Abdallah. Nein, das kann er nicht wollen, wenn ich ihm dies Opfer bringe. Nein, ich komme ihm entgegen, o er wird es auch thun, er ist ja mein Vater, er liebt mich ja so wie ich ihn liebe: Zulma kann nicht meine Gattin werden, und Roxane soll es nicht. —

Omar. Und dann wirst du in deiner Einsamkeit mit leerem Herzen glücklich sein? —

Abdallah. Ich glaube es itzt, und wenn ich es nicht kann, so will ich es wenigstens glauben. Alle meine Hoffnungen lasse ich dann in der Welt zurück, dem ersten Thoren will ich sie schenken, nur meinen Schmerz und die schönen Erinnerungen nehme ich mit mir. —

Omar. Wenn aber dein Vater auch zu diesem Glück nicht seine Einwilligung gäbe?

Abdallah. O, er kann es mir ja nicht beneiden; er ist nicht grausam. — Ich will itzt gleich zu meinem Vater gehn, er soll mir mein voreiliges Versprechen erlassen. — Dann geh ich aus der Welt und eine geräumige Höhle wird meine Wohnung, Bäume und Thiere sind meine Gesellschaft, ach, nach und nach werd' ich vergessen, was ich verloren habe, in der Gesellschaft meines Kummers werd' ich zum Greise, und erzähle mir dann zum Abendzeitvertreib, wie ein geschwätziges Kind, meine Leiden selbst. — Nicht wahr, Omar? die Zeit legt Balsam auf jede Wunde? wir werden uns nach Jahren selber unkenntlich, was mir itzt Thränen auspreßt, darüber kann ich einst vielleicht lächeln? Endlich ermüdet die Quaal an mir und geht verdrossen hinweg, die Stunde durchläuft ihren Kreis und wir stehn an der schwarzen Pforte, und alles was wir litten, alles worüber wir uns freuten, liegt wie Schaum des Meeres hinter uns, dann erst sehn wir, daß wir nur nach Schatten griffen, wie Kinder, die die Hand nach dem Morgenroth ausstrecken und den fliehenden Regenbogen haschen wollen. — Alles ist in mir gestorben und wird nie wieder aufleben, die Flammen meiner Seele sind ausgelöscht, mein Busen ist Eis. Zulma ist todt, meine Liebe ist verschwunden, und was sonst in diesem Herzen brannte, das hast du erstickt, — nein, zürne nicht, Omar, ich verlange es nicht zurück, unter Felsen und verdorrten Wäldern brauch' ich nicht ein Mensch zu sein, was nützt mir dort die Tugend und der Glaube an Gott? Ich will mich auf ewig von der Menschheit losreißen und mit den Thieren verbrüdern. Ja, Omar, ich gehe zu meinem Vater.

Er kehrte schnell in das Zimmer zurück. Selim war noch nicht erwacht, und Abdallah kniete vor sein Bette und betrachtete aufmerksam seinen Vater, der süß lächelte, in holdselige Träume verloren. — Nein, sagte er leise, — jene Gedanken, die sich in der Nacht zu mir hinanschlichen, sind verflucht, — Gott! wie konnt' ich sie nur denken, ohne mich zu verabscheuen? — diesen Greis, der mein Vater ist, — diesen, — nein, ich mag es mir selber nicht gestehn. — Nein, dazu bin ich nicht in die Welt getreten, noch ist Rettung möglich, noch ist nicht die letzte Öffnung zugefallen, durch die ich aus dem Felsenschlund entrinnen kann. — Wie sanft er schläft! — Wie er mich auch im Schlaf anlächelt! — Seine Vaterliebe fühlt die Nähe des geliebten, des einzigen Sohnes, — als meine Mutter gestorben war, war ich es, der ihn an das Leben festhielt, und ich! — Nein! die Hölle mag sich einen andern Zögling suchen, — meine Seele findet hier noch einen Ankergrund!

Der Vater erwachte und sahe Abdallah neben sich. — Was will mein Sohn? fragte er.

Abdallah küßte ihn und umarmte ihn glühend. — O Vater! rief er aus, — kannst du deinem Sohne eine Bitte abschlagen, die einzige, die letzte, die er von dir erflehen wird?

Selim. Was kann der arme Selim noch besitzen, das seinem Sohne nicht auch gehörte? — Doch nein, Abdallah, — mein Vermögen sind Thränen und Jammer, dies werde dir nicht.

Abdallah. Gieb mir deinen Segen, Vater. —