Bild 66. Griechischer Rennleiter von einer um 550 v. Chr. gemalten Vase.

Hatten schon die Griechen das Wettreiten dem Wettfahren hintangestellt, so taten es die Römer noch mehr. Jene Südländer waren eben kein Reitervolk gewesen, wie etwa die Hunnen und Germanen; ihnen wäre auch ein einfaches Wett- oder Hürdenrennen zu reizlos und undramatisch gewesen. Um diese rohen Gemüter zu erfreuen, brauchte es schon stärkerer Reizmittel als solche harmlose Reiterkünste. Den alten Deutschen dagegen war das Pferd als Fortbewegungsmittel in Krieg und Frieden gleich wichtig. Erst in der Zeit der Völkerwanderung kamen bei ihnen Sättel in Gebrauch, auf die man zum weicheren Sitzen auch noch Decken oder Kissen legte. Während man früher nur auf Trense ritt, wurde in der Ritterzeit die Kandare, oft mit sehr langem Hebelarm, üblich. Seit der Merowingerzeit wird der Steigbügel und der Sporn mit einfacher Spitze wie bei den alten Römern gefunden. Öfter findet sich in den Gräbern jener Zeit nur ein Sporn, und zwar am linken Fuße, um das Pferd zu einer Schwenkung nach rechts zu veranlassen, weil man so dem Feind seine durch den Schild geschützte linke Seite zukehrte. Schon Tacitus sagt in seiner Germania von den germanischen Pferden: „Sie werden nicht gelehrt, verschiedenartige Wendungen nach unserer Art zu machen, sondern man läßt sie geradeaus oder mit einer Schwenkung nach rechts laufen.“ Zu der Ritterzeit hatte man dann stets zwei Sporen, und zwar vom 12. Jahrhundert an mit Rädchen. Solange der Kettenpanzer nur den Mann bedeckte, kam man mit den feingebauten warmblütigen Schlägen aus. Erst als die Ritter sich nicht nur selbst in schwere Eisenrüstungen kleideten, sondern auch ihre Pferde in solche steckten, war man wegen des zu tragenden schweren Gewichts darauf angewiesen, kräftige kaltblütige Schläge zu bevorzugen. Auf diesen zogen die Ritter in ihren Plattenpanzern wie in den Krieg so auch zum friedlichen Scheinkampf, zum Turnier. Dieses, ursprünglich der Turnei, vom Französischen le tournoi — von tourner, mit dem Pferd einen Kreis beschreiben — genannt, kam mit dem ganzen Apparat der Ritterschaft aus Frankreich, das, von der altrömischen Kultur befruchtet, früher als Deutschland zur Kulturblüte gelangte. In Deutschland ist das erste Turnier 1127 in Würzburg abgehalten worden. Es wurde von Fürsten oder vornehmen Gesellschaften veranstaltet und war nur dem Adel zugänglich. In prunkvollem Aufzuge, den feurigen Hengst mit einer Decke (covertiure) in denselben Farben und mit denselben Wappenbildern wie der Waffenrock des Ritters geziert, fand man sich mit seinem Gefolge zum ritterlichen Kampfspiel an dem Orte ein, wohin die Einladung rief. Dabei fanden sich auch allerlei fahrende Sänger und Gaukler, wie zu jedem Feste im Mittelalter, ein, und schöngeschmückte, edle Frauen sahen von Tribünen dem Spiele zu.

