Omar ging und sprach einige Worte, um den berauschten Abdallah noch einmal an die Vorsicht zu erinnern, die bei seiner Liebe so unentbehrlich war. — Dann ging dieser allein mit großen Schritten auf und ab, er küßte seine Laute und schlug mit brennendem Entzücken in ihre Saiten. Er sahe nach dem Abend, ob er nicht bald heraufdämmern wollte und der Nacht die Zügel der Welt übergeben, er hätte ungeduldig den zögernden Himmel herumrollen mögen und die schwarze Seite mit dem Mond und ihren Sternen heraufreißen. Dann sah er wieder nach der Mauer hinüber, die ihm aus der Ferne entgegenschimmerte, er erinnerte sich, wie oft er seit seiner Kindheit ohne Gedanken zu ihr hinübergeschaut, und wie sie itzt sein Glück und alle seine Wünsche umfasse. Aus allen seinen Träumen herausgerissen tanzten tausend goldne Hoffnungen vor ihm her, Zukunft und Vergangenheit waren vor ihm und hinter ihm untergegangen, diese Nacht war die einzige Heimath seiner Träume, Wünsche und Gedanken.
Selim und Abubeker hatten indeß schon mehrmals ihre Freunde versammelt, der Strom war hoch gegen seinen Damm angeschwollen und erwartete noch die letzte Welle, um ihn zu durchbrechen und über die Flur seinen verderblichen Grimm auszugießen.
Sklaven wurden im Pallast Selims verborgen gehalten und bewaffnet, jede Art der Rüstungen in unterirdischen Gewölben verwahrt, heimliche Zeichen unter den Verschwornen verabredet, die sich durch heilige Eide verbanden. Ein mächtiges Feuer loderte in allen Herzen und brannte zur Vernichtung Ali's, Redlichkeit hielt den geheimen Bund mit unzerbrechlichen Fesseln zusammen. — Omar trat itzt zum letztenmal in ihre Versammlung, dann nahm er Abschied und trat seine Reise an.
Zweites Buch.
Erstes Kapitel.
Itzt schwamm der Mond in silbernen Wolken über die Spitze eines fernen Berges herüber und jagte einen freundlichen Schein über den Strom; Abdallah bestieg einen kleinen Nachen. Er hatte schon seit langer Zeit auf diesen Augenblick gehofft, schon hundertmal den Kahn losgebunden und wieder befestigt, die Wellen schienen ihn mit ihrem Murmeln einzuladen, die Winde ihm zuzurufen; er war lange ungeduldig auf- und abgegangen, es war fast Mitternacht, der Dampf der Nacht stieg in leichten Streifen dem Himmel und seinen Sternen zum Opferrauch entgegen, und kaum goß sich itzt der erste goldene Schimmer des süßen zauberischen Lichtes über den Fluß aus, so sprang Abdallah rasch in den Nachen, nahm das bunte Ruder und fuhr in den glatten Strom hinein. — Er schwamm wie in einem Meere von Wonne, leicht von spielenden Wellen getragen, von kleinen lauen Abendwinden geneckt, die um ihn säuselten. Der Fluß schien ein Becher voll goldenen Weins, in tausend Schimmern rieselten die Wellen durcheinander und hüpften hin und her, wimmelten funkelnd um den Nachen herum und schienen ihn zu küssen, Wolken durchzogen abspiegelnd den Fluß und kleine schießende Goldwellen jagten ihrem silbernen Saume nach, die gestirnte Wölbung lag im Wasser ausgebreitet und wogte sanft auf und nieder. Dem Liebenden tönte das Plätschern des Ruders und das Rauschen des Kahns wie Flötengesang in die süße Wellenmelodie.
Er landete und verbarg den Kahn im hohen Schilf, das säuselnd seine grünen Schwerter im Mondstrahle blitzen ließ und unaufhörlich gegen Abendfliegen kämpfte, die summend am Ufer des Stromes schwärmten. — Die alte Cipresse stand wie ein Freund am Ufer und streckte dem Jüngling ihre Zweige wie Arme entgegen, er ging in ihren Schatten und harrte mit klopfendem Herzen auf den ersten Klang, der sich aus der Laute Zulma's losreißen würde, mit ängstlicher Furcht erwartete er diesen schönen Augenblick; die höchste Sehnsucht erschrickt vor dem langerhofften Gegenstand. — Der Schall eines Fußtrittes kam längst dem Fluß herab, er schloß sich dichter an den Baum; der Schall kam näher und Abdallah erkannte das Gesicht Raschids, der traurig und gedankenvoll vorüberging, ohne ihn zu bemerken. — Denkend und träumend, hoffend und fürchtend stand er an den schattigen Stamm des traulichen Baumes gelehnt und lächelte seine Träume an, alles flüsterte so heimlich und liebevoll um ihn her, ein stiller Wind lustwandelte durch die Blumen des Ufers und beschenkte die blauen Kinder des Frühlings mit hellen kristallenen Tropfen, Meerlilien trieben muthwillig auf ihren schwimmenden grünen Blättern in dem Strom umher, bläuliche Wasserschmetterlinge haschten sich im einsamen Grase, der Gesang der Nachtigall schallte aus Zulma's Garten her und verhallte in immer leiseren Accenten und schwoll dann wieder wollüstig in hohe silberne Töne hinein, die weithin durch das Laub der Bäume zitterten. — Itzt — ein freudiger Schauder fiel mächtig auf Abdallah herab und zuckte pochend bis in die kleinsten Adern, — itzt erklang eine leise Guitarre über die Mauer des Gartens und sang:
| Mondschein winke, |
| Welle locke |
| Den Geliebten |
| In die Fluth. — |
| Und der Mond winkt, |
| Und die Welle lockt, — |
| Kömmt der Geliebte |
| Durch die goldnen Fluthen? |
| Sprich aus deiner hohen Palme, |
| Holde Sängerin der Nacht: |
| Kömmt er durch Wellengelispel? |
| Naht er durch der spielenden Wogen Melodie? |
| Steht er silbern unter goldnen Schimmern, |
| Die in lichten Kreisen um ihn zucken, |
| Um die Locken eine Strahlenkrone weben? |
| Sprich ihm mit traulichem Geschwätz entgegen: |
| Wie ich harre, |
| Auf ihn hoffe, |
| Und die holde Nacht |
| Neben mir schlummert. — |
Der letzte Ton verwehte wie ein leises Lispeln im Geständniß der Liebenden. Abdallah horchte noch und die ganze Natur schwieg, als horche sie mit ihm auf neue Melodieen, in lieblicher Stille schmiegte sich der Himmel umarmend um die Erde. — Mit zitternder Hand ergriff Abdallah die Laute und sang: