Abdallah sahe ihm lange nach, er war ungewiß, ob er noch itzt den Ring vom Finger reissen solle, oder nicht, er versuchte es, aber der Zauberring klemmte sich fest und gab dem Drucke nicht nach. Abdallah ging mit langsamen Schritten vorwärts.

Das Gewölbe schloß sich immer dichter hinter ihm zu, als wenn es ihm den Rückweg zur Welt versperren wollte, gewaltsam hielt ihn die Unterwelt in ihren Armen, lebendig eingegraben war ihm zum Tage durch tausend Klippen die Rückkehr verriegelt, vor ihm eine schwarze, undurchdringliche Nacht, unter bangen Räthseln und Erwartungen gefangen, war er oft im Begriff, sich umzuwenden und den Rückweg durch die Klippenlabyrinthe zu suchen. Aber dann dachte er wieder an jene unterirdischen Gewölbe, zu denen ihn Omar hinabgesandt hatte, er sahe den Leichnam seines Vaters vor sich liegen und ging weiter, indem er laut den Namen Zulma rief und sich durch die dicke Finsterniß drängte.

Der bleiche Schimmer glitt nach und nach von den Wänden herab und die Dunkelheit wuchs immer dichter zusammen, endlich versank der letzte Strahl und eine schwarze dichtere Nacht fuhr wie in tausend Wolken nieder. — Die Felsenmauern endigten sich und er trat in ein großes unendliches Gefilde, über das ein dürrer Wind hinwehte. — Er athmete bange empor, drückend lag die Finsterniß auf ihm gewälzt, er ging wie ein Schatten durch die schwarze Nacht dahin, wie ein Gespenst, das auf dem öden Schlachtfelde in stiller Nacht seinen Leichnam sucht, er wagte es kaum, Athem zu holen und den Fuß hörbar aufzusetzen, eine Stille, so einsam und todt lag um ihn her, daß er den Wurm vernahm, der durch das erstorbene Gras mit knisterndem Fuße ging. Bei jedem Schritt verschlang ihn eine dickere Dunkelheit, bei jedem Fußtritt glaubte er in ein neues Grab zu treten, das über seinem Kopf zusammenschlug; wohin er auch das bange Auge warf, stand die kalte Nacht dicht vor ihm, kein Strahl zuckte mitleidig durch das schwarze Gewölbe, kein Funke erglühte und warf sich durch das Dunkel, selbst kein Laut trat freundschaftlich seinem Ohre nahe, ihn zu trösten. —

In dumpfer Betäubung wandelte er durch die dunkle ausgestorbne Leere, als er plötzlich an der fernsten Gränze der Finsterniß ein blaues Licht entdeckte, das wie eine kleine Sonne grüne Strahlen um sich warf, in hundert Krümmungen zuckte und in wechselnden Farben spielte. Die Nacht sog begierig den Schein in sich und zitterte dämmernd und ungewiß um die ferne Helle. — Abdallah ging mit erneutem Muthe dem Lichte näher, das ihn mit tausend hellen Fingern zu sich winkte. — Schon sah er deutlicher den Weg unter sich, schon zog die Dämmerung immer schneller von seinen Augen hinweg, — als er vor einem Pallaste stand, aus welchem ihm das Licht entgegen glänzte. Ein breiter Fluß rauschte dem Schlosse vorüber und eine Brücke führte zum Eingang des Pallastes. — Der Strom floß still und schwermüthig hin, seine Wellen murmelten leise wie das Schluchzen eines Weinenden, das hohle Ufer klagte ihnen in wimmernden Tönen nach.

Abdallah betrat die Brücke, lehnte sich gedankenvoll auf das Geländer, und betrachtete den Funken, der vom Pallaste her sich in trüben Streifen in den Wogen spiegelte, hundert Wellen flossen unter ihm hinweg und wollten den tröstenden Schein mit sich hinwegwälzen, aber hartnäckig sprang er wieder von dem Rücken der Woge herunter und sie floß weinend und klagend weiter. —

Er verließ die Brücke und sie zog sich hinter ihm auf; Abdallah fuhr zusammen. — Jedes Grausen stieß ihn vor sich her, übergab ihn dem benachbarten Schauder und sprang dann von ihm zurück, wie ein Felsenstück, das ein Wasserfall von der höchsten Spitze des Berges reißt; eine Klippe wirft es spielend der andern zu, ein Abgrund dem andern, zurück führt es kein Sturm und kein Wassersturz, die Klippen beugen sich nicht herab, um es wieder aufwärts zu tragen. —

Itzt stand er vor dem Eingang des Pallastes; über der Thür waren diese Worte geschrieben:

»Wanderer, der du über den Thränenstrom gegangen bist, sieh hinter dir, der Rückweg ist unmöglich, nur durch diesen Pallast geht der Pfad der Rettung. — Fühlst du aber keinen Muth in deinem Busen, so wirf dich in den Strom, denn Schrecken lauern auf dich hinter der Thür.«

Abdallah trat in das große Thor und sein Fußtritt hallte laut in den hohen Gewölben, wunderbare Töne kamen ihm entgegen, flogen über ihn hinweg und streiften die Mauer, die Gebäude schienen den Fremdling staunend anzublicken, ein ungewisses Gewirre von gebrochenen Lauten wimmelte um ihn her. — Er ging über den gepflasterten Hof, jeder Schritt hallte dreifach an den unermeßlichen Wänden, auf denen sich die Nacht zu stemmen schien. Er ging durch eine Thür und trat in ein dunkles stilles Zimmer, er ging durch das Gemach hindurch, um eine andre Thür zu öffnen, die ihn auch in ein leeres unerleuchtetes Gemach führte, das Grausen schien diesen Pallast zu bewohnen, alles rundumher war still wie ein Grab. — Er eilte mit leisen Schritten und verhaltnem Athem durch viele Gemächer, und alle fand er leer, endlich eröffnete er eine Thür und ein schwacher Schimmer brach ihm entgegen.

Eine Lampe hing in der Mitte des Zimmers, die es erleuchtete wie der Mond durch schwarze Wolken das Gefilde, alles war still und feierlich umher, ein betäubender Dunst umgab ihn, und auf einem Ruhebette lag ein Greis und schlief, sein silberweißer Bart fiel ehrwürdig auf seine Brust herab, seine Füße ruhten auf einem kostbaren Teppich. Er glich dem Propheten Gottes an Majestät, Engel wären vor ihm niedergekniet. —