Im ausgebildeten Turnier unterschied man drei verschiedene Waffenübungen. 1. Den mit französischem Namen bezeichneten Buhurt, ein Reitergefecht in Gruppen, ohne Rüstung und mit ungefährlichen Waffen. Im Nibelungenlied erscheint er noch als die Hauptsache. 2. Den Tjost, später das Stechen genannt, das dem Ritterideal am meisten entsprach und in den Ritterepen immer mit besonderer Vorliebe geschildert wird, das vom Erneuerer des Rittertums, König Maximilian I., mit Vorliebe gepflegt wurde. Der Tjost bestand in dem Kampf zwischen zweien, die in schwerer Rüstung mit eingelegter Lanze mit eigentümlicher stumpfdreizackiger Krone an der Spitze aufeinander losrannten und sich gegenseitig aus dem Sattel zu werfen suchten. Trotz dem Plattenpanzer und dem das ganze Gesicht bedeckenden Helm gab es da gelegentlich nicht ungefährliche Verletzungen, wie Knochenbrüche und Augenauslaufen, so daß ein gewisser Mut zu solchem Stechen gehörte. 3. Das eigentliche Turnier, das den Schluß und die Hauptsache der ganzen Veranstaltung bildete. Es war eine Art Kavalleriemanöver, wobei die Gesamtmasse der Ritter in zwei gleichwertige Hälften geteilt wurde, die unter den dazu bestimmten Kommandierenden gegeneinander kämpften. Dabei wurde zuerst mit der Turnierlanze, dann mit dem stumpfen oder durch einen Stock ersetzten Schwerte, erst zu Pferd, dann zu Fuß gefochten. Nach dem Urteil des Schiedsgerichts wurden die Sieger ausgerufen und empfingen von zarter Hand ihren Ehrenpreis. Später wurden verschiedene Varianten des Tjostierens und Turnierens unterschieden, wie das Buntrennen, das Offenrennen, das geschift Scheibenrennen, das geschift Tartschenrennen, das wälsche Rennen in dem Armetin (einer bestimmten Helmart), das loblich gemain deutsch Stechen (mit dem Krönlein, der stumpfdreizackigen Lanze), das Stechen im hohen Zeug und im geschlossenen Sattel und anderes mehr. Das letzte echte Turnier in Deutschland fand 1487 in Worms statt.

Wenn auch noch im 17. Jahrhundert Schauturniere gelegentlich an einigen Höfen Deutschlands stattfanden, so war doch mit dem Beginn des 16. Jahrhunderts die Zeit dieser ritterlichen Kampfspiele des Mittelalters endgültig vorbei. Man begnügte sich nach italienischem Vorbild der Renaissancezeit mit allerlei Figurenreiten, malerischen Aufzügen und Quadrillen. Dieses Figurenreiten war von den Arabern und Sarazenen ausgegangen und kam mit der Bezeichnung caracolo, d. h. Wendung im Kreise (aus dem Arabischen karak) nach Italien, gelangte dann als caroussel zu den Franzosen und von da zu den übrigen Kulturvölkern Europas. Man versteht darunter ein Evolutionsspiel zu Pferde, bei dem das Kreise- und Achterfigurenbeschreiben eine große Rolle spielte. Diese Reitübungen förderten in der Folge sehr die Beweglichkeit und Feldtüchtigkeit der Reiterei, so daß sie teilweise noch bis in unsere Zeit beibehalten wurden.

Dieses karak der Araber, das speziell die Mauren pflegten, ist eines der Reiterspiele, wie sie bei allen Völkern, die Pferde halten und zum Reiten benutzen, seit dem hohen Altertume beliebt waren. Diese Reiterspiele stehen gewöhnlich in unmittelbarer Beziehung zur Kampfmethode des betreffenden Volkes und sollten in erster Linie dazu dienen, die Kriegstüchtigkeit der Jungmannschaft zu erhöhen. So treffen wir schon bei den alten Griechen den beliebten altdeutschen kriegerischen Tanz pyrrhiche, den die Knaben im 15. Jahre erlernten und in welchem unter Flötenklang alle Bewegungen und Verrichtungen, die beim Kampfe vorkommen, rhythmisch nachgeahmt wurden. Später wurden solche Übungen auch zu Pferde vorgenommen. Damit übten sich besonders die Reiter, als Vorbereitung für die wirkliche Schlacht. Als dann die Römer mit der griechischen Kultur bekannt wurden, übernahmen sie dieses Kunstreiten mit Waffen und bildeten es bei ihrer Reiterei weiter aus. Diese Gelegenheit, prächtige Pferde und gelenkige Beweglichkeit vor bewundernden Zuschauern zu zeigen, ließen sich die vornehmen römischen Stutzer nicht entgehen. Von Beginn der Kaiserzeit bis zum Fall des römischen Reichs wurde dieses Kriegsspiel zu Pferd gern als Schaustellung vorgeführt und hieß später ludus trajanus, weil Kaiser Trajan dies besonders begünstigte und neue Variationen dabei einführte. Eine lebendige Beschreibung desselben findet sich in Claudians Lobgedicht auf das Konsulat des Honorius; dann finden wir es gelegentlich auf Inschriften erwähnt und auf Gemmen und Münzen abgebildet, als Beweis dafür, wie beliebt es war. Nach Überschwemmung des weströmischen Reiches durch die germanischen Barbarenhorden, pflegte Ostrom dieses Erbe weiter, und so treffen wir dieses Reiterspiel in Byzanz mit allerlei persischen Ausschmückungen im sogenannten Ringstechen, bei welchem man mit einer langen Lanze gegen eine mit konzentrischen Kreisen in verschiedenwertige Flächen eingeteilte runde Scheiben anritt, und in einer Art Karussel wieder.

