Abdallah. Und liegt ihm denn selbst an diesen wenigen Stunden, die ihm noch zugezählt sind? Du hast es selbst gehört, wie sehr er den Tod wünscht, seit er mit seiner letzten Hoffnung zerfallen ist. — Itzt würde der Tod seine Hoffnung sein, wenn wir eine Gewißheit hoffen könnten. — Soll ich mich bedenken, ihn glücklich zu machen, oder warten, bis er sich selbst den Dolch in die Brust stößt? —
Omar. Das Land mit seinen Bürgern war die Freude deines Vaters, einst ein neues Glück zu säen und die schöne Saat aufschießen zu sehen, dies war der feurigste seiner Wünsche, die kühnste seiner Hoffnungen. Für seine Mitbürger unternahm er das große Wagestück, auf das er sein Glück und sein Leben setzte, — die Würfel fielen unglücklich. — Roxane sollte deine Gattin werden, um die Ernte jener Aussaat einzunehmen, aber das Verhängniß verschwor sich gegen ihn und an einem Tage ward alles zernichtet. — Der Wille deines Vaters könnte entschuldigt, deine Aufopferung gelobt werden, wenn du auch itzt auf diesem Wege den Zweck deines Vaters erreichen könntest, — aber sieh umher, tausend Unmöglichkeiten spotten deines Scharfsinns. —
Abdallah. Aber Zulma, Zulma kann mich dorthin führen, wohin mich Roxane führen sollte, sie giebt mir den Thron dieses Reichs, und ich rotte die Dornen aus, die Ali pflanzte, dann kömmt der schöne, der große Entwurf meines Vaters zur Reife, neue Sterne gehen über dieses Land auf, ich verwandle es in einen Garten voll schöner Blüthen. — Nicht wahr, Omar, mein Vater würde sich nicht einen Augenblick bedacht haben, mich dem Wohl des Landes aufzuopfern? — Und ich säume ihn dem Glück der Bürger hinzugeben? Das Opfer thut meinem Herzen wehe, aber der Segen der Nachkommen wird mich einst belohnen.
Omar. Und Zulma! — Sollte sie in den Armen eines andern deiner vergessen? Solltest du einst ihrem Pallast als ein unbekannter Sklave vorübergehn und sie von ihrem Gatten umschlungen, einen fremden Blick auf dich herabwerfen? — Solltest du einst als Bettler vorübergehn und von der geliebten Zulma mit Verachtung abgewiesen werden?
Abdallah. Nein, nein, das soll nie geschehen, so lange ein Herz in meinem Busen schlägt, ist sie mein, noch mein letzter Blutstropfe würde für ihren Besitz kämpfen, so lange ich noch Gedanken habe ist sie der Inhalt meiner Gedanken und alle meine Kräfte laufen nach diesem Ziele.
Deiner Bestimmung, sagte Omar, kannst du dich nicht widersetzen. Steht diese That in jenem großen Buche, welcher Finger will die ewigen Züge verlöschen? Deinetwegen wird das große Gewebe nicht inne halten, der Faden wird hineingeschlagen und nicht um seinen Willen gefragt. —
Abdallah stand in tiefen Gedanken. —
Du kannst nicht gut, du kannst nicht böse handeln, fuhr Omar fort, ein Geist ist es, der in den Millionen Leben glüht, du und ich, Selim und Zulma sind nur ein Wesen, du arbeitest stets für und gegen dich, du kannst eigenmächtig über deine Handlungen den Ausspruch fällen, und diese gut und jene böse nennen, wer mag dir widersprechen?
Abdallah sahe starr vor sich nieder, dann wollten beide das Zimmer verlassen, Selim kam ihnen zornig entgegen. — Fort! Verbannter! rief er aus, so lange der Fluch auf deinem Haupte liegt, so lange hass' ich dein Angesicht! Hinweg! damit ich dich nicht mit neuen Verwünschungen belade!
Omar blieb bei Selim zurück, und Abdallah ging traurig und zürnend in das Dickicht des Waldes, wo eine einsame Stille ihn begrüßte, nur von einem leisen Wiegen der Baumwipfel unterbrochen. Dunkle Schatten lagen übereinander, kein Sonnenstrahl schlich sich auf den grünen Rasen herab. —