„Tja ...“ antwortete dieser und schnitt an seinem Rettig weiter.
Seine Frau aber ließ den Faden nicht aus der Hand gleiten.
„Der dritte Akt geht auch viel schneller. Wir haben höchstens vierzehn Tage Arbeit damit. Heuer, beim ‚Barbarossa‘ haben wir drei Wochen gebraucht, weil eine Szene vorkam, wo sich alles reimen mußte. Ich habe es ihm gleich gesagt, daß wir stecken bleiben; aber es war eine Liebeserklärung, und da hat er es so im Kopf gehabt. Ein paar Tage hat es gefährlich ausgesehen, und meiner Köchin ist es auch aufgefallen. Sie hat mich gleich gefragt: ‚Was hat denn der gnä’ Herr? Es wird doch um Gottes willen nicht schon wieder einen zweiten Akt geben?‘ ‚Nein,‘ sagte ich, ‚Lina, den haben wir dieses Jahr glücklich hinter uns, aber es muß sich vier oder fünf Seiten voll reimen, und Sie können ja für morgen eine Eierspeise mit Pflaumenmus richten, und wenn es dann noch nicht besser wird, wollen wir schon sehen.‘ Aber zum Glück waren dann am andern Tag die Verse heraußen, und es ging wieder von selbst.“
Die Frauen der Tafelrunde hatten mit großem Ernste zugehört und nickten nun verständnisvoll mit den Köpfen.
„So lebt man doch eigentlich als Frau die Werke seines Mannes mit!“ unterbrach Frau Direktor Höfler das kurze Schweigen.
„Ich kann es mir so gut vorstellen!“ sagte Frau Kommerzienrat Diestelkamp.
„Sie dürfen mir glauben, daß ich als Frau meinen Kopf beisammen haben muß, wenn er dichtet.“
Frau Mertens zeigte bei diesen Worten auf ihren Gatten, der kindlich lächelnd seinen Rettig einsalzte. „Ich muß an alles denken, und mich trifft es viel härter wie ihn. Er sitzt einfach in seinem Zimmer und schreibt, aber ich habe die Haushaltung und muß genau achtgeben, daß wir noch waschen und reinemachen, vor der zweite Akt angeht, denn dann ist keine Zeit mehr zu so was, und es muß gut eingeteilt werden. Wie wir den ‚Perikles‘ gedichtet haben, sind wir mit dem Stöbern gerade noch drei Tage in den zweiten Akt hineingekommen, und ich kann Ihnen bloß sagen, ich möchte das nicht wieder erleben, und ich habe auch beim ‚Theodorich‘ eine zweite Zugeherin genommen, daß wir nur ja schnell fertig geworden sind.“
„Wie interessant!“ rief Frau Diestelkamp aus, „es wird einem alles so näher gebracht. Ich habe bis jetzt gar keine rechte Vorstellung gehabt, wie es wohl in Dichterfamilien ist, und nun verstehe ich manches.“
„Sie müssen aber trotzdem sehr glücklich sein,“ fügte Frau Höfler hinzu. „Als Gattin eines Dichters! Ich stelle mir das entzückend vor.“