Absichtlich habe ich es unterlassen Sie mit der Mittheilung meiner unerfreulichen Unterhandlungen mit dem Herrn Geheimrath v. Küstner über mein Gastspiel zu behelligen, doch nun, da dasselbe endlich zu Stande gekommen ist, nehme ich meine Zuflucht wieder zu Ihnen verehrter Gönner, und bitte Sie um Ihren gütigen Rath und Beistand. Die Aussichten auf einen glänzenden Erfolg meiner Darstellungen sind nur sehr schwach, weil die Zahl der mir bewilligten Rollen auf sechs beschränkt ist, und ich nicht Gelegenheit haben werde, meine Fähigkeiten im ganzen Umfang meines Wirkungskreises zu zeigen. Mein erstes Auftreten in „die Wahnsinnige“ und „der Diplomat“ hat nur den Zweck mich in zwey ganz verschiedenen Gattungen bey dem Publikum vortheilhaft einzuführen, doch wird gleich darauf als ernstere Prüfung der Hamlet folgen, und hierin habe ich von Ihrem strengen Urtheil alles zu fürchten und zu hoffen. Die beiden nächsten Rollen in „das Glas Wasser“ und „der Sohn der Wildniß“ sind wegen der Bequemlichkeit, mit welcher sie auf das Repertoir zu bringen waren, gewählt, sowie ich mich denn nicht rühmen kann, daß meinetwegen länger ruhende Stücke nachstudirt wurden. Eine Väterrolle muß ich aber in jedem Falle spielen, entweder den Wallenstein oder König Lear, wenn mein Vossischer Text mit der Kaufmannschen Uebersetzung zu vereinbaren ist. Vielleicht rathen Sie Herr Geheimrath auch zu dem Faust, vorausgesetzt daß ich dann schon wagen kann, eine blos schwierige aber nicht dankbare Rolle zu spielen. Die Weigerung des Herrn Hendrichs mich während meiner Abwesenheit hier als Gast zu ersetzen, ist auch der Grund, weshalb mein Urlaub nur sehr beschränkt ausgefallen ist, und dennoch werde ich auch dort diesen Herren sehr vermissen, weil ohne ihn weder „Donna Diana,“ worin ich den Perin spiele, noch Kaiser „Friedrich und sein Sohn,“ worin ich eine mir sehr zusagende Väterrolle hätte, aufgeführt werden kann.
Am 10t. werde ich mir sogleich die Ehre geben Ihnen meinen Besuch zu machen, und will nur wünschen daß Ihre Gesundheit Ihnen verstatten wird meinen Vorstellungen beizuwohnen.
Erhalten Sie mir nur Ihre wohlwollenden Gesinnungen und seien Sie meines unvergänglichen Dankes gewiß.
Mit inniger Verehrung und Hochachtung bin ich
Ew. Hochwohlgeboren
aufrichtig ergebener
Carl Devrient.
Eschenburg, Joh. Joachim.
Geboren den 1. Dec. 1743 zu Hamburg, gest. den 29. Febr. 1820 zu Braunschweig, als Geheimer Justizrath. Das hier mitgetheilte Briefchen enthält eigentlich gar nichts für den oberflächlichen Leser — und dennoch in wenigen Zeilen so viel für Jeden, der des Greises milde Klagen über Altersschwäche und Lebensmattigkeit in Verbindung zu bringen weiß mit des herrlichen Mannes thatkräftiger Vergangenheit. Eschenburg, Lessings, wie aller „Größen“ seiner Zeit Bundesgenosse und Freund, hat nicht allein Großes gefördert durch Werke als da sind: Beispielsammlung zur Theorie und Litteratur der schönen Wissenschaften, 8 B. (1788–95) — Lehrbuch der Wissenschaftskunde (in dritter Aufl. 1809) — Entwurf einer Theorie und Litteratur der schönen Wissenschaften (1836) — Handbuch der klassischen Litteratur (in achter Aufl. 1837) — auch ohne solche Denkmäler, die er sich selbst aufgerichtet, wäre der Mann unsterblich durch seine gewissenhafte, klar-verständliche, eben so gelehrte als fleißige Verdeutschung Shakespeares. Daß Niemand mit moderner Geringschätzung auf die theilweise veraltete Form blicke, in welcher uns Eschenburg das Verständniß für den Genius Englands, der ganzen Welt, eröffnete. Er hat den Grund gelegt, auf dem alle seine Nachfolger weiter gebaut. Schlegel wie Tieck haben das nie geleugnet. Wer Eschenburgs Shakespeare, das Riesenwerk eines einzigen deutschen Mannes, nicht mit Ehrfurcht betrachtet, der ist ein Barbar!