Schneckel war noch ein Prachtexemplar der leider aussterbenden Rasse, einer der letzten jenes Geschlechtes von Gerichtsdienern, die ehemals durch den „Haselnussenen“ Schrecken um sich verbreiteten und auch späterhin, nach Abschaffung dieses heilsamen Institutes, durch eine ungeheuerliche Grobheit den Respekt wacherhielten. Er war Soldat gewesen, hatte sogar einen Feldzug mitgemacht und den Bronzeller Schimmel erschießen helfen. Später in der langen Friedenzeit hatte er dann in einer kleinen Garnison Gelegenheit gefunden, sich jene Umgangsformen anzueignen, die ihm in seinem nunmehrigen Posten so trefflich zustatten kamen. —
Die Bauern kannten und ehrten ihn; wenn er mit seiner tiefen, durch häufiges Schnupfen undeutlich gewordenen Stimme dazwischen fuhr, gab es keinen, der sich auflehnte oder gegen einen ehrenden Beinamen Beschwerde erhob. Sie wußten alle, daß Schneckel aus dem Vollen schöpfte und daß es ihm ein leichtes war, jeden Widerspruch durch seinen unglaublichen Reichtum an Schlagwörtern unmöglich zu machen. Diese Nachgiebigkeit rührte aber unsern Schneckel durchaus nicht. Er geriet beim Anblick einer Lederhose oder eines seidenen Kopftüchels stets in gereizte Stimmung und gab ihr Luft, wo er konnte.
Darum bereitete es ihm ein grimmiges Vergnügen, wenn an den Sitzungstagen die Kanadier zuerst die Saaltüre öffnen wollten, dann, wenn sie nicht aufging, das Schloß probierten, anklopften, wieder das Schloß probierten, um endlich kopfschüttelnd weiter zu gehen. Oder wenn ein ungestümer Sohn des Landes mit Kopf und Knien zugleich an die Tür anrannte, weil sie wider Erwarten geschlossen war. Dann fand Schneckel Anlaß zu bitterem Hohne:
„Oeha! Muh! Is der Stall zu? Renn ma fei an Türstock net um! Mit dem Kopf! Braucht’s Fräulein a Kanapee zum Warten?“ usw.
Auch an dem bewußten Dienstag gab sich Gelegenheit zu verschiedenen Redewendungen, bis der Herr Oberamtsrichter Schneckel rufen ließ und in sehr übler Laune fragte:
„Was is denn das heut mit den Schöffen? Jetzt is es schon neun Uhr und noch ist keiner da. Wahrscheinlich stehen’s draußen bei den andern rum. Schließen’s die Saaltür auf und lassen’s die Schöffen mit den anderen gleich eintreten. Die Schöffen rufen’s mir aber gleich vor; net, daß ich auf die Herren warten muß. Ueberhaupt, Schneckel, wenn Sie auch zu was gut wären, dann könnten’s Ihnen die Namen von den Schöffen aufschreiben und jedesmal Umfrag halten, ob sie da sind. Für heut is das schon zu spät. Die Sitzung muß angehen. Also etwas rasch, wenn ich bitten darf...“
Als Schneckel abtrat, spie er Gift und Galle. Das ging ihm gerade noch ab! Er, der alte gediente Soldat und Beamte, mußte sich Vorwürfe machen lassen, weil so ein paar... so ein paar bocklederne Hinterwäldler zu faul waren, um sich beim Oberamtsrichter anzumelden. Himmel—stern Laudon! Fuchsteufelswild rasselte er mit seinen Schlüsseln durch den Gang und sperrte die Saaltüre auf. Dann schrie er in den Menschenhaufen hinein: „So, d’ Sitzung is oganga. Z’erscht sollen amal d’ Schöffa reikemma. Moant’s vielleicht, mir warten no lang auf de Hammeln?“
Feichtl stieß den Vitalis Glas an und sagte: „Hast g’hört, mir kemma z’erscht dro. Geh zua!“
Und sie schoben sich langsam an der Spitze des nachdrängenden Haufens in den Saal. Am Eingang empfing sie noch einmal Schneckel: „Seid’s Oes d’ Schöffa?“