Abdallah stand in einer ehrerbietigen Entfernung und betrachtete den schlummernden Greis; der Schlaf schien sich mit Wohlgefallen über ihn zu neigen und ein Traum ihm den Himmel aufzuschließen, er lächelte im Schlaf, und Abdallah fühlte, daß sich Thränen heiliger Ehrfurcht und Anbetung in seine Augen drängten.
Endlich trat er näher, und eine leise Musik schwebte wie ein Abendnebel vom Boden empor und wiegte sich zitternd durch die Dämmrung, wie ein Duft stieg sie auf, und verhallte im leisen Nachklang an dem Gewölbe und quoll von neuem in süßeren Melodieen auf; Wohllaut ergoß sich auf Wohllaut, wo kleine Wellen sich im Mondschein übereinanderjagen, von wankenden Blumen angerührt; jeder Ton schwamm so süß hinüber, wie der letzte sterbende Klang der Flöte, jeder Ton schien den Wonnegesang zu schließen, und immer neue Accente gossen sich aus, wie ein stiller Quell, der sich unaufhörlich aus der Wiese hervordrängt. Heilige Wollustschauer zitterten durch Abdallahs Brust, seine Seele verlor sich in den entzückenden Melodieen.
Wie eine Wasserblase langsam aus dem Meere aufsteht, und sich immer größer und größer ausdehnt, bis sie endlich zerspringt, so hob sich itzt der Greis von seinem Ruhebette langsam und nach dem Fluß des Gesanges auf, er stand, dehnte sich und sank von neuem zurück und erhob sich von neuem, seine weit ausgestreckten Arme schienen sich von dem gewundenen Körper loszureissen, seine Züge und seine Gestalt waren nicht körperlich, er glich einem leicht gewundnen Nebel, — endlich öffnete er die Augen, es war, wie wenn der erste Strahl des Morgens durch den nächtlichen Rauch bricht.
Wer schlägt den heiligen Talisman an, sprach er leise und langsam, und erweckt mich vom Schlummer? Die Melodie zerreißt das goldene Netz, das ein schöner Schlaf um mich her geflochten hat, mein Geist kömmt über den Fluß zurück, der die Erde und den Himmel scheidet. Wer ist es, der die große Glocke anzieht, die mich zu erscheinen zwingt?
Abdallah schwieg. — Ha! bist du es Jüngling, fuhr der Greis freundlich fort, auf den ich hier schon so lange harrte? Glücklich, daß du mich gefunden hast. — Ich will deinem Blicke das Reich der Weisheit aufschließen, du sollst in die Tiefen der Erkenntniß dringen, ich will dir eine Leuchte geben, und du sollst in die finstern Schachten steigen, um Gold von schlechtem Erze zu sondern. Auf dem Pfad des Lebens will ich dich begleiten und in den Sonnentempel der Tugend führen, dich dem Glanzthrone der Gottheit näher bringen, du sollst den Blick in die flammenden Meere wagen und sehen, was nur der Cherub sieht.
Plötzlich fuhr er mit der Hand nach der Brust, ein innerer Krampf schien ihn heftig zu erschüttern, wie Meereswogen sank und stieg sein Busen ungestüm, eine wilde Wuth schien in seinem Innern zu ringen und gewaltig seine Seele gegen die Mauern seines Körpers zu schleudern.
Tugend? rief er geängstigt, — o wo geht der Strahl auf, nach welchem die Menschheit so ungestüm sich drängt? — Wo ist der Grund, auf dem der Thron der Gottheit ruht? —
Der Wahlspruch der Unendlichkeit, die Loosung aller Wesen heißt Genuß! — Was kann der Staub, den das Ohngefähr im Spiele modelte und zum Scherz in die Wirklichkeit warf — wie kann er sich so trotzig aufrichten und nach den Sternen als seinen Brüdern die Hand ausstrecken? — Wie kann er vermessen den ewigen Richter auffordern, um sich auf der untrüglichen Waage abwägen zu lassen? — Er geht im Trotze zur Verwesung zurück und träumt von Unsterblichkeit; ein herrschsüchtiger Sklave, der sich von der eisernen Kette des harten Nichtseins losgerissen hat, und verächtlich den Tyrannen spielt, ein Wurm, der sich aus seiner engen Höhle an das Licht verirrt hat und sich für den Herrn der weiten Schöpfung hält. — — Ein Wesen, das die Tugend erfand, um sich in seiner Tyrannei noch mehr zu brüsten; sein Name ist Verächtlichkeit, er gehört der Verwesung, die Elemente arbeiten an seiner Zerstörung, sie senden den Stolzen zurück, woher er gekommen ist, die Erde läßt sich unerbittlich die Schuld wieder bezahlen, ihrer strengen Rechnung ist noch keiner entronnen.
Welcher Sohn des Staubes kann in seinem engen Busen den Gedanken der Gottheit beherbergen? Sie fassen ihn nicht, den Unendlichen, und streben ihm entgegen, wie die Mücke, die der Sonne zufliegen will und sich am Schein der Lampe verbrennt: sie glauben und können ihn nicht begreifen, sie drängen sich einander in undurchdringlicher Nacht, ohne zu wissen wohin, alle Pfeile fliegen nach einem Ziele, das niemals aufgestellt wurde. Anbetung ohne Glaube und Glaube ohne Überzeugung.
Es ist kein Gott! rief er lauter, die Ewigkeit verspricht ihn vergebens, tausend Ewigkeiten sind verflossen, die Welten rollen sich durch die Unendlichkeit, und sehen ihm mit harrendem Auge entgegen, aber er kömmt nicht. Wo steht er verborgen und spottet der Erwartung?