Im Orient wurde von alters her das neuerdings bei den vornehmen Europäern beliebte Polospiel zu Pferde geübt. So sandte einst der Perserkönig Darius, Sohn des Hystaspes, dem König Alexander von Makedonien (521–485), als er ihm den Tribut verweigerte, einen Ball und einen Stock zum Polospiel und ließ ihm sagen, solche Beschäftigung passe für ihn besser als Krieg anzufangen. Die Kreuzfahrer sahen das Polo in Byzanz beim griechischen Kaiser Manuel Komnenos und brachten es nach Europa, wo es allmählich zu einem Spiel zu Fuß degradiert und in England zu Kricket, Fußball und Golf differenziert wurde. Bei den Persern und den kriegerischen Stämmen Nordindiens erhielt sich das Polo bis auf den heutigen Tag. Als der Iman Ibn Omar den Schah Nur-ed-Din von Persien (ca. 1070 n. Chr.) selbst Polo spielen sah, meinte er, solche Übung passe nicht für einen Herrscher. Da antwortete er ihm: er spiele, bei Gott, das Spiel nicht zu seinem Vergnügen, sondern als gutes Beispiel für seine Untertanen, damit ihre Pferde geübt und sie selbst gelenkig würden, um im Kampfe ihren Mann zu stellen.

Wie einst bei den Persern das Polo, so ist heute bei den Arabern der Dscherid — bei uns besser unter der algerischen Bezeichnung fantasia bekannt — ein fast täglich zur Übung der Pferde vorgenommenes Reiterspiel. Darin ist das Karussel mit den militärischen, bei ihren Kämpfen gebräuchlichen Evolutionen verbunden. Unter Geschrei und Schwingen des Dscherid, d. h. des aus dem Holz der Dattelpalme hergestellten Wurfspeers, ritten zwei Reiterscharen in wildem Galopp aufeinander los, um kurz voreinander anzuhalten, umzukehren und unter allerlei Wendungen das Spiel aufs neue zu beginnen. In vollem Laufe mußte der zu Boden geworfene Dscherid wieder aufgenommen werden, dann stand oder legte man sich auf den Sattel, benutzte die Vorhand des Pferdes als Schutz und Schild, hing während des Galopps ganz auf der Seite und schoß dabei mit Pfeil und Bogen auf ein bestimmtes Ziel, sprang vom Pferde ab und schwang sich wieder hinauf. Mit der Einführung der Gewehre begnügte man sich, dann blind zu schießen und einen großen Lärm zu verführen.

Außer den verschiedenen Reitübungen wurde das Pferd schon im hohen Altertum auch zu allerlei Kunststücken verwendet, wie wir sie heute besonders im Zirkus zu bewundern Gelegenheit haben. So weiß schon Homer in der Ilias von Kunstreitern zu berichten, wenn er sagt: „Gleichwie ein guter Kunstreiter, nachdem er aus einer großen Anzahl vier Rosse zusammengefügt, abwechselnd sicher und beständig von einem Pferd auf das andere springt, während sie dahinfliegen, so schwang sich Ajas von einem Schiff auf das andere“. Schon bei den alten Mykenäern der Mitte des zweiten vorchristlichen Jahrtausends finden wir auf den Freskomalereien der Palastwände mit Vorliebe solche Jonglierkünste abgebildet, und zwar sind es statt Pferde wilde Stiere, die beim Anstürmen in der Arena von leicht geschürzten Männern oder Frauen an den Hörnern gefaßt werden, wobei sich das betreffende Individuum in kühnem Bogen über das Ungetüm schwingt, um teilweise mit einem wahrhaftigen Salto mortale wieder den Boden zu gewinnen. Daß solche Darstellungen an den Wänden der Fürstenpaläste so häufig vorkommen, beweist, daß die betreffenden kunstvollen Spiele des schwachen, aber intelligenten Menschen mit dem starken, einfältigen Tier in jenen Kreisen höchst beliebt waren.