch, Berlin.)
Tafel 68.
(Copyright Underwood & Underwood.)
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GRÖSSERES BILD
Auf den Prybiloffinseln dürfen nur die unbeweibten ein- bis sechsjährigen Männchen getötet werden, und auch diese nur in bestimmter Zahl, um der Ausrottung der Tiere vorzubeugen. Die Regierung der Vereinigten Staaten hat das alleinige Recht zum Robbenschlag auf den Prybiloffinseln im Jahre 1869 an eine Handelsgesellschaft verpachtet und ihr erlaubt, auf St. Georg jährlich 25000 und auf St. Paul 75000, also zusammen 100000 junge Männchen zu töten. Durch die Ausbeutung dieses Rechtes hat die Gesellschaft von 1869 bis 1889 über 33 Millionen Dollar eingenommen, und zwar unter Aufwendung einer geringen Arbeit, indem sich die ein- bis sechsjährigen männlichen Bärenrobben für sich halten und von den Angestellten der Gesellschaft leicht vom Meere abgedrängt werden können. Die auf dem Lande unbeholfenen, vor Angst brüllenden Tiere werden nun langsam dem Innern zugetrieben, wobei sie in einer halben Stunde beinahe einen Kilometer zurücklegen. Dann müssen sie eine Zeitlang ruhen und sich erholen, bis sie weitergetrieben werden können. Unterwegs werden alle wegen Beschädigung des Felles unbrauchbaren Tiere und die etwa mitgefangenen Weibchen ausgesondert und ihnen die Rückkehr zum Meere gestattet. Der anderen harrt, an den Schlachtplätzen in der Nähe der Salzhäuser angelangt, ein schreckliches Schicksal. Nachdem sie eingehürdet, sich gekühlt und ausgeruht haben, werden sie in Scharen von 50–100 Stück durch Hiebe auf den Kopf mit schweren eichenen Knütteln niedergehauen und von den noch warmen, zuckenden Leibern die Felle abgestreift und in die Salzhäuser gebracht. Hier werden sie immer zwei und zwei mit den Haarseiten aufeinander gelegt und so schichtenweise verpackt, wobei jede Schicht mit einer Lage Salz bedeckt wird. Nachdem die Felle so 2–3 Wochen gelagert haben, werden sie paarweise, aber jetzt mit der Haarseite nach außen, zusammengerollt und, in Fässer verpackt, in die Schiffe verstaut, die sie nach London, dem Hauptmarkt dieser rohen Felle, führen. Von dort kommen sie nach Entfernung des groben aschgrauen bis braunschwarzen Grannenhaars als kostbarer Sealskin in den Handel, um als Jackett eine Dame oder als Kragen den Mantel eines reichen Herrn zu zieren. 40–50 Robbenjäger töten und enthäuten an einem Tage bis zu 3000 Stück der wehrlosen Pelzrobben. Während des Sommers 1872 haben 45 Leute über 72000 Bärenrobben in weniger als vier Wochen zum Schlachtplatz getrieben, getötet und abgehäutet.
Trotz der Bestimmung, daß in jedem Jahre nur 100000 männliche Bärenrobben getötet werden dürfen, soll diese Anzahl vielfach überschritten werden. Die Folge davon ist, daß die Zahl der die Prybiloffinseln zur Fortpflanzung aufsuchenden Bärenrobben immerfort abnimmt. Die jungen Männchen und unfruchtbaren Weibchen bleiben auch den Sommer über auf hoher See, wo ihnen britische Schiffe nachstellen. Hat eins der wohlausgerüsteten etwa 50 britischen Segelschiffe eine Bärenrobbe in der Beringsee gesichtet, so werden mit je zwei Matrosen und einem mit zwei Schrotflinten und einer Kugelbüchse ausgerüsteten Jäger bemannte kleine Boote auf die Pelzrobbenjagd ausgesandt. Ruhig fährt das Boot an die wahrgenommene Bärenrobbe heran und der Jäger sucht sie durch einen Schuß in den Kopf zu töten, was allerdings durch die große Wachsamkeit der Tiere in den allermeisten Fällen vereitelt wird, indem sie beizeiten die Gefahr merken und untertauchend in die Tiefe verschwinden. Der Jäger soll nur dann schießen, wenn er seiner Beute ganz sicher zu sein glaubt. Ist diese getroffen, so beginnt sie sofort zu sinken, weshalb das Boot sich beeilen muß, an den Kadaver heranzukommen, ihn zu gaffeln und an Bord zu nehmen. Die auf die Robbenjagd geschickten kleinen Boote bleiben auf dem Wasser, solange sie eine Bärenrobbe sehen können, und wenn sie manchmal auch nur eine oder zwei während eines ganzen Tages erbeuten, so fallen ihnen gelegentlich auch mehr, bis zwanzig, zum Opfer. Das Fleisch dieser Tiere wird von den Eingeborenen, aber auch den Europäern, gern gegessen, da es recht schmackhaft ist.
