Abdallah. Nun, dann will ich alles Unbegreifliche glauben und auf die wunderbarste Erzählung, wie auf Wahrheit schwören. — Was sind alle meine Sinne, wenn sie solche Täuschung nicht bemerken? — Wenn der Herr in seinem eignen Hause sich verirrt und von einem Fremden wieder zurechtweisen läßt? — Omar, dann bin ich mir noch nie unbegreiflich gewesen, als itzt, wie soll ich dann die Wahrheit festhalten, die wie eine Schlange meinen Händen entschlüpft? — Woran soll ich dann nicht zweifeln, wenn ich daran zweifeln soll, daß ich diese Hütte verließ, daß ich die Sterne über mir flimmern sah, daß ich jene Blätter las? Wer stellt mir dann für mein Dasein einen Bürgen? O ich möchte nicht auf diese bedenkliche Behauptung schwören! — Welchen Gehalt hat dann der Verstand des Menschen, wenn seine Sinne, durch die er seine Schätze erhält, so betrügerische Sklaven sind? Alles, was wir wissen und glauben, ist dann nur ein Irrthum, unsre höchste Weisheit verkriecht sich dann vielleicht beschämt, wenn einst ein erleuchtender Strahl in die dämmerungsvolle Grube fährt.

Omar. Irrthum ist des Menschen Nahrung und hält ihn fest in den Kreis der Menschen; wenn im Mondschein die schwächere Täuschung möglich ist, den Stamm eines Baumes für einen bekannten Freund anzusehen, warum willst du an jener zweifeln, die dich im Traum über eine Haide und zu gespensterbewachten Felsen führt? Wer hat nicht schon irgend einmal so lebendige Gestalten im Traum gesehn, daß er ihn Wahrheit nennen möchte?

Abdallah. Aber auf diese Art, in solchem Zusammenhange mit meinem Schicksal!

Omar. Wären deine Gesichte weniger zusammenhängend, dann eben würd' ich sie um so leichter für Wirklichkeit halten, aber weil sie sich so genau an dein Schicksal schließen, scheinen sie mir nur Traumgestalten. — An jenem Abend, an welchem ein Sturm und der Glanz einer Feuerkugel dich aus dem Schlafe weckte, — an jenem Abend sannest du über neue, dir unbekannte Lehren, dein Lehrer war dein Freund, deine Schule eine schöne mondbeglänzte Gegend, liebliche Bilder wiegen dich in den Schlaf, — ein Greis eilt auf deinen Omar zu, — wer könnte Omar hassen, da du ihn liebst? Deine Augen sehen die Umarmung zweier Freunde — und du bist eingeschlafen. Aber deine Augen täuschten dich, dieser Nadir ist schon seit vielen Jahren mein Feind, er verfolgt mich von einem Ende der Welt bis zum andern, und als ich ihn an jenem Abend vom Berge steigen sah, warf ich mich ihm zu einem hartnäckigen Kampf entgegen, wir stritten in mancherlei Gestalten gemodelt und jagten uns endlich glühend durch den Himmel; ich sahe dein Erschrecken, aber damals wollt' ich dir diese Erscheinung nicht erklären, es wäre grausam gewesen, dem weichen Jünglings-Herzen den menschlichen Freund zu nehmen und ihm ein fremdes, kaltes Wesen dafür zurückzugeben. — Du liebst Zulma, die Unmöglichkeit geht dir entgegen, nur von der Noth gezwungen, entdeck' ich dir, wer ich bin. — Eine neue Thür zu einem unbekannten Gemache geht dir auf, du staunest, Schauder führen dich in die Geheimnisse der Mitternacht und du erfährst den grausamen Ausspruch des harten Schicksals. Du denkst nun deinen Omar nicht mehr mit der kindlichen Unbefangenheit, mit der du ihn ehedem dachtest, an seinen Namen knüpfst du dein Unglück und durch eine verzeihliche menschliche Täuschung verwechselst du ihn in eben diesem Augenblick mit der Ursach dieses Unglücks. — Ich nehme Abschied von dir und warne dich besorgt vor Lästerungen, die deinen Freund verläumden würden, du bist gerührt und kaum bin ich entfernt, so steht ein leiser Argwohn nach und nach in deiner Seele auf, du hältst meine Besorgniß für Bangigkeit des Bewußtseins. Was ich fürchtete, tritt ein, mein Feind Nadir benutzt meine Abwesenheit und warnt dich vor deinem Lehrer, der dich unglücklich machen will. — Du kömmst in Gedanken zurück, du bist nicht der einzige, der mißtraut, selbst ein Freund Omar's steht auf und zeugt gegen ihn, du verlierst dich in schwarze Träume. — Nadir will dich retten, Omar will dich elend machen. — Nur etwas Großes, Fürchterliches kann Omar bewegen, dein Elend zu wollen, — in diesem Gedanken versammelst du alle fürchterliche Träume deiner Kindheit, so entsteht das ungeheure Märchen, das du in den Palmblättern zu lesen glaubst. — Aber ist denn kein Ausweg aus diesem Felsengewinde? Soll dir Zulma ewig verloren sein? — Dieser Wunsch, der nach einer Befriedigung schreit, greift nach einer Hoffnung, mit den nächtlichen Geheimnissen vertraut siehst du nur in der Allmacht der Geister die Möglichkeit der Rettung, ein unbekanntes Wesen winkt dir und lockt dich durch süße Versprechungen an sich und du schläfst ein. — Schwarze Traumgestalten nehmen dich in Empfang, alle Gedanken, die du am Tage dachtest, kommen in der Nacht in Phantasieen gekleidet wieder, Omar ist ein Ungeheuer, Zulma dein Unglück, dein Vater liegt vor dir und Gespenster bewillkommen dich mit höllischen Gesängen. — In diesem Traume finde ich dich, von meiner Reise zurückkehrend: du siehst, nichts als eine Täuschung hat das ganze Gewebe zusammengeschoben. Allen Verdacht in dir zu tödten, dürft' ich dir nur die Ursach meiner Reise erzählen, aber sei damit zufrieden, daß sie dich deinem Glücke näher gebracht hat, etwas muß mein Abdallah mir auf mein Wort glauben, dies sei das Zeichen, daß er sich mit seinem alten Freunde wieder ausgesöhnt hat. — Ja Abdallah, du mußt mir es glauben, o bei allem, wobei ein Wesen schwören kann, ich liebe dich! — Meine Weisheit, meine Gewalt genügt mir nicht, mein Herz verschmachtet und dürstet nach Liebe, — dich hab' ich gefunden, dich hab' ich ausgewählt, deine Liebe soll mich glücklich machen, oder ich muß mich in mein Grab einschließen, — o Abdallah, laß diesen Traum dein einziges Verbrechen an meiner Freundschaft sein, gieb mir deine Seele zurück; willst du mich aus allen meinen Hoffnungen hinausstoßen und einsam und verlassen durch meine letzten Tage wandeln sehen? Nein, nein, das wird, das kann mein Abdallah nicht, dann hätt' ich ihn nie mit dieser innigen Vaterliebe lieben können, dann hätte er nicht so lange bei mir ausgehalten. — Ja, Abdallah, du bist wieder mein!

