Er drückte knirschend Löwenaus Brief zusammen, sein Athem drängte sich schwer durch seine Kehle, tausend Centner waren auf seine Brust gewälzt. — Sein Blick fiel auf Emma's grünes Band nieder, das er auf seiner Brust immer als eine Reliquie getragen hatte, er riß es wüthend herab.

Das Pfand ihrer Treue! ihrer Liebe! — — Sie will mich vergessen. — Ich kann sie nie vergessen, und warum sollt' ich es auch? — wenn ich sie vergessen könnte, dann könnte ich einst wieder lächeln — aber das werd' ich nie wieder.

Er schwieg und lehnte sich in eine Ecke des Zimmers, alles war still wie eine Todtengruft.

Du hast mir mein Leben gestohlen, Emma, sprach er leise, um die tiefe Einsamkeit nicht zu stören; ich werde bald sterben und habe umsonst gelebt, von mir darf Niemand Rechenschaft dort jenseits fordern, nur über Jammer kann ich Red' und Antwort geben, — Emma, ich weise den fürchterlichen Richter an dich, und an dich Wilhelm!

Eure Emma! — Hättest du mir doch wenigstens das armselige »Du« übrig gelassen, — aber nichts sollte mir übrig bleiben. — Gut, setzte er mit schrecklicher Kälte hinzu, auch dies Band will ich dir zurückbringen.

Er glaubte einigemal, Emma und sein Freund hätten nur auf eine grausame Art mit ihm scherzen wollen, um seine Liebe auf die Probe zu stellen; er dachte, er hätte in seiner Wuth einige Ausdrücke zu stark empfunden, er suchte dann nochmals in den Briefen nach und quälte sich den fürchterlichen Sinn zu mildern, — aber umsonst! der kalte, gefühllose Buchstabe blieb derselbe, und seine Pein fand keine Linderung.

Der Ritter durchlebte eine fürchterliche Nacht, er konnte nicht schlafen, aber auch nicht wachen; tausendmal stand sein Verstand vor dem fürchterlichen Thor des Wahnsinns, er sahe tausend Gestalten vorüberziehn, die ihn bald mit Entsetzen, bald mit Wonne erfüllten; in dem einen Augenblick lag er in den Armen Emma's, alles war nur ein fürchterlicher Traum gewesen; er drückte sie an sein Herz, und das Knistern des Briefs, den er noch immer in seiner Hand fest eingeschlossen hielt, weckte ihn wie durch schadenfrohen Zauber aus seiner Trunkenheit. Bald kämpfte er mit Löwenau um Tod und Leben und sah ihn unter seinen Streichen fallen; bald verschlang alles um ihn her eine große wüste Leere, er stand mit seinem Schmerz allein in der tauben ausgestorbenen Wildniß, von einer unendlichen Nacht umfangen; Geister fuhren auf fernen Donnern und schwache Blitze spalteten das ungeheure Reich der ewigen Öde.

Er fühlte, wie seine Kräfte merklich schwanden. Gott! rief er, wenn ich diese Nacht sterben müßte! ohne sie noch einmal zu sehn! — Mein Geist muß von meiner gestorbenen Emma Abschied nehmen, ich muß, ich muß sie sehn.

Er wartete ängstlich auf den Anbruch des Morgens, die Nacht schien ihm Hohn zu sprechen, der Morgen kam immer noch nicht. — Endlich zitterte der erste graue Streif des Tages empor und Adalbert sprang schnell auf, riß ein Roß aus dem Stalle, und sprengte hinweg. Sein treuer Hund, der ihm oft auf der Jagd gefolgt war, begleitete ihn.

Er jagte rasch der Sonne entgegen, er spornte sein Roß unaufhörlich, denn die größte Eile war ihm zu langsam.