Aus: Assessor Karlchen. Verlag Albert Langen, München
Vor dem Wirtshause am schönen Gundelsee ging es heute hoch her. Aus der ganzen Gegend hatten sich die Landleute zusammengefunden, um das Namensfest des hl. Ignatius in altherkömmlicher Weise zu feiern. Krämer hatten fliegende Buden aufgeschlagen, in welchen sie seidene Tücher für die schmucken „Dirndeln“ und lederne Hosen für die strammen „Buam“ verkauften. Hier hielt ein phantastisch gekleideter Araber Rosenkränze und „Rosen von Jericho“ feil; dort bot eine alte Frau große Herzen aus Lebkuchen den kichernden Mädchen an. Zwischen den Buden drängte und stieß sich die froh bewegte Menge. Hochgewachsene Burschen mit kühnen Gesichtern, dralle Mädchen in reichgestickten Miedern, alte Mütterchen, welche noch die historischen Pelzhauben trugen, so wogte es durcheinander.
Die Tische vor dem Wirtshause waren bis auf den letzten Platz besetzt. Unter einer mächtigen Linde saßen die Honoratioren, lauter reiche Bauern, deren Mienen trotzigen Hochmut und eiserne Festigkeit verrieten. Sie unterhielten sich von den Ereignissen, welche sich draußen in der Welt abspielten, und sprachen manches ernste und gewichtige Wort.
Der Freihofbauer vom Freihof, Ignatius Rammelsteiner, fand das meiste Gehör. „I woaß net,“ sagte er, „was mit dem Dreyfuas is. Ob’s ’n eppa auslassen, oder ob’s ’n eppa drin g’halten. De G’schicht ko ma b’schaugen, wia ma mog. Bal da Dreyfuas schuldi is, nacha ham’s recht, daß s’ eahm g’halten, aba bal er unschuldi is, nacha is a Gemeinheit.“
„Recht hat er,“ murmelte ein ehrwürdiger Greis, dessen weiße Locken in jugendlicher Fülle unter dem grünen Hute hervorquollen.
„Ja, da Freihofbauer!“ sagte wieder ein anderer, „dös is a Mo! An solchen gibt’s net glei wieda in unsere Berg herin. Was der sagt, hat Hand und Fuaß!“
„Deswegen hat er’s aa zu was bracht,“ erwiderte der Greis. „Schaug an Freihof o, Toni, wia r’a dasteht auf stolzer Höh. Justament wia r’a Königsschloß!“
„Und dös Rindviech! Und dös Heu und Grummet!“ fiel ein Dritter ein. „Wer amol an Freihofbauern sei Loni heirat, der ko von Glück sagen.“