Bild 67. Altägyptischer Stierkämpfer mit einem einfachen Stock gegen die Stiere vorgehend. (Nach Wilkinson.)

Schon im alten Reiche Ägyptens sehen wir mehrfach den Menschen, mit einem einfachen Stock bewaffnet, wildgemachten Stieren entgegentreten und sie dank seiner geistigen Überlegenheit bezwingen. Solche Spiele mit Tieren, speziell Kämpfe des Menschen mit wildgemachten Stieren, kamen schon frühe aus dem Niltal und Westasien auch nach Griechenland und Rom, wo sie beim Volke besonders populär wurden. Während aber in den Wirren der Völkerwanderung diese Stiergefechte zur Belustigung des dabei zuschauenden Publikums aus allen Ländern im Machtbereiche der römischen Kultur verschwanden, erhielten sie sich als nationales Vergnügen einzig in Spanien, das dort und im spanischen Amerika trotz wiederholter Aufhebung wegen der dabei ausgeübten Tierquälerei bis auf den heutigen Tag sich größter Popularität erfreut, ja trotz aller Anstrengungen der Tierschutzvereine sich sogar über Südfrankreich verbreitete und bis nach Genf in die Schweiz hineingelangte. Daß solches in unserer aufgeklärten, humandenkenden Zeit möglich ist, beweist eben, daß ein Zug von Gefühlsroheit und Grausamkeit seit dem Tierhetzen und Menschenschlächtereien im Altertum im romanischen Blute steckt, der dem Germanen, der ja auch von manchen Tierquälereien, besonders bei Ausübung der Jagd, nicht ganz freizusprechen ist, völlig abgeht. Letzterer ist zu gefühlvoll und mitleidig, um die dem Menschen trotz ihrer natürlichen Waffen wehrlose Kreatur absichtlich zu peinigen und sich an ihrem Schmerz und den damit verbundenen Ausbrüchen von Grimm zu erfreuen. Der Romane aber hat selbst in der zärter fühlenden Frau noch nicht seine angeborene und durch Jahrhunderte nicht gebändigte Rohheit überwunden und kennt nichts höheres, als selbst die Mutter Gottes und die Heiligen an ihrem Feste durch ein Stiergefecht zu ehren. Diese werden in besonderen Amphitheatern — da, wo noch solche aus dem Altertum vorhanden sind, mit Vorliebe in diesen — auf öffentliche Kosten oder von Privatunternehmern abgehalten. Der ganze Verlauf des Volksfestes ähnelt in hohem Maße demjenigen der Arena bei den alten Römern. Die Stierfechter (toreros) teilen sich in picadores, die zu Pferd — allerdings auf dem Tode verfallenen wertlosen Rosinanten mit verbundenen Augen —, die Beine gegen allfällige Angriffe des Stieres mit seinen spitzen Hörnern sorgsam einbandagiert, mit ihren Lanzen gegen den Stier losreiten, ihn reizen und ermüden; dann die banderilleros, die mit roten Bändern gezierte, mit Widerhaken versehene Stäbe in die Schultern des Tieres stoßen und es dadurch und durch den damit verbundenen Schmerz wütend machen. Ferner aus den chulos oder capeadores, die mit Bändern und Schärpen seine Wut, wenn sie nachzulassen droht, aufs neue erregen und möglichst steigern, und endlich die meist als matadores bezeichneten espadas oder Schwertträger, die mit ihren feinen Degen dem Tiere den Todesstoß ins Rückenmark zu geben haben. Vermochten sie damit den aufs äußerste gequälten Stier nicht zu töten, so gibt ihnen der cachetero den Gnadenstoß.

Zahllos sind die verschiedenen Arten von Tierdressuren, die teils schon im hohen Altertum, besonders aber heute in unserer genußsüchtigen, stets nach neuen Sensationen begehrlichen Zeit, dem danach begierigen Publikum im Zirkus und in Varietétheater vorgeführt werden. Da begnügt man sich nicht mit dem Anblick friedlich den Wagen ziehender oder auf Kugeln rollender, sorgsam den furchtsamen Hasen, ohne ihn zu verletzen, apportierender Löwen, von Elefanten als Seiltänzer oder Musikanten, die auch griechisch und lateinisch schrieben, wie dies zur römischen Kaiserzeit Sensation erregte, sondern bringt brennende Lampen aus Glas und andere heikle Gegenstände jonglierende Seehunde, mit der Nasenspitze ihnen zugeworfene Erdbeeren und andere Früchte auffangende und balancierende Seelöwen, usw., von wie Menschen gekleideten und sich als Gentlemen beim Essen, Rauchen, Radfahren usw. benehmenden Schimpansen ganz zu schweigen. Es würde uns zu weit führen, auch nur die merkwürdigsten, durch unendliche Geduld erzielten Tierdressuren hier zu erwähnen. Es genüge, nur solche Errungenschaften des Menschengeistes über die Tierseele zu erwähnen.

