Die Richter
Aus: Agricola. Verlag Albert Langen, München
Johann Feichtl, Hüter und Schäfer der Gemeinde Kraglfing, wäre einmal fast „Hüter der staatlichen Gesetze“ gewesen und hätte um ein Haar über seine Brotgeber und Herren zu Gericht sitzen müssen. Das ist aber so gekommen: An einem abgeschafften Feiertag trank sich der Feichtl den landesüblichen Rausch an. Und weil das bei ihm leider eine Seltenheit sein mußte, und außerdem, weil sein Kolleg von Huglfing mit dabei war, nützte er die Gelegenheit aus und sang mit erhobener Stimme alle Lieder, welche ihm seit seiner Kindheit erinnerlich waren.
Allein hiebei begnügte er sich nicht, wie der Stationskommandant in seinem Berichte schrieb, sondern er schlug auch mit einem Halbliterglase den Takt auf dem Tische und verursachte, daß die Kleidung des Gemeindebevollmächtigten Rupfenberger mit Bier bespritzt wurde.
Der Huglfinger Schäfer hingegen steckte Mittel- und Zeigefinger einer jeden Hand in den hiezu geöffneten Mund und ließ schrille Pfiffe ertönen, welche weniger wegen ihrer Beschaffenheit, als wegen ihres Urhebers von den anwesenden Gästen sehr mißliebig bemerkt wurden.