Höchst indelikat finde ich die Nicht-Frei-Machung des unmäßig dicken, auf grobes Papier geschriebenen Briefes und feig-geitzig, daß man bei Ihnen nicht wegen des Honorars bestimmt anfrägt.
Was den ästhetischen Inhalt des Briefes betrifft, so werden Sie diesen besser als ich zu beurtheilen wissen.
Mit Liebe
Ihr
L. Robert.
VIII.
Berlin, d. 10. Juni 23.
Sehr recht haben Sie, mein verehrtester Freund: Nicht allein, daß man nicht immer kann, was man will, man will auch meist nicht, was man kann, ja, was man soll. Das erste ist Schicksal, das zweite negative und das dritte positive Nichtigkeit; man nennt es auch Sünde. Ich will mich nicht ganz freisprechen; aber größtentheils tragen die Umstände die Schuld, daß ich nicht früher nach Dresden kam und noch ein paar glückliche und unterrichtende und befruchtende Monathe mit Ihnen verlebte. Einrichtungen, die meine Vermögensumstände betreffen, mußten und konnten nicht eher genommen werden, als bis sich der politische Himmel wenigstens momentan wieder aufgeklärt hatte. So lange ich unverheirathet war, ließ ich unbesorgt Alles so hingehen, wie es eben wollte, in dem sichern Bewußtseyn, daß mirs für meine Person nie fehlen würde. Jetzt muß für die Zukunft der Besitz fest bestimmt und möglichst gesichert seyn, d. h. flüssig erhalten werden. Das ist nun jetzt — wenn auch mit einigen Opfern — geschehen. Dadurch aber hat mein Reiseplan sich sehr geändert. Wollte ich doch schon jetzt in meinem paradiesischen Baden-Baden zurück seyn und irgend eine liebe Arbeit begonnen haben. Nun aber geht mir der Sommer verlohren und ich muß für Zeitschriften — um die Reisekosten zu erschwingen — Kräfte aufwenden und Zeit, die ich wahrlich zu etwas Besserem gebrauchen könnte. Nach Wien muß ich und da der Sommer dort todt ist, so will ich den September dort und den October in München zubringen. In allen Fällen aber gedenke ich, Sie noch ein Weilchen zu sehen, entweder in Dresden oder in Teplitz. — Und auch, wenn ich dann von Ihnen Abschied nehme, wollen wir das schlimme Wort: „Niewiedersehen“ nicht aussprechen; denn mein Weg führt mich ja doch von Zeit zu Zeit zu meiner Vaterstadt und meinen Verwandten und Freunden. Großes Herzeleid aber macht es mir, daß ich die Hoffnung aufgeben muß, Sie in unserm freundlichen und unschuldigen Carlsruhe zu sehen. Ich bin überzeugt, daß Sie Sich in jener milden Luft, wo man vom Winter nicht viel weiß und Sommers in dem erquicklichen Baden lebt, vortrefflich befinden würden; wärend Dresden mit seiner gichterzeugenden Brücke Ihre Krankheit, die ich übrigens für quälend zwar, aber nicht für gefährlich halte, nährt und steigert. Wie gut und wie wohlfeil würden Sie dort, wie freundlich und produzirend würden wir da zusammenleben! Was haben Sie denn in Dresden von Dresden? Die Fremden? Die kommen auch zu uns und ich denke sogar vielseitigere, wahrhaftere Fremde, statt deren in Dresden nur nordisch-barbarische Brunnengäste, oder Gallerie-Beseher mit längst bekannter Bildung, oder gar Liederkreusler erscheinen. Glauben Sie mir, es ist eine wahre Geistes- und Seelenkur, eine Gemüthsstärkung, eine Herzerfrischung, den in der Unnatur der Kritik und Theorie versunkenen Norden für einige Zeit total zu vergessen; diesen so sehr theoretisch-kritischen Norden, daß er jetzt, auf dem Kulminationspunkt seiner kritischen Theorie, es herausgerechnet hat, daß es weder Theorie noch Kritik gebe und nun, auch von allem wahrhaft Praktischen und Kräftigen entblößt, sich im reinen Nichts umhertreibt. Ist es denn gar nicht möglich, daß Sie Sich zu dieser Ortsverändrung entschlössen; daß wir, wenn ich zurück