Das Schildpatt übertrifft nicht nur an Schönheit und Güte jede andere Hornmasse, sondern läßt sich auch leicht zusammenschweißen. Es genügt, die einzelnen Tafeln, die ungleich dick und spröde sind, in siedendheißes Wasser zu tauchen und sie dann zwischen Metallwalzen zu pressen. Bei hinreichendem Druck haften sie so fest aneinander, daß man die einzelnen Teile nicht mehr unterscheiden kann, behalten dabei auch, nachdem sie langsam erhärtet sind, jede ihnen im erweichten Zustande beigebrachte Form vollkommen bei und eignen sich somit vortrefflich zur Herstellung von Dosen und Kämmen. Selbst die Abfälle können noch gut benutzt werden, da man mit ihnen die Vertiefungen zwischen den einzelnen Tafeln ausfüllt und sie wieder in der Wärme so lange preßt, bis sie sich mit jenen innig verbunden haben.

Dieses Schildpatt wurde schon im hohen Altertum zur Herstellung von allerlei kostbaren Schmuckgegenständen verwendet. So sagt Seneca, der Erzieher Kaiser Neros: „Die Schale der Schildkröte, dieses scheußlichen und über alle Maßen faulen Tieres, wird mit großer Kunst und Sorgfalt bearbeitet, durch allerlei Mittelchen bunt gefärbt und zu ungeheueren Preisen gekauft.“ Und Plinius schreibt in seiner Naturgeschichte: „Carvilius Pollio, ein verschwenderischer und in Gegenständen des Luxus erfinderischer Mann, hat zuerst die Schalen der Schildkröten zerschneiden und mit den Platten Betten und Präsentierteller überziehen lassen.“ Auch Ovid, Vergil, Martial, Juvenal und Lucanus erwähnen das Schildpatt, von dem Julius Capitolinus speziell berichtet, daß in Rom kaiserliche Prinzen in damit ausgelegten Badewannen gebadet wurden. In der Renaissancezeit wurden damit besonders kunstvolle Einlagen in wertvolle Möbel erzeugt. Erst in der Neuzeit sind Dosen und Kämme daraus verfertigt worden. Jetzt wird es sehr viel, wie das teure Elfenbein, in billigem Celloidin nachgeahmt.

Verwandt mit der Karettschildkröte ist die viel größere Suppenschildkröte (Chelone viridis), die bei den Feinschmeckern in hohen Ehren steht. Dieses im Stillen, im Indischen und im Atlantischen Ozean, selten als Irrgast auch im Mittelmeer auftretende, 2 m lang und 500 kg schwer werdende Tier lebt vorwiegend von Pflanzen, namentlich von Seetang, und wird von Westindien aus lebend auf den europäischen Markt gebracht. Im Meere schwimmt es mit solcher Kraft, daß es sich ungefährdet in die stärkste Brandung wagen darf. Nur zum Eierlegen verlassen die weiblichen Suppenschildkröten das hohe Meer und steuern bestimmten, altgewohnten, von Menschen nicht bewohnten Plätzen mit sandigem Ufer zu, um dort nachts ihre Eier lose in den Sand zu vergraben. Dabei lassen sie sich von den Menschen leicht erbeuten. Doch muß er sich ganz leise an sie heranschleichen, da das ungemein argwöhnische und trotz seines stumpfsinnigen Benehmens mit sehr scharfen Sinnen ausgestattete Tier beim geringsten Verdacht schleunigst dem Meere zustrebt und, wenn es das Wasser auch nur mit den Vorderflossen erreicht hat, selbst durch die vereinte Kraft mehrerer Männer nicht mehr zurückgehalten zu werden vermag. Ist es weit genug vom rettenden Wasser entfernt, so muß man versuchen, den mit seinen riesigen Ruderfüßen wütend um sich schlagenden Koloß auf den Rücken zu werfen, wozu ein einzelner Mensch manchmal nicht stark genug ist. Auf dem Rücken liegend ist die Schildkröte völlig wehrlos und endgültig in die Gewalt des Menschen gegeben. Am folgenden Morgen werden die Gefangenen in eigens für sie bereitete Behälter mit Seewasser oder auf die Schiffe gebracht. In der Gefangenschaft fressen sie kaum, magern deshalb rasch ab und verlieren ihren Wert. Auf dem Verdeck der Schiffe werden sie auf dem Rücken liegend mit Stricken befestigt, ein Tuch über sie gebreitet und dieses so oft mit Seewasser begossen, daß es beständig naß oder wenigstens feucht bleibt. In den europäischen Seestädten hält man sie in großen Kübeln, die alle 2 bis 3 Tage einmal mit Wasser gefüllt werden, schlachtet sie dann, indem man ihnen den Kopf abhackt, und hängt sie 1–2 Tage so auf, daß alles Blut ablaufen kann. Erst dann hält man das Fleisch geeignet zur Bereitung von köstlichen Suppen.

