Abdallah. Will ich sterben. —

Omar. Dann hast du die Leiden der Welt abgeschüttelt, aber keine der hiesigen Freuden geht mit dir. —

Abdallah. Ach, Omar, dann bin ich todt und die Welt nennt mich tugendhaft. — Doch wenn mir Gedanken folgen, wohin keiner unsrer Erdengedanken dringt, — ach Omar, — werden mir dann nicht Freuden begegnen, die ich itzt nicht begreifen kann? — Kann ich itzt wünschen, was ich nicht begreifen kann? — Nur der Thor und der Verzweifelte tauscht ein gewisses Gut gegen ein ungewisses aus und glaubt zu gewinnen.

Omar. Und wenn nun unsre Rechnung hier unten schon völlig geschlossen würde? Wenn alle Anweisungen auf jenseit falsch und untergeschoben wären, und wer wird sich für ihre Ächtheit verbürgen? o dann — doch zurück von diesen Trostlosigkeiten! nein, Abdallah, ich habe dir nichts gesagt. — O, Abdallah; was hast du dann gegen deinen großen Verlust gewonnen?

Abdallah. Ich habe mich selbst verloren und das ist für den Elenden Gewinns genug. Dann drückt mich kein Gefühl und kein Gedanke quält mich, ich liege im kühlen Bette, von der Vergessenheit auf ewig zugedeckt, kein Morgenstrahl erweckt mich, keine Abendsonne bescheint mich. Alle Martern suchen mich dann vergebens auf, sie finden mich nicht; in den mütterlichen Armen der Erde gehalten scheucht die Zärtliche jedes Ungemach von dem schlafenden Sohne hinweg, eine ewige Ruhe umweht mich, kein Traum ängstigt meinen Schlaf, kein Schrecken kann mich zurückrufen.

Omar. Nicht sein? — O die menschliche Natur fährt vor dem Gedanken zurück, — wer wird Leben gegen Nichtsein austauschen? Kalt da zu liegen, ohne Gefühl und Gedanken, Würmern eine Wohnung, todt, vermodert und verächtlich, ein Scheusal jedem lebenden Auge: kein Schlaf, keine Ruhe, kein Schlummer, — sondern aus dem Reich der Lebendigen auf ewig hinausgestoßen, da gewesen und nicht mehr, — giebt es in der Sterblichkeit einen trostloseren Gedanken als: nicht da zu sein?

Abdallah. Nichtsein! O es ist wahr, die Einbildung erblaßt vor dieser Vorstellung, — Leben und Nichtsein. — Und wenn ich nun alles dem Halsstarrigen und seinen Entwürfen aufgeopfert habe, wenn leere Phantome und Feigheit die Schwelle meines Glücks bewacht haben, Omar, und ich gehe dann unter, auf ewig unter, — das Wesen, dem ich meine Seligkeiten sparte, ist nirgends aufzufinden, — o ist dies etwas anders, als die unsinnige Rechnung des Geizigen, der im ganzen Leben kargt, um nicht zu genießen und im Tode alles hinter sich läßt? —

Omar. Die Ewigkeit lacht spottend hinter dir her, — aber was willst du thun?

Abdallah. Ha! wer verdirbt nicht den Freund, um die Geliebte zu retten? Wer wagt nicht die Hälfte seines Vermögens, um das Ganze zu erhalten? — Und soll ich dem Eisenharten, oder dem Befehl des Fürsten gehorchen? Er fordert ihn, Ali mag sein Recht an ihm beweisen, der Diener darf nicht die Aufträge seines Herrn prüfen, ohne ungehorsam zu sein. — Und wo ist die Gränze zwischen Recht und Unrecht? — Mir ist es ewig verborgen, welche meiner Handlungen gut und welche böse wirkt; was die Menschen Tugend und Laster nennen, verstrickt sich hier oft unauflösbar. — Die Zukunft bildet unsern Willen aus, ohne uns um Rath zu fragen. Raschid war mein Freund, war ich es nicht, der ihn elend machte? — Wird er zu Ali zurückgebracht, o so hat ihn meine Freundschaft ermordet, ohne mich wäre er noch glücklich. — Unsre Thaten wandeln oft über viele Stufen unschuldig hinweg, ehe sie Verbrechen werden, — kann die Schuld auf uns zurückfallen? Sollen wir den Fehler des Zufalls büßen? — Diese That — o ich mag sie nicht denken, — warum könnten ihre Folgen nicht glücklich werden? könnte sie sich nicht in den unergründlichen Strom weiß und unschuldig waschen? —

Omar. Aber den Vater, — dem du das Dasein dankst, — zwar nicht ein Dasein voll Freuden —