In derselben Weise wie der Bärenrobbe wird auf den Prybiloffinseln der im männlichen Geschlecht bis 4 m langen, einen Umfang von 2,5–3 m und ein Gewicht von 500–650 kg erreichenden Stellerschen Ohrenrobbe (Otaria stelleri), von den Matrosen wegen ihres grimmigen Gesichtsausdrucks Seelöwe genannt, nachgestellt. Diese größte aller Pelzrobben, die in der Jugend lebhaft kastanienbraun, erwachsen dagegen in beiden Geschlechtern hellrötlichbraun ist, wurde im Jahre 1741 während Berings erster Forschungsfahrt in diesem Weltteil entdeckt und von dem Bering begleitenden Naturforscher Steller, nach welchem das Tier später benannt wurde, beschrieben. Da diese Robbe ihren schweren Körper über Land nur sehr mühsam fortbewegt, begibt sie sich während der Fortpflanzungszeit nicht so weit ins Land hinein wie die Bärenrobbe, nämlich nicht sehr weit über den Bereich der höchsten Flut hinaus. Während der Paarungszeit im Frühsommer besucht sie dieselben Küstenstrecken wie die Bärenrobbe, die sie durch ihre bedeutendere Stärke verdrängt, ohne daß sie sich ihrem gewaltigen Gattungsgenossen gegenüber zur Wehr setzte. Doch scheint es die männliche Ohrenrobbe bei der Bildung und Beschützung ihres Harems weniger genau zu nehmen als die männliche Bärenrobbe. Die Ohrenrobbe ist äußerst scheu und wachsam und läßt keinen Menschen nahe herankommen, ohne daß sie sich plötzlich Hals über Kopf ins Meer stürzte. Hierbei werden die Weibchen von den Männchen begleitet, die die Jungen bewachen, sie im Wasser schwimmend umkreisen und sie so lange zusammenhalten, bis eine neue Landung gefahrlos erscheint. Bei den Jungen bleiben auch die mit ihnen und den Männchen ins Wasser geflohenen Weibchen, tauchen und schwimmen hierhin und dorthin, beim jedesmaligen Auftauchen den Störenfried mit einem heisern Grollen bedrohend.
Auf ihren Paarungsplätzen erscheinen die männlichen Ohrenrobben im Mai. Ihnen folgen 3–4 Wochen später die Weibchen, die ihre Jungen einen Monat früher als die Bärenrobben werfen. Auch bei ihnen nehmen die stärksten Männchen die meisten Weibchen in Beschlag, um bis Ende September mit ihnen zusammenzubleiben. Gewöhnlich versammelt jedes genügend starke Männchen 10–15 Weibchen um sich, um sie bald nach dem Werfen der Jungen zu befruchten. Auch nach der Paarungszeit halten sich die Ohrenrobben den ganzen Winter hindurch nahe der Küste. Doch sind sie nicht mehr zahlreich auf den Prybiloffinseln. Man schätzt die Anzahl der die Insel St. Paul besuchenden Ohrenrobben auf etwa 25000, während 7000–8000 auf die zweite Hauptinsel der Prybiloffgruppe, St. Georg, kommen sollen. Ein Beobachter meint, daß übrigens nur 15000–20000 Ohrenrobben im Jahre die Prybiloffinseln besuchen. Auf der Insel St. Paul werden die zum Abschlachten bestimmten Ohrenrobben langsam der Küste entlang getrieben, wobei sie fortwährend tiefe Klagetöne ausstoßen. Um die Tiere aufzuscheuchen, genügt es, in ihrer Nähe plötzlich einen Regenschirm auszuspannen. Dies wird alle paar Minuten wiederholt, bis die ganze Herde munter geworden ist und sich unter viel Gebrüll und Gekläff in Bewegung setzt. Durch Rufe und Flaggenschwenken am Ende und an den Rändern der Herde werden die Tiere, die jetzt so gut wie möglich vorwärtshumpeln, so lange in Bewegung gehalten, bis sie neuer Ruhe bedürfen. Endlich am Schlachtplatz angelangt, werden die zum Erschlagen durch Keulen viel zu gewaltigen ausgewachsenen Männchen mit Büchsen totgeschossen und ihr Fell abgezogen. Die Weibchen und jungen Männchen dagegen, die die besten Pelze liefern, werden erstochen. Mit einem scharfen Messer wird das Unterhautzellgewebe der abgezogenen Häute und zugleich damit die tiefer als die Wollhaare wurzelnden Grannenhaare durch Entwurzelung aus dem Pelze entfernt. Im übrigen ist die Behandlung der Felle dieselbe wie bei den Bärenrobben.