XIII.

Berlin, d. 10. Jul. 1801.

Es ist in der That sehr befremdlich, daß Du mir alle die Umstände, die mich hätten bestimmen können, Dir den Ofterdingen ohne Aufschub zu schicken, jetzt erst hinterdrein als so viel Vorwürfe mit heftigen Wendungen an den Kopf wirfst, statt sie mir gleich anfangs ruhig und auf die gehörige Weise zu melden. Mit drei Zeilen hättest Du mir eine weitläuftige Auseinandersetzung und Dir den Aerger (weil Du doch schreibst, daß Du Dich geärgert hast) erspart. Noch in Deinen letzten Briefen gestehst Du ein, daß Du Dich nicht zu Geschäften passest: wie kann ich errathen, daß Du Dich plötzlich dem Geschäft dieser Herausgabe unterzogen hast?

Du schreibst wiederholt: „Du kannst ja nicht wissen“ &c. &c. Freilich konnte ich nicht wissen, und deswegen brauchte ich mich auch ganz und gar nicht darnach zu richten. Das Manuscript war zufällig in Deine Hände gekommen, Unger hatte es Dir gegeben, um es Deinen Freunden vorzulesen; wäre ich gerade in Berlin gewesen, so hätte er es eben so gut mir abliefern können. Wir sind Beide Hardenbergs Freunde, er hat mit uns beiden mündliche Mittheilungen über seinen Roman gehabt. Mich hat er unter andern über den Krieg zu Wartburg zu Rathe gezogen, und hat durch mich die Behandlung desselben in den Minnesängern kennen gelernt. Ich habe in seinem Namen den Vertrag mit dem Verleger zu seiner Zufriedenheit zu Stande gebracht. Die allgemeinen Ansprüche auf die Herausgabe wären also wenigstens gleich; dem Bruder des Verstorbenen steht allerdings das Recht zu, eine nähere Vollmacht zu ertheilen, allein, wenn ich ihr Folge leisten sollte, so mußte ich davon wissen. Weit entfernt, daß Du Ursache hättest, böse zu sein, daß ich Deinem königlichen car tel est notre plaisir nicht gehorcht, hast Du gegen mich erst durch das Verschweigen Deines Vorhabens mit einer Sache, die mich eben so nahe interessirt wie Dich, dann durch Dein imperativisches Benehmen, alles aus den Augen gesetzt, ich will nicht sagen, was Freunde einander schuldig sind, sondern was die gewöhnliche Anständigkeit mit sich bringt, was man so procedés nennt.

Ich muß hinzufügen, daß ich mich auch jetzt der Strenge nach nicht verpflichtet halte, Dir das Manuscript zu schicken. Ich dürfte nur an Karl Hardenberg schreiben, ich wolle es ihm und nur ihm überantworten. Glaube auch nicht etwa, daß Dein heftiges Trotzen mich in Schrecken setzte: es kommt mir bloß lächerlich vor. Du versicherst, ich habe versprochen, Dir das Manuscript auf die erste Forderung wieder abzuliefern, und ich muß es Dir wohl auf Dein Wort glauben; ich kann Dir aber eben so redlich versichern, daß ich mich dessen nicht erinnerte und noch jetzt nicht erinnere. Aber es empört mich innerlich, daß über den heiligen Nachlaß eines von mir innigst geliebten und betrauerten Freundes ein gemeines Gezänk entstehen soll, wie Du es zu erheben anfängst: darum will ich der Sache so kurz wie möglich ein Ende machen.

Da Ihr mir von allem in Leipzig verhandelten keine Nachricht gegeben habt, so überlasse ich es nun Dir auch, bei Unger anzufragen: ob er auf den Verlag des Buches, der ihm vermöge des Vertrages zukommt, noch Ansprüche macht? was ich sonst leicht durch ein Billet hätte thun können. Du wirst einsehen, daß die rechtliche Form den jetzigen Herausgeber hierzu verpflichtet, wenn er auch fast gewiß voraus weiß, daß Unger den Verlag nicht mehr will.

Ich verstehe nicht, was Du damit sagen willst: „Daß es gerade wie der W. Meister gedruckt werden soll, scheint mir jetzt ganz unwesentlich, da das Buch jetzt eine andre Absicht hat!“ Welche andre Absicht hat denn das Buch jetzt, als die der Verfasser selbst damit hatte? Gehört das auch zu den mir unbekannten Leipziger Verhandlungen? Ich, der ich den Vertrag für Hardenberg geschlossen, kann Dir sagen, daß er auf diese Bedingung sehr viel Nachdruck legte, daß es seine erste Bedingung war, daß er deswegen Unger am liebsten zum Verleger wollte. Es schien ihm nicht eine bloße Aeußerlichkeit zu sein, sondern auf den Eindruck des Werks Einfluß zu haben, indem er grade diese Art von geräumiger Sauberkeit in Format und Druck mit dem Geiste seiner Darstellung übereinstimmend fand. Auch wollte er, daß das Buch sich auf diese Art an den W. Meister, den Sternbald, den Klosterbruder und die Fantasieen anschließen sollte. — Ein allgemeines Gefühl hat es von je her den Menschen zum Gesetz gemacht, den Willen und die Anordnungen der Verstorbenen über das, was ihnen zusteht, auch in Kleinigkeiten pünktlich zu befolgen. Wenn du dieses für Aberglauben hältst, so wünsche ich Dir zu dieser aufgeklärten Gesinnung Glück. Allerdings hat die entgegengesetzte Maxime auch einen guten Grund für sich, nämlich den, daß die Todten nicht wieder kommen.

Hardenbergs Vorschrift über diesen Grund habe ich Dir nun dargelegt, und gebe sie nebst allem Uebrigen Deiner Verantwortlichkeit anheim. Wenn man auf keinen sonstigen Forderungen von Honorar besteht, (und warum sollte man das?) so wird diese Bedingung nicht so schwer zu erlangen sein: die Ungerschen Lettern sind ja schon in einer Menge Offizinen vorhanden, der Verleger kann es auch bei Unger drucken lassen.

Mit der Aeußerung: „wenn ich nun glaubte, daß es Dir bei der Herausgabe dieses Buchs um Ehre oder Vortheil zu thun sei, so würdest Du Dich nur von neuem ärgern,“ trittst Du Dir selbst sehr zu nahe, und mich wundert, daß Dir dabei das bekannte Sprichwort vom voreiligen Entschuldigen nicht eingefallen ist. Wenn mir überhaupt ein solcher Gedanke so nahe läge, so müßte ihn freilich das Verschweigen Deines Vorhabens, die jetzige gewaltsame Art, das Manuscript zu fordern und besonders diese Aeußerung veranlassen.

Es ist aber auch wohl meine Art, Dir Vortheil oder Ehre zu mißgönnen? Wofern die Herausgabe nur sonst gehörig und Hardenbergs Anordnungen gemäß besorgt wird, so soll es mir lieb sein, wenn sie Dir noch so viel Vortheil einträgt; wenn Du aber eigenmächtig und auf die entgegengesetzte Art damit verfährst, so wird sie Dir wenigstens bei den Freunden des Verstorbenen keine Ehre eintragen.