Warum sollte es denn so gar ungeziemlich sein, im Fall sich kein Verleger fände, die Kosten des Druckes vorzuschießen? Gesetzt auch, ein unvollendeter Roman, in diesem für so Wenige noch faßlichen Geiste geschrieben, hätte jetzt kein so zahlreiches Publicum zu erwarten, daß ein Verleger seine Rechnung dabei fände, sind wir darum berechtigt anzunehmen, daß es außer unserm Zirkel gar keine Menschen gebe, für die Hardenberg sich freuen könnte, geschrieben zu haben? Sind wir berechtigt, dies Bruchstück eines göttlichen Werkes der Folgezeit vorzuenthalten, und dadurch den Verstorbenen um den ihm gebührenden Zoll der Liebe und Verehrung von verwandten Geistern zu bringen? Nach Deiner transcendent-idealistischen Ansicht soll für die Freunde nicht einmal etwas daran gelegen sein, wenn das Manuscript verloren ginge, „weil H.’s Umgang in ihnen Wurzel geschlagen haben muß.“ Siehst Du nicht, daß Du mir hierdurch Waffen gegen Dich selbst in die Hände giebst? Ich hätte ganz treffend in Deinem Sinne antworten können: Du brauchst den Ofterdingen als Studium zum J. Böhme? Studire Deinen Eindruck davon. Du willst ihn herausgeben? Gieb die Vorstellung von diesem Eindruck heraus, und ergötze damit Deine Leser. Vielleicht wird die Poesie überhaupt so sublimirt, daß man nicht mehr Gedichte, sondern bloße Einbildungen von Gedichten liefern wird! Uns Realisten aber, die wir uns nicht so behelfen können, laß einstweilen das Manuscript.

Ich komme auf den Almanach. Nachdem Du zwei Monate lang auf die heilloseste Art von der Welt sogar das kleine Geschäft versäumt hast, mir über den Druck Nachweisung zu geben, scheinst Du darüber empfindlich, daß ich mich der Sache mit Eifer annehme. Wir haben die gemeinschaftliche Herausgabe in der Hoffnung unternommen, daß wir uns auch bei abweichenden Meinungen als Freunde und vernünftige Menschen würden verständigen können, denn freilich ist auf den Fall nichts ausgemacht, daß der eine absolut Nein, der andre absolut Ja sagt. Eine seltsame Verstimmung oder wenigstens Veränderung gegen mich, die seit Deiner Abreise in Dir vorgegangen ist, scheint diese Hoffnung beinah zu vereiteln, und Du hast mir schon so vielen Verdruß gemacht, daß ich zehntausendmal wünsche, ich hätte es nicht auf diese Art unternommen. Du krittelst über alles ohne irgend etwas zu fördern, und aus Empfindlichkeit darüber, daß ich, wie Du behauptest, Dir keine Stimme lasse, (da ich Dir doch alles und jedes vorlege) ob Du gleich auch einen Herausgeber vorstellen sollest (der Himmel weiß, daß es nicht meine Schuld ist, wenn Du es nicht wirklich bist), setzest Du mit Fleiß Abweichungen voraus, wo gar keine sind. —

Ueber die Epigramme von Röschlaub habe ich eben so gedacht wie Du: ich schickte sie Dir bloß der Vollständigkeit wegen, und weil Du sie fordertest. Das Gedicht von Mnioch findest Du viel geringer, als den Vermählungshymnus, ich viel vortrefflicher; das ist ja aber für unsern Zweck gleichgültig. Wir sind doch beide der Meinung, daß es eingerückt werden soll. Dein Urtheil über das Gedicht Deiner Schwester muß ich ebenfalls als eine Billigung des Einrückens ansehen. Ueber die kleinen Gedichte von Friedrich habe ich Dir bloß einige unmaßgebliche Vorstellungen gemacht; sie mögen immerhin ganz wegbleiben, ich habe nichts dagegen. Die beiden Lieder aus dem Ofterdingen habe ich so gewählt, weil ich fand, daß diese am besten außer dem Zusammenhange für sich bestehen und ganz gefühlt werden können. Ich befürchte, daß das arme Weinlied meine Wahl entgelten muß, denn mir scheint es zu dem zartesten, gefälligsten, kühnsten und fröhlichsten zu gehören, was Hardenberg je gedichtet hat, und ich glaube, daß ich nicht allein dieser Meinung bin. Besonders ist das von der Gährung des Weines, was den größten Theil des Gedichtes einnimmt, recht charakteristisch, und grade von der Art, wie es nur allein Hardenberg machen konnte. Indessen, wenn Du einmal dagegen bist, so suche nur ein andres aus, und schicke es mir baldigst. Oder ich lasse es mir auch gefallen, daß die Lieder aus dem Ofterdingen ganz wegbleiben; melde mir nur Deine Entscheidung baldigst. Ich will sie so lange zurückbehalten. Nur erwäge noch dies: daß es uns gar sehr an fröhlichen, geselligen Liedern fehlt, die uns weit mehr Leser gewinnen, als die mystischen, und daß es eine gute Gelegenheit wäre, in der Inhaltsanzeige auf die Erscheinung des Ofterdingen aufmerksam zu machen.

