Löwenau. Und willst doch der Verbrecher Schicksal theilen? Willst dich wie ein Vatermörder in Wälder und dunkle Hölen verkriechen? Willst den Anblick der Menschen fliehen, wie einer, den sein Gewissen auf die Folter spannt? — Der Unglückliche darf kühn emporblicken, die Schläge des Verhängnisses geben ihm ein Recht, allenthalben Liebe zu fordern. — Zögre nicht, wenn ich dich für einen braven Rittersmann halten soll. —

Adalbert bedachte sich noch; aber der Gedanke, für einen Frevler zu gelten, trieb ihn an, dem Ritter zu folgen.


In der Burg setzten sich beide an den Tisch und Löwenau beobachtete seinen Gast genau.

Fremdling, begann er, als ihre Mahlzeit geendigt war, ich habe dir viel zu danken, du scheinst ein edler Mann zu sein, nimm meine Freundschaft, meine Brudertreue an, und sage mir, kann ich etwas von meiner großen Schuld abtragen, kann ich dir helfen?

Adalbert. Du mir? — O Wilhelm, was kann menschliche Hülfe dem nützen, auf dem das Schicksal zürnt?

Löwenau. Das Schicksal? — Daß der Unglückliche doch so gern so stolz ist sich von der Gottheit verfolgt zu glauben! — Sei aufrichtig gegen deinen Freund. — Vielen ging dadurch alle Hülfe verloren, daß sie sich dem Freunde nicht vertrauten, und doch klagen sie nachher: ich bin verloren, Niemand will mir helfen! oder sie seufzen gar über ihr Schicksal, da sie doch selbst die Zügel ihres Lebens in den Händen halten. Glaube meiner Überzeugung, wir selbst regieren unser Schicksal, wir müssen nur nicht unthätig die Zügel fahren lassen, und sie voll Trägheit einer fremden Macht übergeben wollen. — Noch immer so stumm?

Ich will sprechen, antwortete Adalbert, denn du bist ein edler Mann, du denkst nicht wie die meisten Menschen, und darum will ich mich dir vertrauen, ob ich gleich vorher weiß, daß du mir nicht helfen kannst. — Er erzählte ihm die Geschichte seines Unglücks und schloß mit diesen Worten: Sieh, Freund, so elend hat mich die Liebe gemacht, durch sie bin ich verwaist und ohne Vaterland. Die Freude hat für mich ihre Thür auf ewig verschlossen; was hinter mir liegt ist Sonnenschein, vor mir dehnt sich eine unendliche Nacht aus. Die Welt ist für mich todt und ich bin der Welt gestorben, sie ist mir ein öder Strand, an den mich ein unglücklicher Schiffbruch warf; die einzige Hoffnung, die mir aus diesem Sturme übrig blieb, — ist das Grab, und diese Hoffnung kann mir, dem Himmel sei Dank, durch nichts entrissen werden, diese Zuflucht ist dem Unglücklichen gesichert.

Löwenau. Sollte sich aber ein so mannhafter Ritter, wie du, so unumschränkt von der Liebe beherrschen lassen?

Adalbert. O Ritter, nimm mir meine Liebe und du nimmst mir alles, was nicht an mir verächtlich ist. — Nur sie rief mich zur Tapferkeit, zur Menschlichkeit, in diesem reinen Feuer wurden alle meine Gefühle geläutert, und alle meine Tugenden sind nur der Widerschein der Liebe. Geht diese Sonne unter, so flieht auch der letzte erborgte Schimmer von dem Abendgewölk. Mit meiner Liebe stirbt alles in mir, was Mensch heißt.