Mein Hauptlehrer, der Assessor Köhler, ist verreist, auch nach Wien; einige andre meiner Lehrer setzen ebenfalls ihre Stunden itzt aus. Ich habe nur 2 Vormittage in der Woche besetzt. Was werde ich in diesen unerwarteten Ferien anfangen? Womit werde ich die Nebenstunden der Erholung ausfüllen, wenn ich nicht einen Freund, einen einzigen, unaussprechlich-geliebten Freund bey mir hätte, oder eine Ferienreise nach Halle unternehmen, mit ihm auf die Felsen klettern, und die Krümmungen der Saale in den wohlgebauten Fluren des Sachsenlandes beschauen dürfte?

Ich habe noch heute an Wißmann geschrieben. Da Bernhardi, Du, keiner seiner Bekannten ihm schreibt, will ich nicht der letzte Hartherzige seyn. Seine Mutter, die ich zuweilen besuche, ist eine geistreiche, gefühlvolle, edle, gütige Frau. Ich bin ihr sehr gut. Sie wünscht mich nach Frankfurth zu ihrem Sohne. Ach! ich wünsche mich am ersten zu Dir! zu Dir, Du Freund meiner heiteren entzückend frohen Stunden, und meiner trüben launenvollen Aprilltage! Wann werd’ ich Dich wiedersehen?? — Soll ich Dir einen kleinen Schreck einjagen? Ich kann Dich nicht länger täuschen und mit Vorbereitungen hintergehn. Kehr’ um und lies die Antwort:

Künftigen Montag!

Höre die Auflösung des Räthsels. Ich bin vor Entzückung ausser mir; ich taumle in der seligsten Hoffnung!

Der Vater meines Herrn Vetters hat mit meinem Vater verabredet, daß ich ihn über — (Höre wie glücklich ich bin,) — über Wörliz, Dessau, Halle! Leipzig, Meissen, bis Dresden begleiten soll. So kurz, so schleunig ward dieser Entschluß gefaßt, daß ich meiner eigenen Ueberzeugung von der Gewißheit nicht traue. Ich sehe Dich — diesen Montag — in Halle! Wer hätte gedacht, daß ich geboren wäre, um so glücklich zu seyn!

Aber ich eile Dir einige langweilige Betrachtungen vorzupredigen, die ein Paar Tropfen Wassers in das Feuer meiner Entzückung tröpfeln. Es wird nicht angehn, daß wir länger als Einen Tag in Halle bleiben; denn unsre Zeit ist beschränkt. Ferner muß ich dort in Halle einen Besuch für meinen Vater machen. Doch so viel als das gütige Fatum mir Zeit übrig läßt, oder so viel ich Stunden, Minuten und Sekunden von meinen Reisegefährten erbetteln kann, — so lange leb’ ich ganz für Dich. Doch versteht sich nicht das von selbst? — Aber ferner, was Dich zwar nicht betrifft, aber wohl mich und meine Laune: meine Reisegesellschafter sind, in dem engen Raume eines offnen Extrapost-Wagens: — mein Herr Vetter, die beyden Herren von —, und ihr Hofmeister. Dies ist etwas, was vielleicht meine reine, hochgestimmte, volle Freude und Empfindung des Wohlseyns zuweilen etwas dämpfen möchte. Aber fort mit den Ideen! Meine Reise ist vortrefflich; ich bin so froh, Dich zu sehen, daß ich keinen angemessenern Ausdruck für meine Freudigkeit finden kann.

Donnerstag Mittag reisen wir: am Abend sind wir in Potzdam: den folgenden Tag wird die Reise nach Wörliz vollendet; am Sonnabend genieße ich die schöne Natur und Kunst, an einem Orte, den Du betreten hast und mit dem Du (das thut mir leid, daß darin unsre Hoffnung fehlschlägt,) mich zuerst bekannt machen wolltest. Den Sonntag werden wir wohl nach Dessau gehn, vielleicht uns dort etwas umsehen und dann — nach Halle, zu meinem Tieck! fahren. Doch ist es auch keine absolute Unmöglichkeit, daß wir erst Montag früh hinführen. Im ersten Fall würden wir den Montag, im andern Montag Nachmittag und Dienstag Vormittag in Halle bleiben. So viel kann ich im Voraus sagen. Daß, sobald ich ankomme und es angeht, es sey Morgen, Mittag, Abend oder Nacht, ich nach der Klausstraße und nach dem Chirurg. Kern frage, ist so gewiß, als ich wünsche, Dich gesund und froh in der Stimmung zu finden, Deinen Freund zu umarmen. Der Montag wird einer meiner goldenen Tage seyn. —

Noch eins! ich bringe Dir ein Paar stumme Freunde mit: 2 Briefe von Deiner Schwester und von Bernhardi.

Aber noch eins! Wenn ich wüßte, daß Du nicht auf Michaelis nach Berlin kommen würdest oder könntest oder wolltest, was doch der Haupttrost Deiner Aeltern u. s. w. ist, so würde ich mich auf ein ganzes Packet Bewegungsgründe gefaßt machen, die aus dem Munde eines Freundes doch wohl einige Autorität haben müßten.