Abdallah sahe ihn mit festem Blicke an, als wollte er in seinem Auge die Seele wiedersuchen, die ehedem aus ihm gesprochen habe; in allen Zügen redete ihn jener Omar so herzlich, so dringend an, den er als Knabe geliebt hatte, — er fiel weinend an seine Brust. — Ja! ja! rief er laut schluchzend, ich bin wieder dein, keine Gewalt soll unsre Seelen auseinander reissen!

Selim erwachte. — Du begrüßest deinen Lehrer, sagte er, er ist in dieser Nacht zurückgekommen, aber du schliefest so sanft, daß wir dich nicht wecken wollten.

Omar. Wir sehn uns traurig wieder, Selim; das Schicksal hat eine schwere Hand gegen dich ausgestreckt.

Selim. Ja, Omar, aber meine Wunde schmerzt mich nicht mehr, meine Kräfte kehren zurück und ich will mich gewaltsam an die letzte Hoffnung halten, — sieht deine Weisheit noch in irgend einer Ferne ein Mittel, meinem großen, edlen Vorsatz auszuführen?

Omar. Ich sehe nichts. —

Selim. O dann, ja dann will ich meine Kräfte fallen lassen und mich verdrossen in den Wellen untertauchen. — Nun erst fängt mein Unglück an, mich zu drücken, die Hoffnung hatte mir bis itzt noch einen Stab gegeben, auf dem ich mich stützte, — aber itzt wird mir das Leben eine Last, nun wünsch' ich zu sterben. Seitdem ich weiß, daß mein Tagewerk ganz geendigt ist, bin ich ermüdet und will mich schlafen legen. — In dieser trägen Unthätigkeit sollt' ich leben, hier, wie ein Thier in der Wildniß, von allen Menschenrechten ausgeschlossen? Wie eine Pflanze nach und nach verwelken, die in ihrem Sumpfe unter trägen und verfaulten Dünsten emporwuchs und war und dann nicht mehr ist? — Nein, Omar, blicke noch einmal über den Horizont deiner Weisheit hin und schaue mit Seherkraft umher, — kann nichts, auch mein Tod nicht durch die Mauer dringen, die das Schicksal vor mein Vorhaben gestellt hat?