Viertes Kapitel.
Selim saß in tiefen Gedanken, als Abdallah zu ihm hereintrat, er bemerkte seinen Sohn und stand auf. Ich habe dich rufen lassen, sagte er, um dir eine wichtige Nachricht anzukündigen; hat dir Omar nichts davon gesagt?
Nichts, antwortete Abdallah, — aber dieser Name den du genannt hast, lieber Vater, erinnert mich an eine Bitte, sage mir, wer ist dieser Omar?
Und wie kömmst du so plötzlich zu dieser Frage, fragte Selim, du kennst ihn schon so lange und noch nie ist es dir eingefallen, etwas näher von ihm unterrichtet zu sein.
Dieser Omar, antwortete Abdallah, ist mein zweiter Vater, nach dir lieb' ich ihn am meisten, ja vielleicht, wenn ich aufrichtig sein soll, habe ich zwischen dir und ihm meine Liebe ganz gleich vertheilt. — So tief meine Erinnerung in die Vergangenheit hinunterreicht, eben so lange kenne ich auch diesen Omar; er war der Spielgenosse meiner Kindheit und ist der Lehrer meiner Jugend, als Knabe konnt' ich mir Gott nie anders, als meinen Omar denken und itzt ist er mir ein Bild der Weisheit. Alles, was ich denke und weiß, habe ich aus ihm geschöpft, — ohne seine Liebe könnte ich nicht glücklich sein. — Er ist mir bekannter, als meine eigne Gestalt, sein Geist ist meiner Seele so vertraut, ich schmiege mich so kindlich an ihn, alle seine Züge hab' ich so oft betrachtet und tief in meine Seele geprägt, — nur gestern am Abend, war es die magische Nacht, die meine Einbildung mehr als gewöhnlich hob, — oder war es das nüchterne leere Erwachen von einem Schlummer, wo uns sogleich in der freien Landschaft hundert verworrene Gebilde entgegentreten; als ich gestern durch den Wald mit Omar zur Stadt zurückging, trat mich plötzlich das sonderbare Gefühl an, als wenn ein fremder Mann zu meiner Seite gehe, — ich war hundertmal im Begriff, meine Hand aus der seinigen zu ziehn, ich wagte es nicht, ihn anzusehn, der Schein der Nacht flatterte ungewiß um ihn her und verstellte alle seine bekannten Züge, — ich war aus mir selbst herausgerissen, — ich folgte ihm schaudernd.
Selim. In den Jahren, wo die Einbildungskraft unsre Amme ist, spielen tausend Schwärmereien und trügende Gefühle um uns her, die, wenn wir nach ihnen greifen, in Luft zerfließen und unsern Geist zu einer trägen, thatenlosen Beschaulichkeit führen. Der männliche Jüngling muß alle diese kindischen Einbildungen mit ernstem Blick zurückweisen, auf seiner Bahn ungestört weiter gehn und diesen Morgendünsten nicht einmal ein zurückgeworfenes Auge schenken.
Abdallah. Seit gestern aber beunruhigt mich der Gedanke. Sage mir, wer ist dieser Omar?
Ich will dir alles sagen, was ich von ihm weiß, antwortete Selim; du hast ihn bis itzt als deinen Lehrer und Freund geliebt, du wirst ihn nun auch als deinen Wohlthäter ehren. — Ali, der wie ein verzehrender Brand in dem Körper seines Landes wüthet, gegen den tausend Flüche der Wittwen und Waisen rastlos um den Thron Gottes schweben, Ali hatte auch mich unter Tausenden elend gemacht. Ich war reich und meine Schätze lockten seine Habsucht, er entriß mir alles, was ich besaß, — nur deine Mutter und du — weiter blieb mir in dieser Welt nichts übrig. Du warst damals einen Sommer alt und lächeltest am Busen deiner Mutter unverständig dem Elend entgegen. — Wir verließen die Stadt und wanderten über unbekannte Berge zu fremden Gegenden, der Jammer ging neben uns und reichte uns die ärmliche Nahrung, alle meine Freunde verließen mich, als hätten sie mich nie gekannt, Sorge und Dürftigkeit waren unsre einzigen unzertrennlichen Gefährten: so wandelten wir von Stadt zu Stadt und lebten kärglich von den Allmosen, die uns das Mitleid der Menschen zuwarf. — Ein stiller Gram wühlte unsichtbar in dem Herzen deiner Mutter, sie reichte mir lächelnd den Abschiedskuß — und ging nach einigen Stunden in ihre bessere Heimath zurück. Ich blieb mit meinem Unglück in der Einsamkeit.
Traurig schwieg Selim einige Zeit, dann fuhr er fort:
Sie ward begraben. Die Erde fiel feucht und schwer auf sie hinab, ein Dolch schnitt durch meine Seele, wenn du mit kindischem Lächeln nach deiner Mutter fragtest und an den Grabhügel pochtest, um sie wieder heraufzulocken; aber dein Lächeln war das letzte schwache Band, das mich damals an diese Welt zurück hielt, unverletzliche Pflichten sprachen mich aus deinem freundlichen Auge an, du lebtest noch und darum war mir das Leben noch etwas theuer. Ich konnte mich nicht aus der Gegend entfernen, in der Zamiri ruhte, ihr Geist schien dort zu schweben und mich in dem Wohnorte meines Grams zurück zu halten. — Ach Abdallah, es waren traurige Tage, — wenn das junge Morgenroth so glühend heraufstieg und zitternd auf mein schlafloses Auge schien, wenn der goldne Abend über die Berge zog und die traurige einsame Nacht mit hundert neuen Sorgen langsam aufstieg, — die Erinnerung dieser Tage, — der Mensch muß viel erdulden, aber sein Muth muß ihn nie verlassen.