Eine kleine Stille. Aufmerksam und traurig hörte Abdallah die Erzählung seines Vaters, dieser sprach dann weiter:
Ich besuchte täglich den Kirchhof, auf dem sie ruhte, ich betete andächtig auf ihrem Grabe und flehte um Stärke. Im innigsten Gefühle meines Elends saß ich einst auf dem Grabhügel, du spieltest unbefangen vor mir im tiefen Grase, die Vergangenheit trat freundlich auf mich zu und setzte sich traulich an meine Seite, unmännliche Thränen rannen heiß über meine Wangen und fielen auf gelbe Todtenblumen, die auf dem Grabe blühten. — Plötzlich sah' ich einen Derwisch, der sich mir aus dem Schatten der Bäume näherte. Er hatte mich in meinem Glücke oft besucht und in seiner Gegenwart empfand ich stets eine heilige Ehrfurcht, denn ein stiller Schauer hauchte mich an, als wenn aus ihm der Geist des Propheten wehte. Mein Unglück schien ihn zu rühren: Grabe, sprach er, hinter jenem verfallnen Hügel und ein neues Glück wird dir entgegenblühen. — Ich grub und fand einen großen Schatz, der mir mehr ersetzte, als mir Ali genommen hatte, — als ich dem Derwisch meinen heißen Dank bringen wollte, konnt' ich ihn nirgends entdecken — und dieser Derwisch ist Omar?
Abdallah. Omar?
Selim. Dein Lehrer Omar. — Ihm dank' ich alles, was ich besitze, alles was ich habe ist nur ein Gut, das er mir geliehen hat. — Ich ließ mich an der fernsten Gränze des Reiches nieder, veränderte meinen Namen und nannte mich Selim. Hier war ich vor Ali's Grausamkeit und Habsucht sicher, bis er nun seit einem Jahre seinen Wohnsitz verändert und sich hierher begeben hat. — Ich war itzt so glücklich als ich nur werden konnte, als nach dreien Jahren eine seltsame Erscheinung mein Haus besuchte. Ein hagrer ausgedörrter Greis reichte mir seine lange Hand, die wie ein Todtengebein klapperte, der Tod sahe aus seinen tiefen eingefallen Augen, kraftlos wankte der Schädel hin und her und seine Sprache war nur das Keuchen eines Sterbenden. Ich erschrack bei diesem Anblick des Jammers und erst nach langer Zeit erkannte ich in diesem Todtengerippe — deinen Omar.
Abdallah. Omar?
Selim. Ich nahm ihn auf, wie meinen Wohlthäter, verpflegte ihn wie einen Vater, bis er von seiner Siechheit genaß. Als seine Gesundheit und seine Kräfte zurückgekehrt waren, nahm er freundschaftlich meine Hand und sagte: »du bist mein Wohlthäter Selim, du hast mein Leben gerettet und ich will nicht undankbar sein; du hast einen Sohn, ihm will ich bezahlen, was ich dem Vater nicht bezahlen kann.« So ward unser Wohlthäter dein Gespiele, dein Lehrer, dein Freund.
Abdallah stand nachdenkend. Eine neue Dankbarkeit band ihn fester an Omar und hing an seine Lehren ein noch größeres Gewicht; seines Lehrers Tugend war unbezweifelt, um so zuverläßiger mußte also seine Weisheit werden; der Lasterhafte, der die Tugend läugnet, wird nicht gehört, aber wenn der Edle dem Bösewicht die Hand reicht und ihn ungescheut Bruder nennt, dann zagt die stolze Tugend und sieht zweifelhaft in ihr Innres.
Du schweigst, begann Selim von neuem, bist du nun nicht begierig, die Nachricht zu hören, die ich dir anzukündigen hatte?
Abdallah. Verzeih mein Vater — ich höre. —
Selim. Du sollst dich vermählen.