Die Indianer Südamerikas töten diese und andere Meerschildkröten des Öles wegen, das in ihrem Fleische enthalten ist, kochen es aus und sammeln die zahlreichen Eier, die im Sande oder noch im Leibe des Tieres enthalten sind, in großen Körben, um sie zu Hause zu verzehren. Die Eier mehrerer, die südamerikanischen Flüsse bewohnender Halswenderschildkröten (Pleurodira) sind für manche Indianerstämme von größtem Nutzen. Am berühmtesten wurde aber durch die farbenreiche Schilderung Alexanders von Humboldt die im ganzen tropischen Südamerika östlich der Anden lebenden Arrauschildkröte (Podocnemis expansa), ein Tier von 77 cm Panzerlänge und einem Gewicht von 20–25 kg. Zur Zeit des niedrigsten Wasserstandes der von ihr bewohnten Flüsse, zu Anfang März, kommt diese Schildkröte alljährlich an die von ihr zur Eiablage bevorzugten sandigen Ufer und Inseln und genügt ihrem Fortpflanzungstrieb. Hier wird sie teilweise von den in großer Menge zur Ernte herbeieilenden Indianern erlegt; zum weitaus größten Teile läßt man sie unbehelligt ihre taubeneigroßen, mit ziemlich dicker Pergamentschale versehenen Eier ablegen, um diese zu erbeuten. Die betreffenden sandigen Ufer sind dann durchschnittlich 1 m tief damit gefüllt. Sie werden von den Indianern mit den Händen ausgegraben, in Körben ins benachbarte Lager getragen und in große, mit Wasser gefüllte hölzerne Tröge geworfen. In diesen werden sie mit Holzschaufeln zerdrückt, umgerührt und der Sonne ausgesetzt, bis der obenauf schwimmende ölige Teil, das Eigelb, dick geworden ist. Das Öl wird dann abgeschöpft und über starkem Feuer gekocht. Gut zubereitet ist es farblos mit einem Stich ins Gelbliche, geruchlos, um so besser haltbar, je stärker es gekocht wurde und dient als sehr geschätztes Speisefett. Da es meist recht unreinlich gewonnen wird und teilweise ausgebildete und dann in der Weiterentwicklung gehemmte Keime enthält, die verfaulen, besitzt es in der Regel einen fauligen Geschmack, der aber der Wertschätzung von seiten der Indianer keinen Eintrag tut.

