Omar. So sehr kann Abdallah nicht fehlen, daß für sein Vergehn keine Verzeihung sein sollte.
Abdallah. Ach nein, ich bedarf keiner Verzeihung, das sagt mir mein Herz, die Unbefangenheit, mit der ich den Blick in mein Innres werfe. Es ist kein Verbrechen, denn alles, die Natur, ich selbst, du mein Omar, alles ist mir unendlich theurer als vorher, das Lebende und Leblose ist meinem Herzen näher gerückt, ich fühle mich größer, edler, geistiger, — o mein Omar, laß dir alles in einem Wort' enträthseln: ich liebe!
Omar. Du liebst?
Abdallah. O du mochtest lächeln! Ach nein, es ist nicht das, nein, es ist nicht jenes Gefühl, das unsre Dichter so oft beschreiben, — kein Mensch hat noch je dieses hohe, heilige, unaussprechliche Wesen in seiner Brust beherbergt, Liebe ist es nicht, es ist das Gefühl der Seligen, mir allein seit Ewigkeiten aufbewahrt, mich aus dieser Welt hinauszureissen; eine allmächtige Woge hat mich auf die hohe gähe Spitze einer Klippe geschleudert, die Welle sinkt ins Meer zurück und ich stehe schwindelnd über Wolken, von allen Menschen die einst waren und sind auf ewig abgerissen, die Unendlichkeit um mich her, — die Gottheit hat heut mein Leben von neuem berührt und durch die leisesten Töne hindurch zittert der allmächtige Stoß. — Wer würde nicht dies Verbrechen mit mir theilen und welcher Freund mir nicht verzeihen?
Omar. Dir verzeihen, daß du liebst? Ist Liebe nicht der Zweck alles Erschaffenen, das, was uns die öde Welt in einen Garten umwandelt?
Abdallah. Du sprichst zu meiner Seele, wie ein Vater zu seinem kranken Kinde; ja, es ist die schönste Vollendung des Menschen, ich fühl' es, Liebe ist die einzige Tugend; nimm mir alle, laß mir nur diese übrig und ich werde sie nicht vermissen.
Omar. Sie bleibe dir ewig. Verdient aber auch deine Geliebte, — nenne mir ihren Namen.
Abdallah. Omar, du bist ein Gotteslästerer! — Setze das Paradies auf die eine und Zulma auf die andre Seite, und ich werde Zulma ohne Bedenken wählen. — Ich sahe sie gestern und seitdem sehe ich nichts, als sie, — mir war's, als fiele ein lächelnder Blick ihres holden Angesichts auf mich herab, — o wär' es Wahrheit, ich wollte mein Leben gegen noch einen dieser Himmelsblicke tauschen!
Omar. Zulma? — Ali's, des Sultan's Ali's Tochter?
Abdallah schwieg, dann fuhr er langsamer fort: Ach Omar, warum hast du die freundliche Binde von meinen Augen genommen? Ich war so glücklich, als ich nicht daran dachte, warum gönntest du mir nicht diesen lieblichen Betrug?