Auch Menagerien und Tierschaustellungen sind keine Erwerbung der Neuzeit; mit den Tiergärten kamen sie teilweise schon im Altertum vor. Besonders letztere waren an fürstlichen Hofhaltungen beliebt. So ist im Schi-king ein Tiergarten des Kaisers Wen-wang (um 1150 v. Chr.) unter der Bezeichnung „Park der Intelligenz“ erwähnt, worin allerlei Säugetiere, Vögel, Schildkröten und Fische gehalten wurden. Einen ähnlichen Tiergarten unterhielten die aztekischen Herrscher in Mexiko. Da gab es nach den zeitgenössischen spanischen Berichten zahlreiche Gehege, Zwinger, Vogelhäuser und Wasserbecken, in denen die Fauna Mittelamerikas vollständig vertreten und in systematischer Anordnung untergebracht war. Die Verpflegung der Raubvögel allein soll täglich 500 Truthähne beansprucht haben.

Auch den Vornehmen des alten Rom waren Tiergärten bei ihren Villen eine beliebte Anlage, die meist viele Morgen Landes umfaßte und zum Schutz gegen das Eindringen von Raubtieren mit einer hohen, glatten Mauer umgeben war. Im Innern waren Gruppen von hohen Bäumen mit ausgebreiteten Ästen, die dem Adler und anderen Raubvögeln das Jagen darin verunmöglichen sollten. In ihnen wurden Hasen, Rehe, Hirsche, Antilopen und Wildschweine teils zum Vergnügen, teils des Gewinnes wegen gehalten. Man gewöhnte sie daran, zur Fütterung zu kommen, wenn ins Horn gestoßen wurde. Varro, dem wir diese Angaben verdanken, sagt u. a.: „Im Tiergarten des Quintus Hortensius (eines berühmten Redners) ist ein erhabener Platz mit Pavillon. Während dort gespeist wird, erscheint ein Orpheus in langem Gewande mit einer Kithara. Er beginnt die Saiten zu schlagen, es wird ins Horn gestoßen; da erscheinen sogleich Wildschweine, Hirsche und andere vierfüßige Tiere in Menge und gewähren ein lustiges Schauspiel.“

Im Mittelalter traten die tierfreundlichen Araber das Erbe der Römer an und ein Tiergarten gehörte zum notwendigen Requisit jedes muhammedanischen Fürstenhofes. Als der größte der Omajaden, Abdurrhaman III., die Stadt Az-Zahra bei Cordova errichten ließ, ordnete er auch die Anlage eines Gartens an, in welchem in umgitterten und eingezäunten Räumen Vögel und seltene vierfüßige Tiere gehalten wurden. Dies war der älteste Tiergarten Europas. Viel später, zur Renaissancezeit, unterhielten die kleinen Fürstenhöfe Italiens je eine kleine Sammlung fremder Tiere. Die berühmteste derselben war diejenige des Herzogs Ferrante von Neapel, die unter anderem als bis dahin im christlichen Abendlande noch nicht gesehene Tiere, eine Giraffe und ein Zebra, aufwies, die der Herzog vom Kalifen von Bagdad zum Geschenk erhalten hatte. 1513 schenkte ein Türkensultan dem Könige Emanuel von Portugal ein ostindisches Nashorn, der dieses zusammen mit einem Elefanten dem Papste Leo X. verehrte. Dieses Wundertier hat Albrecht Dürer 1515 in einem bekannten Holzschnitt gezeichnet.

In Mitteleuropa finden sich Tiergärten zuerst bei den reicheren Klöstern. So enthielt der „Twinger“ des Klosters St. Gallen im 10. Jahrhundert Bären, Dachse, Steinböcke, Murmeltiere, Reiher und Silberfasanen. Im späteren Mittelalter war der Tiergarten in der Residenz des Hochmeisters des Deutschen Ordens zu Marienburg am bedeutendsten. Er enthielt außer Hirschen, Rehen und kleinerem Wild große Ure, Geschenke des Großfürsten Witold von Litauen und des Komturs von Balga, ferner einen Zwinger mit Bären und Affen, dann Meerkühe und Meerochsen und seit 1408 auch einen Löwen.

