Baden-Baden, d. 16. Aug. 41.
Verehrter Herr Geheimrath!
Vor mehr als zwanzig Jahren, als ich, ein unbedeutender junger Mensch aufs Gradewohl nach Dresden kam, waren Sie es, Herr Geheimrath, durch dessen Verwendung ich meine Anstellung dort erhielt. Stets zeigten Sie mir damals durch freundliche Zurechtweisung und wohl gemeinten Rath den wahren Weg der Kunst, und wenn ich auch zuweilen Ihre Ansichten nicht begreifend, mich gegen Ihre väterliche Leitung sträubte, so erkannte ich doch später, als ich nicht mehr in Ihrer Nähe weilen durfte, wie tief sich Ihre unschätzbaren Lehren mir eingeprägt hatten, und ich strebte nun mit redlichem Eifer sie auszuüben. Oft hat es mich nachher gefreut, wenn Kenner an meinen Darstellungen meinen ersten Meister erkannten. — Jetzt ist ein Zeitpunkt gekommen, wo ich zeigen möchte, was ich großentheils Ihnen zu verdanken habe. In meiner Vaterstadt ist jetzt das Terrain, wo ich meine Fähigkeiten geltend machen müsste, wenn überhaupt meine Laufbahn noch eine neue günstige Wendung nehmen soll. Darum mein innigverehrter Gönner, wenn Sie glauben es noch einmal mit mir wagen zu können, so bitte ich Sie dringend, legen Sie ein kräftiges Fürwort für mich ein, damit mir die Gelegenheit gegeben werde, auf der Berliner Bühne einige Proben meines Talentes zu liefern, und an der Concurrenz um eine dort freigewordene ehrenvolle Stelle Theil zu nehmen. Meine Verbindlichkeiten in Hanover kann ich zu jeder Stunde lösen. Ich werde in 12 Tagen wieder in Berlin sein, und ein gewichtiges Wort von Ihnen zu meinen Gunsten ausgesprochen ist es, wovon ich eine gastliche Aufnahme bey Herrn von Küstner erwarten darf.
Ich hoffe Sie im besten Wohlsein zu finden, doch wenn die sogenannte schöne Jahreszeit auch dort so rauh und unfreundlich ist, wie hier in dem sonst so lieblichen Baden, so wird der Genuß der freien Luft leider nicht sehr wohlthätig auf Ihre theure Gesundheit wirken können. Meinen ehrerbietigen Respect bitte ich der Frau Gräfin von Finkenstein zu vermelden, und nenne mich mit nie ersterbender Dankbarkeit und Verehrung
Ew. Hochwohlgeboren
innigst ergebener
Carl Devrient.
II.
Hannover, d. 3t. April 45.
Hochgeehrter Herr Geheimrath!