Begreiflicherweise ist keine Schildkröte in engere Beziehungen zum Menschen getreten. Dagegen ist dies mit einigen anderen Reptilien der Fall, vor allem mit einigen Schlangen, die der Mensch teils aus heiliger Scheu wegen ihres überaus giftigen Bisses, teils aus praktischen Gründen, weil sie ihm bei der Bekämpfung der seinen Vorräten schädlichen Mäuse und Ratten gute Dienste leisten, in Kultpflege nahm. Bei manchen Volksstämmen Indiens und Afrikas sind verschiedene gefürchtete Giftschlangen geradezu heilige Tiere, denen regelmäßig Opfer von Milch dargebracht werden. Dies war schon im Altertum der Fall, wo beispielsweise in Ägypten die überaus giftige Hornviper (Cerastes cornutus), ein typischer sandfarbener Wüstenbewohner, als heiliges Tier in einigen Tempeln gehalten und vom Menschen gefüttert wurde. Gleicherweise geschah es im alten Athen mit der ungiftigen Natter, von welcher der Geschichtschreiber Herodot erzählt: „Die Athener sagen, als Schutzgeist wohne in ihrer Burg im Tempel der Athene eine große Schlange, und diese füttern sie alljährlich mit einem Honigkuchen. Als nun die Perser die Stadt mit Heeresmacht bedrohten, verkündete die Priesterin der Pallas, diesmal sei der sonst immer verzehrte Honigkuchen unberührt geblieben. Hieraus schlossen nun die Athener, die Göttin habe die Stadt verlassen; sie faßten demnach alsbald den Entschluß, ein Gleiches zu tun, schafften ihre Habe fort und begaben sich auf die Schiffe.“ Die Rolle, welche die harmlose Äskulapnatter (Coluber aesculapi) als heiliges Tier des Heilgottes Asklepios an dessen Heiligtümern in Griechenland und später, als sein Dienst bei Gelegenheit einer schweren, drei Jahre die Stadt heimsuchenden Seuche nach Rom überpflanzt wurde, im ganzen römischen Reiche spielte, ist zu bekannt, als daß hier näher darauf eingetreten zu werden brauchte. Diese zutrauliche Schlange wurde auch sonst in römischen Haushaltungen als guter Geist und Mäusefängerin gehalten und mit Milch gefüttert, so wie heute überall in Brasilien halbzahme ungiftige Hausschlangen an Stelle der Katzen zur Befreiung der Häuser von der lästigen Mäuseplage gehalten werden. Unter diesen ist die beliebteste eine Giboea genannte kleine Art Boa von etwa 4 m Länge und der Dicke eines Arms. Diese wird z. B. auf den Märkten von Rio de Janeiro, Pernambuco und Bahia für 4 bis 5 Mark verkauft und findet stets Abnehmer. Die Schlange liegt den ganzen Tag schläfrig im Hausflur; erst bei Eintritt der Nacht beginnt sie ihre Jagd, gleitet geräuschlos den Mauern entlang und schnellt geschwind wie der Blitz auf eine Maus oder Ratte zu, die sie mit tödlicher Sicherheit ergreift. Sie begnügt sich aber nicht mit einem Fraß, sondern tötet die schädlichen Nager massenhaft aus bloßer Mordlust. Ihrem Herrn gegenüber wird sie vollständig zahm und bekundet große Anhänglichkeit an das Haus, das sie fast niemals verläßt, so daß eine gute Hausschlange für den Besitzer ein wahrer Schatz ist.

Von den Reptilien sind sonst einzig noch die Alligatoren zu halben Haustieren erhoben worden, und zwar weil ihre Haut ein zur Mode gewordenes geschätztes Luxusleder, ihre Zähne einen beliebten Schmuck liefern und winzige Alligatorbabies nebst mit Edelsteinen gezierten kleinen Schildkröten, die gleicherweise als lebende Broschen getragen werden, die „Lieblingstiere“ der extravaganten reichen Amerikanerinnen geworden sind. Um nun diese durch die zunehmende Besiedelung immer seltener werdenden Tiere leichter erlangen zu können, haben findige Yankees begonnen, sie zu züchten. So gibt es in den Vereinigten Staaten, besonders in Kalifornien, eigentliche Alligatorenfarmen, in denen diese gefürchteten Saurier in besonderen Gehegen gehalten werden. Um sich vor Schaden zu schützen, legt der Farmer den bösartigsten dieser in Pflege genommenen Echsen einen regelrechten Maulkorb an. Im Monat Juli scharren sich die Weibchen aus Riedgras und Reisig ein primitives Nest zusammen und legen 30–40 längliche Eier hinein. Ist dies geschehen, so bedecken sie dieselben sorgfältig mit demselben Material und überlassen der Sonne das Ausbrüten ihrer Nachkommenschaft. Der Farmer aber entnimmt den Nestern alsbald die meisten Eier, um sie einem Brutapparat anzuvertrauen. Darin werden die Eier bei einer Temperatur von 70° C. unter täglicher Anfeuchtung in etwa 60 Tagen ausgebrütet. Haben die Jungen die Eischale verlassen, so sind sie schon eine gesuchte marktfähige Ware. Sie gedeihen ohne besondere Pflege und werden mit Fleischabfällen gefüttert. Ihr Wachstum geht außerordentlich langsam vor sich. So hat ein zwei Fuß langes Tier ein Alter von annähernd zehn Jahren, während ein zwölf Fuß langes oft das stattliche Alter von hundert Jahren aufzuweisen hat. Die großen Exemplare sind für Menagerien und zoologische Gärten sehr begehrt.

