Theuerster Freund;

bloß meine Saumseligkeit ist schuld, daß ich Ihnen nicht schon längst von hier aus geschrieben und die mir so gütig geliehenen Sachen geschickt habe; und ich will mich nur mit dem allgemeinen Geschick der Briefe entschuldigen, welche meist mit einer Entschuldigungsformel, wovon auch diese hier nur eine der unzähligen Variazionen ist, anheben müssen. Meine Gesinnung hat sich mit dem Ort keinesweges geändert, wie die häufigen Unterhaltungen mit meinen und Ihren hiesigen Freunden über Sie und Ihre Werke bezeugen könnten, wobei wir immer auf einen baldigen Besuch von Ihnen selber gehofft haben. Bei meiner Herreise war es allerdings meine Absicht, Sie heimzusuchen, und ich freute mich recht darauf, aber leider waren Sie damals gerade von Ziebingen abwesend, und ich hatte nur das Vergnügen die Gegend Ihres Aufenthalts kennen zu lernen. — Hier haben mich zum Theil die neuen Verhältnisse und die Bibliothekgeschäfte etwas von meiner sonstigen Lebensweise abgezogen, doch kehre ich stäts dazu zurück, und nach der baldigen Aufstellung der Bibl., deren allmälige Entstehung mir auch Freude macht, hoffe ich wieder volle Muße zu haben. Ich denke noch oft an das Heldenbuch, wozu wir uns verbinden wollten, und habe mancherlei dazu vorgearbeitet. Wie steht’s nun mit Ihnen? Denken Sie auch noch daran? Mit herzlichstem Dank sende ich Ihnen die Ravenna-Schlacht zurück, die ich eben nochmal durchgelesen. Die Arbeit hat ganz meinen Beifall, und ich wünsche nichts mehr, als daß Sie solche recht bald vollenden, und das dazu gehörige Gedicht von Dietrichs Flucht ebenso darstellen. Ich wollte dann den Otnit und Wolfdietrich nach der Dresdener Hds. und den (ungedruckten) großen Rosengarten dazu geben; vielleicht bearbeiteten Sie dann auch noch den kleinen Rosengarten und den Rother. Lassen Sie mich doch hierüber recht bald etwas von Ihnen wissen. Das Original der Ravennaschlacht erlauben Sie mir gütigst noch einige Zeit; sobald Sie es wirklich gebrauchen wollen, erhalten Sie es ungesäumt. Jetzt aber frage ich noch an, ob Sie den genauen Abdruck desselben in dem 2ten Bde. der Samml., von welchem ich Ihnen die Ankündigung zur gefälligen Beförderung beilege, gütigst verstatten wollen. Hoffnung habe ich, wie Sie sehen, schon dazu gemacht; und meine freundliche Bitte darum füge ich hier hinzu. Ihrer Bearbeitung kann dieser Abdruck gar keinen Eintrag thun; und es versteht sich, daß das Honorar dafür, das Reimer freilich nur in Büchern giebt, Ihnen zu Gute kömmt. Geben Sie mir aber doch baldigst Bescheid, indem der Druck bald nach Ostern beginnen soll. — Ich bin auch sonst hier nicht säumig gewesen: die Edda-Lieder und Sagensamml. (welche ich Ihnen beilege) und die Fortsetzung des Museums sind erschienen, und eben lasse ich eine vollständige Uebersetzung der Wilkina- und Niflunga-Saga drucken, worauf dann die übrigen Nordischen Sachen über unsern Fabelkreis, übersetzt folgen sollen. Diesen Kreis vollständig zu bearbeiten in Original und Nachbildung, halte ich für meine eigentliche Aufgabe und liebsten Beruf, wenn ich mich nicht täusche; und bald werde ich alles beisammmen haben. — Ich gebe auch manche kleine Aufsätze in die hier schon im 2ten Jahr durch Gräter und Heinze erscheinende Alterthumszeitung Iduna und Hermode, in welcher zwar Kraut und Rüben durcheinander steht, die aber doch erfreulich ist, und Theilnahme verdient, zu welcher ich auch Sie auffordern möchte. Sie haben gewiß noch viele Nachrichten und Auszüge von Römischen Hds., welche hier willkommen und heilsam sein würden; theilen Sie also mit, und lassen auch hier Ihren Namen eine Zierde sein. — Ihr Frauendienst, und vor allen der Phantasus, ist uns diesen Winter eine rechte Erquickung gewesen, und die Gespräche darin haben uns Sie recht vergegenwärtigt, und unerschöpflichen Stoff zu neuen Gesprächen gegeben. Solgern habe ich mit der Stelle von dem Freund mit der Pfeife, und den aristophanischen Parodien im Däumchen geneckt; das Sonnet im gestiefelten Kater aber unserer verehrungswürdigen grauen Katze vorgelesen, worauf sie sich den Bart geputzt hat. Sie würden sich wundern, wenn Sie herkämen, dieselbe Grisette zu finden, obgleich es eine ganz andre, hier erst aufgezogene ist. Schon deshalb sollten Sie bald einmal herkommen. Jetzt ist hier freilich alles im Aufruhr und eine fürchterlich-schöne Zeit: ein so allgemeiner Aufstand der Gemüther und Kräfte für Vaterland und Freiheit, ist ein Stolz unserer Tage, der uns über uns selbst erhebt, aber zugleich mit großer Ergebung erfüllt; alles ist in der höchsten Spannung, und in den nächsten Tagen muß es losbrechen, und dann werden auf lange Zeit für uns die blutigen Würfel fallen. Steffens That wissen Sie; er kann von großer Wirkung in diesem Volkskriege sein durch seine wahrhafte Begeisterung, und das große Opfer, welches er bringt. — Auch Fouqué kam in diesen Tagen mit 80 Mann hier an, und geht wieder zu seinem alten Regiment: es ist Volker der Spielmann, der jetzt den Fiedelbogen mit dem Schwert abwechselt; ich habe ihn ermahnt, den Französischen Hunden wacker zum Tanz aufzuspielen; und er wollte mich durchaus mithaben, eingedenk des Verses: „Hagene und Volker geschieden sich doch nie“ aber noch habe ich keinen Beruf und gehöre zur Landwehr. Es muß freilich eine herrliche Lust sein, die Franzosen zu jagen und zu schlagen. An Kriegsdienern fehlt es uns schon nicht, und es sind einige sehr gute darunter. Der Himmel gebe nun seinen Segen! — Viele Grüße an Burgsdorf und andre Freunde, und von meiner Frau an Sie. Behalten Sie mich lieb, und schreiben mir auch wieder, sobald es sein kann. Leben Sie wohl und gesund.

