Bild 64. Zweispänniger Rennwagen von einer griechischen Vase des 7. Jahrhunderts v. Chr.
In der Folge treffen wir das Rennfahren an den vier nationalen Spielen, den olympischen, pythischen, nemeischen und isthmischen, die alle vier oder zwei Jahre abgehalten und von ganz Griechenland beschickt werden. Dabei wurden nur Hengste verwendet, die in Kategorien von über und unter fünf Jahren eingeteilt wurden. In Olympia wurden acht verschiedene Rennen gefahren, und zwar in der Rennbahn, die so gebaut war, daß die Zuschauer den ganzen Verlauf des Kampfes verfolgen konnten. Dabei mußten die Konkurrierenden außer den beschworenen neun Monaten heimatlichen Trainings einen Monat in Olympia selbst geübt haben. Und bei diesen Übungen wurden alle minderwertigen Gespanne ausgeschaltet, so daß nur bestes Material zum Wettrennen kam. Das Hauptrennen bestand in einem Wagenrennen mit vier Hengsten über fünf Jahre, wobei in gestrecktem Galopp zwölf Umläufe der Rennbahn, im ganzen 18,5 km gefahren werden mußten. Dann kam ein Wagenrennen mit zwei Hengsten über fünf und ein solches mit vier Hengsten unter fünf Jahren, wobei acht Umläufe, d. h. 12,3 km gefahren werden mußten. Nachher folgte ein Wagenrennen mit zwei Hengsten unter fünf Jahren mit drei Umläufen, d. h. 4,6 km, ein Reitrennen auf Hengsten von über fünf und ein solches auf Hengsten von unter fünf Jahren mit sechs Umläufen, d. h. 9,3 km. Endlich kam ein Reitrennen auf Stuten, wobei der Reiter beim letzten Umlauf abspringen und zu Fuß nebenher laufen mußte, und zum Schlusse ein Wagenrennen mit Maultieren. Dadurch, daß der Besitzer und nicht der Fahrer den Hauptruhm erntete, legten mehr reiche Leute Geld in die Pferdezucht, auch wenn sie selbst nicht rennen wollten. Um vier gute Rennen zu erhalten, mußte der Sportsmann mindestens zehn Pferde züchten oder kaufen, und aus dieser Zahl wurde nach sorgfältigem Trainieren das beste Material ausgewählt. Dabei mußten auch für die Wagenrennen die Pferde zuerst durch Bereiten ausgebildet werden, um ein gleichmäßiges, andauerndes Reiten im Galopp, eine leichte Wendsamkeit und den disziplinierten Gehorsam zu erreichen.
Von den Griechen Unteritaliens übernahmen dann die Römer die Wagenrennen zumeist mit dem Viergespann. Zu Ende der Republik und namentlich zur Kaiserzeit bildete das Schauspiel der Wettrennen im Zirkus eine wichtige Art der Unterhaltung des Stadtrömers. Für diese diente der in der Senkung zwischen Aventin und Palatin gelegene Zirkus Maximus von 650 m Länge, in welchem im 4. Jahrhundert etwa 270000 Zuschauer auf lauter Marmorsitzen Platz fanden. Die von einem Wassergraben umgebene Rennbahn war durch eine spina genannte Mauer in zwei Teile geteilt und besaß am Ende die gefürchteten metae, je drei freie Kegelsäulen aus Goldbronze, an denen die Wagen bei zu knappem Heranfahren nur zu leicht zerschellten. An den Spieltagen gab es 20–24 Wettfahrten, wobei der leichte zweiräderige Wagen von vier meist 3–5jährigen Hengsten gezogen wurde. Die besten Renner kamen aus Spanien, Sizilien, Kappadozien und Afrika, d. h. Algerien. Das Hauptpferd des Quadriga war das an der Außenseite laufende; ihre Namen sind uns zu hunderten erhalten, wie auch derjenigen berühmter Berufskutscher, zu denen junge, leichte Leute genommen wurden. Ja, schon zehnjährige Knaben produzierten sich als Rennfahrer und führten das Viergespann mit Erfolg zum Ziel. Siebenmal mußte die Bahn durchlaufen werden, wobei die Kutscher der verschiedenen Quadrigen in Röcke von verschiedener Farbe gekleidet waren. Um die Brust trugen sie den aus Leder und Schnüren verfertigten Wagenlenkerverband, der sie bei einem Sturze vor Rippenbrüchen schützen sollte; in ihrem Gürtel stak ein scharfes sichelförmiges Messer, um im Falle der Gefahr die Zügel, die sie um den Leib geschlungen hatten, zu durchschneiden. Auf dem Kopfe hatten sie eine schützende Lederkappe; in der Rechten hielten sie die kurze Peitsche aus Leder und in der Linken die Zügel.
Bild 65. Wettfahren mit dem Viergespann bei der Leichenfeier des Peltas. Links sitzen die Preisrichter und vor ihnen stehen die als Preise ausgesetzten drei Dreifüße. Darstellung von einer griechischen Vase des 6. Jahrhunderts v. Chr.