Friedrich hat geschickt: 1) Die Abendröthe, 2) Romanze vom Licht, 3) Hymnen. Wenn ich mich nicht sehr irre, so kennst Du schon alles, außer die 3te unter den Hymnen, das Sonett auf die Isis. Ich habe indessen Nr. 2 und 3 abschreiben lassen, und schicke es Dir mit. Die Abendröthe ist lang, ich glaubte nicht, daß es wegen der Veränderungen, die Fr. etwa darin vorgenommen, nöthig wäre, Dir eine Abschrift vorzulegen.

Ferner wird uns beiliegendes Gedicht in Stanzen angeboten. Wenn es Dir gefällt, so könnte es neben dem Schwank vom neuen Jahrhundert am Ende zu stehen kommen. — —

Wenn Du gründliche und wichtige Studien machst, mein Freund, so ist es mir sehr erfreulich, nur ist Deine Art, sie mir in dem Postscript vorzurechnen, eben nicht geeignet, mich davon zu überzeugen. Ich hatte Dich dazu angemahnt, weil ich nach der Beobachtung Deiner hiesigen Lebensart, nach Deinem eignen Bericht von verlornen Wochen in Dr.... glauben mußte, daß Du Dich darin vernachlässigtest! Wenn ich mich irrte, so hattest Du am wenigsten Ursache, es übel zu nehmen, Du durftest es mir nur schreiben, so war die Beschämung auf meiner Seite. Soll man sich immerfort Complimente machen, sollen sich Freunde über ihr Thun und Treiben nicht gegenseitig ihre Meinung offen sagen dürfen, so ist die Freundschaft überhaupt nur ein unbedeutender Name. Ich bin weit entfernt, mir über meine Freunde eine Vormundschaft oder Aufsicht anmaßen zu wollen; allein eben so wenig will ich mich von ihnen tyrannisiren und mir unwürdig begegnen lassen.

Ich bin ein freier Mensch, der am Ende keiner Freunde bedarf; ich bin es mehr, als mancher Andre, weil ich meine eigne Thätigkeit mehr beherrsche. Dir habe ich meine Freundschaft zuerst entgegen gebracht, ich bin mir bewußt, mit dem uneigennützigsten Wohlwollen, mit reinem Wohlgefallen an Deinem Geist und Deinen Talenten, auch da, wo ich Deine Ueberlegenheit am meisten anerkennen mußte, und mir nicht schmeichelte, Dich je zu erreichen.

Meinem Ehrgeiz konnte Deine Unthätigkeit willkommen sein; wenn ich mit Eifer dagegen gesprochen habe, so ist es doch wahrlich nicht meinetwegen geschehn. Und nun muß ich eine solche Erwiderung von Dir erfahren! —

Ich beschwöre Dich, setze diesen Ton und dieses Benehmen nicht fort; ich könnte nichts weiter darauf thun, als schweigen, und beklagen, daß ich mich in Dir geirrt. Laß es dahin nicht kommen. Dieser Mißklang gehört nicht in Dein Wesen, er gehört sich nicht zwischen uns. Mit freundschaftlichen Gesinnungen unveränderlich der Deinige.

A. W. Schlegel.