Ich bin beschämt, daß ich Dir in Erwiederung des Octavian immer noch nicht den Ion habe senden können. Meinen Brouillon mag ich nicht gern hergeben, und die erste Abschrift, die ich selbst hier habe nehmen lassen, hat mein Abschreiber noch in Händen, um die zweite danach zu verfertigen. Ich hoffe allernächstens eine große Sendung nach Dresden zu veranstalten, wo der letzte Band vom Shakspeare für Dich, die fertig gedruckten Mährchen Deiner Schwester, worin verschiedenes, was Du noch nicht kennst, der D. O. 4 Th., die Abschrift vom Ion, und die Exemplare vom Alarcos zugleich ankommen sollen. Sage doch Friedrichen, er möchte mir wegen der Zahl derselben, die er selbst oder ich in seinem Namen von Unger begehren möchte, und wegen der Vertheilung und Versendung Aufträge ertheilen. Da ich mir vorläufig einige von Unger ausgebeten, hat er mir 6 auf Velin geschickt, wobei der Medusenkopf sich beträchtlich besser ausnimmt, und mir dazu sagen lassen, die übrigen wären beim Buchbinder und würden brochirt. Da sie ungeheftet sind, habe ich sie sogleich zum Buchbinder geschickt.
Die Aushängebogen, sage an Friedrich, hätte ich Humboldten und Brinkmann auf ihr dringendes Bitten geliehen. Den letzten sprach ich noch nicht darüber; Humboldt ist eigends zu mir gekommen und hat sich mit vielem Respect geäußert. Dein Bruder ist sehr fleißig, und hat, da er nicht mehr lange wird hier bleiben können, viel zu arbeiten. Die Büste der Tochter des Ministers Haugwitz, Gräfin Kalkreuth, ist eben fertig geworden, die der Frau von Berg wird auch bald so weit sein, und jetzt modellirt er die Gräfin Voß. Er hat fast gewisse Aussichten, das Portrait der Königin ebenfalls zu machen, wenn es nicht etwa durch Schadow, dessen Schwester Kammerfrau bei ihr ist, hintertrieben wird. Man muß also nicht davon reden. Indessen hat die Königin es selbst verschiedentlich gesagt, und hinzugefügt: sie wünsche den Bildhauer Tieck besonders auch deswegen kennen zu lernen, um mit ihm von seinem Bruder zu sprechen, den sie als Dichter so sehr habe rühmen hören. — Es scheint, daß wir jetzt unter den Prinzen bei Hofe und sonst verschiedne Freunde haben; es wäre drollig, wenn einmal die verrufene Parthei die protegirte würde.
Noch habe ich jetzt keine neue Arbeit angefangen, ich kann nicht wohl eher, bis das Collegium zu Ende ist, welches mich wöchentlich zweimal stört; dann wird es aber mit großem Eifer geschehen.
Deine Schwester will Dir mit nächster Post das nähere über ihre Reise nach Dresden schreiben. Gehab Dich unterdessen wohl, grüße Deine liebe Frau und Friedrich.
A. W. S.
XXIII.
Berlin, d. 28. Mai 1803.
Zu Deiner Beruhigung, liebster Freund, melde ich Dir, daß ich von Wilmans Deine Gedichte vor dem Abdruck zurück erhalten. Suche nun Friedrichen die getäuschte Hoffnung (die Du denn doch wirklich erregt hast, ob Du es schon nicht eingestehen willst) auf andre Weise zu ersetzen. Das 2te Stück der Europa wird in ein paar Wochen fertig sein, und eben erhalte ich einen Brief von Friedrich, worin er verspricht, die Fortsetzung sehr rasch zu liefern, mir aber zugleich aufträgt, die Freunde zu Mitarbeiten zu ermahnen. Schick mir also nur bald etwas für das 3te Stück. Gleich nach Deiner Abreise habe ich angefangen, Deine Bearbeitung der Minnelieder mit den Originalen zu vergleichen. Ich wollte sie alle auf diese Weise durchgehen, allein eine Privat-Vorlesung, die ich noch zu meinen andern Arbeiten übernommen, hat mich nicht dazu kommen lassen. Ich schicke Dir also hier meine Bemerkungen über die ersten 26 Nrn. Achte sie Deiner Prüfung werth, und schreib mir unverzüglich, ob Du einige, und welche von meinen Vorschlägen Du annimmst. Willst Du mir nach dieser Probe Vollmacht ertheilen, bei der Correctur nach Vergleichung mit den Originalen, Kleinigkeiten (versteht sich nur solche, über die ich gewiß bin) zu berichtigen, so will ich sie mit aller Vorsicht ausüben. Du siehst leicht ein, daß ich keine andere Triebfeder hierbei habe, als Interesse an der Sache selbst. Ich kann mirs auch gefallen lassen, ein bloß passiver Corrector zu sein. Der Druck soll nach Reimers Aeußerung bald anfangen.
Deine Schwester läßt Dich herzlich grüßen. Es hat uns sehr leid gethan, von Genelli zu erfahren, daß wir für jetzt die Hoffnung aufgeben müssen, Dich wieder hier zu sehen. Hufelands Kur schlägt sehr gut an, sie hat sich innerhalb 14 Tagen ganz bedeutend erholt. Der Kleine ist auch glücklich entwöhnt worden, und sehr gesund. Nun sinnt sie nur darauf, die Reise nach Dresden, welche Hufeland sehr anräth, noch vor Ende des nächsten Monats zu bewerkstelligen.