Bei der Eröffnung eines jeden Rennens wurden zuerst die Statuen der Götter Roms und der vergöttlichten Kaiser in feierlicher Prozession durch den Zirkus getragen, und das Volk huldigte jedem Bilde durch Zuruf. Dann zog der festgebende Beamte oder Kaiser wie ein Triumphator durch die Bahn, nahm den Ehrensitz ein und gab das Signal zum Beginn des Rennens, indem er aus seiner Loge ein Tuch herabwarf. Auf die besten Renner, deren Namen und Stammbaum jeder Habitué kannte, wurde eifrig gewettet. Weit vorgebeugt standen die Rennfahrer auf den leichten zweirädrigen Wagen und belauerten die Gegner, hielten anfänglich zurück, um dann plötzlich vorzufahren und dem nächsten Fahrer mit ihrem Wagen den Weg zu verlegen, nicht selten auch mit Peitschenhieben aufeinander loszuhauen. Die zahlreichen Unfälle machten eben den Reiz dieser Fahrten aus. Die Wagen zerschlugen sich und die Fahrer wurden von den Nachfolgenden überfahren oder von ihren eigenen Pferden geschleift, wenn sie nicht rechtzeitig mit ihren Sichelmessern die Zügel durchzuschneiden vermochten. Den Gipfel der Bravour aber erstiegen jene Rosselenker, die nach dem Verluste des eigenen Wagens nach Herunterschlagen des Gegners mit dessen Gespann siegten.
Diese Rosselenker hatten etwas barbarisch Heldenhaftes. Wir haben Grabinschriften von solchen, die über 2000 Siege davontrugen. Der Kutscher Scorpus wird von Martial als das Entzücken Roms besungen; die Todesgöttin, sagt er von ihm, habe seine Siege mit seinen Lebensjahren verwechselt und so sei er schon als Jüngling gestorben. Ein anderer, Eutychus, ist für uns denkwürdig, weil der römische Fabeldichter Phädrus, ein Freigelassener des Augustus, ihm seine dem Griechen Äsop nachgedichteten Fabeln widmete. Eine Fülle von Bildsäulen wurde diesen Leuten errichtet, und Kaiser Heliogabalus machte den Kutscher Cordius unmittelbar zum Kommandanten der Feuerwehr. Dieser Kaiser ließ auch Quadrigen von Kamelen laufen und gar den großen Wassergraben des Zirkus mit Wein füllen und darauf allerlei Schiffskämpfe ausführen.
In der Blütezeit der Wagenrennen waren nicht einzelne Private, sondern Gesellschaften oder Klubs die Besitzer der Gespanne. Anfangs waren es zwei, dann vier Parteien, die sich Ställe hielten und Kutscher mieteten. Letztere waren meist Unfreie oder, wenn sie Freigelassene waren, fuhren sie um Geld für diejenige Partei, die ihnen am meisten bezahlte. Ihre enggeraffte ärmellose Tunika zeigte weithin die Farbe der Partei, für die sie fuhren. Im Laufe der Zeit gingen die Erfolge der Weißen und Roten mehr und mehr zurück, während die Blauen und Grünen sich der größten Popularität erfreuten. Auch die Kaiser waren vielfach leidenschaftlich an dieser Begeisterung für einzelne Parteien beteiligt, so Vitellius und Caracalla für die Blauen, Nero und Domitian für die Grünen. Und als nach der Teilung der beiden Reichshälften der Sitz der Regierung von Rom nach Byzanz verlegt wurde, gingen die Kämpfe zwischen den Blauen und Grünen hier weiter, so daß durch sie nicht nur Straßenaufläufe, sondern eigentliche Palastrevolutionen hervorgerufen wurden. Das ganze Volk verfolgte mit leidenschaftlichem Interesse die Vorgänge auf der Rennbahn. Von ihrer bronzenen Tribüne pflegten die Herrscher von Byzanz dem Kampfe zuzusehen. In den Pausen zog sich dann der Hof zur Mahlzeit zurück. Aber derjenige Kaiser, der dabei auf die Genüsse der Tafel zu viel Zeit verwendete, setzte damit seine Popularität aufs Spiel; denn dann wurde das Volk ungeduldig, begann zu murren und schließlich ertönte der Ruf: „Erhebe dich endlich, du unsere Sonne, und gib das Zeichen.“ Denn das war das am meisten beneidete Vorrecht des Kaisers, daß er mit einer Handbewegung das Zeichen zum Start geben mußte.
Wie in Rom gab es auch selbst unter den vornehmen Geistlichen von Byzanz eigentliche Pferdenarren. Ein solcher war auch der Patriarch Tophanes, der für seinen Marstall eine Reihe prunkvoll ausgestatteter Ställe besaß, in denen selbst die Krippen aus massivem Silber gearbeitet waren. Ein Heer von Dienern sorgte für das Wohlbefinden der Pferde, streute ihnen nicht nur Heu und Gerste, sondern Datteln, Feigen, Rosinen und andere Leckerbissen in die Krippen. Die Ställe wurden mit kostbaren Wohlgerüchen parfümiert und die Pferde auch in Wein gebadet. Wie weit die Leidenschaft dieses Kirchenfürsten für seine Pferde ging, zeigt ein charakteristischer Vorfall. Eines Tages zelebrierte er in der Sophienkirche (Hagia Sophia) das Hochamt. Plötzlich sah man den Prälaten den Altar verlassen, verschwinden und Kaiser und Volk in der Kirche stehen lassen. Was war geschehen? Ein Eilbote hatte dem hohen Herrn die Kunde gebracht, daß sein Lieblingspferd einem Füllen das Leben gegeben habe. Da litt es ihn nicht länger in der Kirche. Er unterbrach seine geistliche Handlung und eilte sofort nach den Ställen, um sich von dem Vorfall selbst zu überzeugen.