Omar. Dein Tod könnte dein Volk vielleicht glücklich machen.

Selim. O dann ist ja noch nicht alle Hoffnung aufgebrannt. — Aber ich Unglücklicher! meine Gesundheit kömmt schadenfroh zu mir zurück und selbst den Ausgang aus diesem Thal des Lebens zu suchen, ist Frevel, — o sage mir, wie ich ohne Sünde sterben kann und mein Volk ist glücklich.

Omar. Diesen Aufschluß mußt du nicht von mir, sondern von der Zeit erwarten, noch liegt alles dunkel und verworren vor meinen Blicken. —

Abdallah verließ das Zimmer.


Zweites Kapitel.

In tiefen Gedanken ging der Jüngling unter dem lauten Rauschen des Waldes auf und ab. — Ja, — sprach er zu sich selbst, — Omar ist mir zurückgegeben, alles umher liegt in wüster Verwirrung von schwarzer Nacht bedeckt, er ist mein Freund, er soll es sein, mir und dem Schicksal zum Trotz; ich habe ihn wieder in meine Seele aufgenommen: denn wo fänden meine Zweifel sonst ein Ziel? Durch diese einzige Gewißheit, die ich eigenmächtig zur Untrüglichkeit stemple, fallen alle Zweifel, die mir boshafte Geister entgegenhielten, wieder zur Erde, und ich stehe da in der freien uneingeschränkten Gegend. Meine Rechnung ist richtig, wenn dieser einzige Fehler ausgelöscht wird, ich will meiner Mühe ein Ende machen, er sei vernichtet! Ich gebe unangesehen diesen Verlust preis, um ein langweiliges Spiel zu beschließen.

Mein Vater wünscht zu sterben, — o ich sehe schon in der Ferne die Woge schwimmen, die auch die letzte kleine Bergspitze, auf der ich stehe, herunterschlagen wird, sie wälzt sich immer näher und näher. — Das Schicksal rückt den schwarzen Zeiger und stellt ihn nach und nach auf jene fürchterliche Stunde, unvermeidlich schlägt sie an und ich stehe plötzlich, ohne es ändern zu können, ohne meine Beihülfe jenseit der Gegenwart. — Traurig wie der Mond geht dann mein Vater unter und zugleich steigt Zulma mir gegenüber mit tausendfacher Pracht unter goldnen Flammen auf, — das Verhängniß läßt mich zwischen dem Vater und der Geliebten wählen, — o verzeihe, großer Prophet, ich wähle Zulma! Es muß sein, es kann, es will nicht anders. — Welcher Sterbliche kann den Eigensinn des Schicksals brechen?

Unter diesen Gedanken war er nach und nach aus dem Walde herausgegangen und stand itzt auf der Landstraße. — Die Stadt mit ihren runden Moscheen lag vor ihm, die Fenster im Pallast Ali's glänzten blendend in der Sonne, er glaubte Zulma's Gestalt an jedem Fenster zu sehen, seine Schwärmerei sahe ihre Blicke, mit denen sie wehmüthig nach ihm hinstarrte; ohne an die Gefahren zu denken, denen er sich unbedachtsam Preis gab, ging er in die Stadt hinein.

Der zürnende Ali hatte indeß auf Befriedigung seiner Rache gesonnen. Daß Selim ungestraft diese Verschwörung sollte unternommen haben, daß er ihm selbst entflohen sei, ohne daß irgend jemand wisse wohin, diese Gedanken reizten seine Wuth stets von neuem auf. Er hatte einen fürchterlichen Eid geschworen, sich an Selim zu rächen und dieser Schwur quälte ihn unablässig; er hatte daher an diesem Tage seine Vertrauten zu einer geheimen Rathsversammlung berufen, um sich von ihnen Mittel vorschlagen zu lassen, die den verborgenen Selim entdecken müßten, er hatte beschlossen, alles auf diese Wollust der befriedigten Rache zu verwenden, nichts sollte ihm zu kostbar sein, den verwegenen Aufrührer zu strafen.