Ganz der Ihrige

F. Hr. v. d. Hagen.

Noch lege ich eine Aufforderung bei, die eigentlich von Büsching herrührt und für sich selbst spricht, und der ich überall so patriot. Theilnahme wünsche, wie hier.

II.

Breslau, d. 9ten Juni 1815.

Verehrtester Freund;

Herzlichen Dank für Ihren lieben Brief, der mich Ihres Wohlseins und Ihres Andenkens versichert. Den Ueberbringer desselben kannte ich schon, da ich vorigen Sommer mit ihm von Ziebingen aus, glaube ich, auf der Post zusammengefahren war, und wir uns bald aufgefunden und besonders an Ihnen einen lieben Vermittler näherer Bekanntschaft hatten. Ich denke, er befindet sich jetzo recht wohl hier, da er so ganz unter Freunden und Verwandten lebt, und so lieb gehalten wird, wie er es verdient. Ich sehe ihn oft, und er ist auch mein Zuhörer in den Nibelungen. Ihre Idee wegen eines Freibillets zum Theater war und ist leider unausführbar, da das Ganze in den Händen der Kaufleute ist, und Rhode, wenn er auch gewollt, nichts darin ausrichten konnte. Ich habe also lieber gar keinen Schritt dazu gethan: doch hatte ich es zuvor mit Raumer überlegt. — Endlich, liebster Fr., erhalten Sie nun auch, mit herzlichen Dank, Ihre Handschr. zurück. Die Kollation hat zuletzt noch etwas aufgehalten. Es freut mich, dass nun Ihr Heldenbuch auch vorrückt (mit so viel andrem, wie ich höre, und worauf wir alle uns so sehr freuen). Wie ist es denn aber nun: wollen Sie meine Beiträge noch, die wir damals verabredet? denken Sie doch auch an Zurückübergabe des Waltharius Aquitan. im Nibelungen Vers. Nächstens erhalten Sie auch Ihr Ex. der Nibel. wieder, welches ich eben noch vergleiche, ob ich auch nichts übersehen in der Hds. selber. Dabei soll dann auch die Volsunga-Saga übersetzt folgen, die noch beim Buchbinder steckt. Diesmal lege ich aber noch die Uebers. der Eddalieder bei, wovon Sie vermuthlich doch schon die Urschrift von mir haben. Möge Ihnen das Büchlein gefallen. Mit noch einem solchen Hefte will ich dann die Nord. Seite dieses Zyklus vor der Hand beschließen, und wende mich wieder recht mit neuer Lust und aller Liebe zu den deutschen Dichtungen. — Nächstens mehr: am besten wäre, Sie kämen her und machten das todte Schreiben ganz überflüssig, und läsen uns über Shakspeare und kein Ende (so hat Göthe einen Aufsatz im Morgenbl. überschrieben, den Sie lesen müssen). Behalten Sie mich lieb, so wie ich Sie von ganzem Herzen. Meine Frau grüßt beßtens, sie sitzt eben zwischen 2 treffl. Katzen, die Sie ja bald sehen müssen. Leben Sie recht wohl und gesund, und lassen bald von sich hören, sei’s geschrieben, gedruckt, oder am liebsten, gesprochen. —