Namentlich im 16. Jahrhundert waren Ure, Elche und wilde Pferde die begehrtesten Tiere für die fürstlichen und adeligen Liebhaber Deutschlands, derentwegen ein lebhafter Briefwechsel und besondere diplomatische Missionen stattfanden. Die Hauptlieferanten dieser Tiere waren die Hochmeister des Deutschen Ordens und der Herzog von Preußen. Schon 1518 sandte der Hochmeister dem Kurfürsten Joachim I. von Brandenburg einen Ur, der als seltenes Schauspiel gebührend angestaunt wurde. Die Elche waren damals schon nicht mehr häufig und gingen beim Transport mitunter zugrunde. So teilte der Pfalzgraf Otto Heinrich vom Rhein dem Herzog von Preußen 1533 mit, daß von den ihm übersandten Elchen „das Männle, als es bis auf 64 Meilen Wegs von Königsberg gekommen, und das Fräule bis auf 28 Meilen von hinnen gestorben“ sei. In den 1550er Jahren war es besonders der Erzherzog Ferdinand von Österreich, der sich zur Bereicherung seines Tiergartens in Prag von Zeit zu Zeit an den Herzog von Preußen wandte. Im Jahre 1591 erhielt Landgraf Wilhelm IV. von Hessen von Herzog Karl von Schweden einen Elch, der im Tiergarten von Zapfenburg vortrefflich gedieh. Im Mai schrieb der Landgraf entzückt an jenen: „Das Elend ist so lustig, daß wir ein gutes Gefallen an ihm tragen, denn sobald wir nach Zapfenburg in unsern Tiergarten kommen und es uns reden hört, läuft es zu uns und läuft hinter unserm Birschwäglein.“ Zwischen den kleineren und größeren fürstlichen Tiergärten entwickelte sich ein lebhafter Austausch, so daß wenigstens die einheimischen Tiere gut vertreten waren. In den Reichsstädten wurden in den trockenen Gräben vielfach Hirsche gehalten, was für Frankfurt a. M. 1399, für Solothurn 1448, für Friedberg 1489, später auch für Zürich, Basel und Luzern nachgewiesen ist.

Während alle diese Tiergärten ausschließlich zur Unterhaltung gegründet wurden, hatte schon Ptolemäos I., Sohn des Lagos, einer der Feldherren Alexanders des Großen, der erst als Statthalter der Nachkommen Alexanders, seit 321 selbständig bis zu seinem Tode 283 regierte, neben allerlei wissenschaftlichen Instituten mit einer großen Bibliothek auch einen großen zoologischen Garten in Alexandrien errichtet, auf dessen Vermehrung auch sein Sohn und Nachfolger Ptolemäos II. Philadelphos eifrig bedacht war. So zeigte er den erstaunten Alexandrinern zum erstenmal ein Nashorn und eine Giraffe. Zur römischen Kaiserzeit bestand dieser Tiergarten noch, aber mit dem Untergang der antiken Kultur verschwand auch er, und viele Tierarten, die den Alten bekannt gewesen waren, gerieten in Vergessenheit oder verwandelten sich im Volksbewußtsein in seltsame Fabelwesen. Erst mit der Erweiterung des Horizontes durch die Kreuzzüge begann im Abendlande im 12. Jahrhundert ein langsames Wiedererwachen des zoologischen Interesses, das aber erst im Zeitalter der geographischen Entdeckungen wesentlich gefördert wurde.

Als Geburtsjahr der modernen Zoologie darf man das Jahr 1635 ansehen, in welchem ein Edikt Ludwigs XIII. die beiden Leibärzte Hérouard und Gui de la Brosse zu der Gründung des Jardin des plantes ermächtigte, der zunächst nur als ein Versuchsgarten für Medizinalgewächse gedacht war, bald aber mit einer Menagerie verbunden wurde. Während der großen französischen Revolution wurde auf Veranlassung von Bernardin de St. Pierre die Versailler Menagerie mit dem Jardin des plantes vereinigt, und 1797 wurde sogar eine Expedition nach Afrika gesandt, um neue Tierarten zu erwerben. Ein Gönner des Gartens war später Mehemet Ali, Pascha von Ägypten, der außer einem afrikanischen Elefanten, Antilopen usw. auch eine Giraffe sandte, die 1827 in Paris anlangte. Dort wurde sie in der Folge so populär, daß sich die Mode ihrer bemächtigte und sich die Pariser Damen und Stutzer länger als ein Jahr à la girafe trugen. Heute wäre allerdings eine solche Moderichtung schon nach einem Vierteljahr veraltet und verlassen.