bin, darüber korrespondirten? Auch in pekuniärer Hinsicht würden Sie Vortheil, nehmlich Verleger finden, die Sie besser bezahlten. Cotta z. B. der vor einiger Zeit hier in Berlin war, hat mir in dieser Hinsicht viel von Ihnen gesprochen und mir aufgetragen, Sie zu bitten, für ihn und für seine Zeitschriften zu arbeiten. Er biethet sich an Sie vorzugsweise gut zu honoriren und frühere Verhältnisse in eine neue Verabredung nicht gleich und unmittelbar einfließen zu lassen. Ich schreibe Ihnen dieses in seinem Auftrag und wahrlich, er ist der Mann — was man auch von ihm sagen möge! — etwas Erhebliches und Fruchtbringendes für Sie zu thun. — Ich setze beiläufig — von größeren Arbeiten und Unternehmungen abstrahirend — hinzu: So sehr mich Ihre Kritiken im Abendblatt erfreut, so sehr sie allgemeine Theilnahme erregt haben, so ist man doch nicht mit dem Organ, das Sie wählen, zufrieden und ich meines Theils glaube sogar das Hemmende heraus zu fühlen, was dieses Süßblatt Ihnen entgegenstellt. Bei dieser Gelegenheit eine Bitte und eine inständige! Sie haben in jener Rezension, wo Sie dem Gehe nur zu viel Ehre anthaten, der Müllnerschen Schuld gedacht und sie kurzweg unter die Mißgeburthen der Zeit gestellt. Seitdem ward Müllner sehr höflich gegen Sie, nannte Sie Meister &c. Ich wußte gleich, daß er seinen Grimm nur verberge; und richtig! jüngst im Litt. Blatt des Morgenblattes sagt er in einer Anmerkung, von seinem beliebten heidnischen Fatum sprechend: es wäre sehr natürlich, daß die dramatischen Schulknaben sich gegen dasselbe erhöhen, aber das wäre zu verwundern, daß ein Ludwig Tieck diesen darin Vorschub leiste und mit in diesen Chor einstimme. Dieses Wort nun zwar nicht — denn Müllners Worte bleiben jetzt ohne Eindruck — aber das allgemeine Aufsehen, welches die Schuld erregt hat, gebiethet, daß Sie die Nichtigkeit dieses Meteors ausführlich und gründlich darthun, besonders weil Sie schon ein Mal wegwerfend, aber zu kurz für eine Erscheinung, die so allgemein geblendet hat, gesprochen haben. Ich fordre Sie im Nahmen der dramatischen Kunst dazu auf, denn ich halte es für nöthig. Ich selbst würde es thun, wenn ich es so eindringlich vermögte als Sie, der ja noch überdies das litterarische Reichssiegel seines Nahmens darunter drücken kann. Auch der Firniß des undramatischen ja oft ungeschickten Verses muß von dieser Lackirarbeit mit beitzend-kritischem Spiritus weggewischt werden. Lassen Sie Sich weder die Mühe, noch die Fehde davon abhalten; es ist Ihre kritische Pflicht. — Ihren Brief an die Direktion des 2. Theaters habe ich eben abgeschickt. Ich bin ganz Ihrer Meinung; doch könnte Ihnen ja wohl die Lust kommen, einmal etwas recht Drolliges und Populäres für eine solche Bühne zu schreiben, und nicht wollte ich, daß Sie dieses ganz und gar aufgäben. Außer meinen (fleißigen und gewissenhaften) Arbeiten für Zeitschriften und ein paar geringen flüchtigen Musengeschenken habe ich hier nichts gemacht, als eine Modernisirung meiner ersten dramatischen Arbeit: die Ueberbildeten nach Molière’s précienses ridicules, die ich mit nach Wien nehmen will; denn hier ist französische Drehkunst und Spontinischer Janitscharenlärm das Einzige was kostumirt, dekorirt und illuminirt wird; in den Zwischentagen giebt man französische vaudevilles und aus alter Schaam selten ein altes gutes aber schlecht ja skandalos besetztes Stück. Nun, ich will meiner Frau noch ein Plätzchen zum Schreiben lassen. Gott stärke Ihre Gesundheit!!!!!! Viele Grüße und herzliche den lieben Hausgenossen. In jedem Falle sehe ich Sie noch im Laufe dieses Sommers.
Mit Achtung und Liebe