Abdallah. Omar, es ist meine Pflicht ihn zu lieben.

Omar. Doch mit diesem furchtbaren Fluch nimmt der Geizige hundertfach zurück, was er dir gab; die Freude, die das große Glück deines Lebens entscheidet, versagt er dir mit eigensinniger Laune, Spielwerke hat er dir gegönnt, aber Lebensfreuden beneidet er dir, — er schenkt dir ein glänzendes Glas und fordert mit eigenmächtiger Gewalt alle schönen Hoffnungen deiner Zukunft von dir ein, du mußt in einer heißen Wüste verschmachten, weil er dir einst einen Trank aus der Quelle schöpfte, du hast einer Freiheit genossen, wie ein Gefangener, der nicht weiter gehn darf, als seine Kette reicht; strebt er über ihr Maas hinaus, dann fühlt er die täuschende Freiheit, dann fühlt er sich an der unbarmherzigen Mauer festgehalten. —

Abdallah. O es ist schrecklich! — Welch ein Recht, welches Gesetz liegt in dem Worte Vater, um diese unumschränkte Gewalt über ein Wesen zu haben, das er Sohn nennt? — Darf dieser Ton die Gesetze der Vernunft umstoßen und aus Menschenfreiheit schändliche Sklaverei machen? — Der Tod des Vaters macht den Sohn glücklich, — warum soll er sich nicht freuen dürfen, daß endlich das quälende Band aufgelöst wird? — Ist der Vater nicht hundertfach grausamer, der seinem Sohn in das Leben einen gräßlichen Fluch mitgiebt, von dem er hofft, daß er ihn elend machen soll? — Selim stirbt, — und Abdallah schleppt ein langes Leben wie eine unendliche Kette hinter sich, und an jedem Gliede hängt sich die Pein mit hundertfachen Martern, alle Glückseligkeiten fliehen vor dem fürchterlichen Gerassel zurück, — ist dies ein Vater, der seinen Sohn liebt, oder ein Unmensch, der sich an Todeszuckungen labt?

Omar. Ja, den Tod erdulden ist leicht, gegen den Schmerz der Pfeile, die ein quaalvolles Leben auf uns abschießt.

Abdallah. Warum ward dem Menschen die Vernunft gegeben, wenn er sich von einer blinden Gewohnheit will beherrschen lassen? Die Vernunft soll ihn begleiten und über seine Unternehmungen wachen. Die Gewohnheit darf nur den Unverständigen hinreissen, dem dieses Steuerruder fehlt, dieser muß furchtsam landen, wo er die übrigen landen sieht, und mit ihnen sein Schiff wieder ausfahren lassen. Wagt er sich einst mit unnützer Kühnheit allein in die See hinaus, so wird er den spottenden Winden und Wellen ein Spiel. — Und welche Vernunft, — Omar, ich spreche es aus, — welche hält mich zurück? — — Sprich, denn ich sehe nichts! —

Omar. Unsre Vernunft prallt ohnmächtig von allen Dingen zurück, die jenseit der Menschheit liegen, wir verstehen nicht den Gang der Welt und die Schrift der Sterne; die schaffende Kraft und die Entstehung der Wesen wird uns ewig ein unbegreifliches Geheimniß bleiben, — aber eben dadurch, daß diese Weisheit nicht für das irdische Gehirn ist, werden wir deutlich auf die andre Seite zurückgewiesen. Die Natur winkt ihren Kindern zu, und eine laute Stimme ladet alle Wesen zur reichen Tafel ein und sagt ihnen laut: genießt!

Abdallah. Daß wir da sind, um zu genießen, das ist die Weisheit, die unser Verstand begreift. Jedes Wesen lebt nur in und für sich selbst in einer großen Leere, jeder einzelne Mensch ist das letzte Ziel, auf das sich alle Bestrebungen der Natur beziehen. — Sein Genuß ist es, warum er geschaffen ward, er hat das Recht, jedes andre Wesen, das ihn im Genießen hindert, aus seiner Bahn hinwegzustoßen. Der Stärkere besiegt den Schwächern, der Löwe bekämpft den Löwen, der Tiger den Tiger, der Mensch den Menschen. — Noch ist kein Gestorbener zurückgekommen und hat gegen diese Weisheit gepredigt, noch hat keiner die Geheimnisse der Ewigkeit verrathen, — bis der Leichnam wieder kömmt, bis todte Zungen dagegen lästern, werd' ich an diese Lehre glauben.

Omar. Was wir Tugend nennen, ist bloß Gewohnheit, nichts als ein Gesetz, um die Gesellschaft, die der Mensch errichtet hat, aufrecht zu erhalten, ohne diese würde sie sich selbst vernichten. — Helden, Gesetzgeber, Weise sind tugendhaft, weil sie das Band der Gesellschaft fester ziehn, Mörder und Diebe nennen wir Bösewichter, weil sie dies Band zu zerreissen suchen. Sicherheit und Eigennutz schrieben zuerst den Unterschied dieser Namen. Daher kann Laster oft zur Tugend werden, wenn es das Wohl der Vereinigung befördert; schon mancher Mord war heilsam und mancher Diebstahl löblich, nur dies bestimmte Selims Vorsatz, den Dolch gegen Ali's Brust zu schleifen.

Abdallah. O ja, Laster und Tugend fließen in einen Strahl zusammen, es ist hohe Weisheit, daß man den Unverständigeren glauben läßt, sie wären von Ewigkeit her geschieden. —

Omar. Ach, Abdallah, daran hatt' ich nicht gedacht, daß du mir einst diese Lehren so fürchterlich wiederholen würdest, — o wäre mein Scharfsinn gewachsen, damit ich dir widersprechen könnte! — Zulma mag es einst versuchen.