XXVIII. Die Transpender.

Das Tier war dem Menschen der älteste Fettlieferant, den später mit dem Aufkommen des Hackbaues und dem Anpflanzen gewisser Öl in ihren fettreichen Samen liefernder Pflanzen das vegetabilische Fett wenigstens bei den Kulturvölkern mehr und mehr verdrängte. Gleichwohl nimmt auch der gesittete Kulturmensch gern die Fettquellen des Tierreichs in Anspruch, um seinem gesteigerten Bedarf nach solchen Genüge zu tun. Unter diesen sind die Transpender die wichtigsten. Es sind dies alles dem Leben im Wasser angepaßte Raubtiere, teilweise geistig sehr hochstehende warmblütige Säugetiere, deren Körper zur Aufrechterhaltung der bedeutenden Eigenwärme in dem sehr viel besser als die Luft die Wärme leitenden nassen Element eine dicke Schicht eines schlechten Wärmeleiters umgibt. Diese warmhaltende Fettumhüllung in Form einer massenhaften Ansammlung von im Lebendzustande flüssigem Fett im Zellgewebe vermindert zugleich das bedeutende Gewicht der meist eine gewaltige Größe erreichenden Tiere, läßt sie dementsprechend leichter in der salzigen Flut schwimmen und hilft zugleich den riesigen Wasserdruck bzw. die Schwankungen desselben beim raschen Hinabtauchen in große Tiefen und Wiederauftauchen ohne Schaden ertragen. Und je nördlicher das Wohngebiet der betreffenden Tierart sich erstreckt, je größer also die Wärmeabgabe im eisigen Meerwasser ist, um so mächtigere Fettschichten sammelt das betreffende Tier um sich an.

Die gesuchtesten, weil ausgiebigsten Fettspender sind die heute nur noch im hohen Norden in einiger Zahl vorkommenden Wale, die man nach ihrem Gebiß in Zahn- und Bartenwale einteilt. Beide Arten von Tieren sind Räuber, die ausschließlich von tierischer Beute sich ernähren. Während aber die Zahnwale auch größere Tiere, besonders Tintenfische und Fische in teilweise größerer Meerestiefe erbeuten und fressen, ernähren sich die nur in ihrer Jugend rudimentäre Zähne aufweisenden und später kammartig von den Rändern des Gaumens herabhängende Barten aus Fischbein ausbildenden Bartenwale von winzigen pelagischen Weichtieren, meist Flügelschnecken, die sie zu Tausenden mit jedem Schluck Meerwasser in die Mundhöhle aufnehmen. Beim Schließen und Zusammendrücken der Mundhöhle fließt das Wasser durch das Nachobenpressen der gewaltigen Zunge seitwärts durch die feinen Lücken des Fischbeinsiebes in Gestalt der Barten ab, während die kleinen Weichtiere zurückbleiben und durch den engen Schlund in den Magen und Darmkanal zur Verdauung und Assimilation aufgenommen werden. Diese Fischbeinsiebe sind bei manchen Walen nur wenige Dezimeter, bei vielen aber auch 4–5 m lang und ebensoviele Dezimeter breit. Das Fischbein von Walen der besten Art wiegt zuweilen 1500 kg, ist für die Industrie außerordentlich wertvoll und kann für manche Zwecke kaum durch einen andern Stoff ersetzt werden; von anderen Arten aber ist es so kurz, schlecht und brüchig, daß es nur einen niedrigen Preis erzielt. Diese letzteren, die schon für 1 Mark das Kilogramm zu haben sind, bilden nicht den Gegenstand des eigentlichen Fischbeinhandels, der ausschließlich mit den Barten der rückenfinnenlosen Glattwale sich beschäftigt. Diese nennt man deshalb auch die Rechtwale (engl. right whales), und zwar unterscheidet man als die besten die „Polarbarten“ des Grönlandwals, dann die an Güte nächstfolgenden „Nordwestbarten“ des Japanwals und endlich die „Südseebarten“ des Südpolarwals, deren Verwendung im eigenen Lande der Weltmarkt den Japanern und Australiern um so weniger streitig macht, als sie kleiner und weniger elastisch sind als jene. Für die Damenkonfektion und die Peitschenindustrie, wofür das Fischbein heute noch unersetzlich ist, werden die Fischbeinlamellen in großen Dampfkesseln erhitzt und dann nach Entfernung der minderwertigen Außenteile von Reißern genannten Arbeiten dem Fasernwuchs entsprechend der Länge nach gespalten. Diese Stangen werden von Arbeiterinnen weitergespalten, auf rotierenden Filzscheiben poliert und grosweise zum Versand fertiggemacht. Mit der zunehmenden Abnahme der Wale ist das Fischbein außerordentlich teuer geworden, so daß es schon heute einen kostbaren Artikel darstellt.