Die Gesellschaft würdigte vollkommen die Ehre, mit einem gedruckten, besprochenen und aufgeführten Genius unseres Volkes an einem Tische zu sitzen, und nicht nur waren es die Damen, welche mit leuchtenden Augen an ihm hingen, sondern auch die Herren Diestelkamp und Höfler legten eine mit Neugierde vermischte Ehrerbietung an den Tag.

Man hatte unmittelbar nach Mertens Ankunft nicht geahnt, mit wem man es zu tun hatte, und Frau Mertens hatte nicht früher als beim ersten Mittagmahle Gelegenheit gefunden, solche Bemerkungen hinzustreuen, welche allgemeine Aufklärung verschafften, indem sie laut nach einer Zeitung rief und den Semmelblonden fragte, ob nichts von ihm oder über ihn darin stünde. Sie wiederholte die Frage, schlug die stark rauschenden Blätter hastig um, überflog das Gedruckte und sagte, daß zu ihrer Verwunderung keine Notiz zu finden sei.

Sie beruhigte sich erst, als die Pfeile saßen und von den Nebentischen forschende Blicke ihren Mann streiften, der seine Suppe aß und sich apathisch wie ein dem Publikum vorgezeigter Menagerielöwe verhielt.

Frau Mertens warf zwischen Rindfleisch und Mehlspeise und zwischen Mehlspeise und Kaffee noch mehrmals die Angel aus, und als man sich erhob, biß Frau Direktor Höfler an und erhielt auf schüchterne Fragen eine erschöpfende Belehrung über das Stück Literaturgeschichte, welches der Zufall in ihren Kreis geworfen hatte.

Am Abend war dann alle Welt so unterrichtet, daß sie dem Dichter Bewunderung zeigen und Kenntnis seiner Werke heucheln konnte.

„Woher nehmen Sie Ihre Stoffe?“ fragte Landgerichtsdirektor Höfler, der hier zum ersten Male eines Genius inquirieren konnte und entschlossen war, das Wesen der Schriftstellerei zu zerlegen. „Bietet sich Ihnen der Stoff, wenn ich so sagen darf, zufällig dar, oder erfassen Sie durch einen Willensakt die Materie, der Sie dann poetische Form verleihen?“

„Tja ...“ sagte der Dichter.

„Ich meine, gehen Sie mit Überlegung und Absicht an das Objekt heran, oder drängt es sich unabhängig und gewissermaßen fertig Ihrem subjektiven Empfinden auf, oder ...“

„Tja ...“ sagte der Dichter.

Oder,“ wiederholte Höfler mit erhobener Stimme, denn er liebte es nicht, unterbrochen zu werden, „oder ist die Produktion in ihrem ersten Stadium ein von den den Willen bildenden Momenten unabhängiger Vorgang Ihrer Phantasie, welcher dann erst in seinem späteren Verlaufe in den Bereich Ihrer geistigen Machtsphäre gelangt und so Ihrem formenden Verstande unterworfen wird?“