Ja? — sagte Selim und ließ plötzlich seine Hand niederfallen. — Ja? — Nun dann bin ich von einem tiefen Schlaf erwacht. — Auch dir hab' ich verziehen. —
Ali sahe ihn mit einem durchbohrenden Blicke an. — Auf diese Verdammniß hättest du nicht gerathen und hättest du dein Gehirn zersprengen sollen? fragte er ihn boshaft. — Du liebtest ihn, er liebte dich? Er gehört zu den Edelsten der Menschheit? — Sieh, dies sind die Verehrungswürdigen unter der Natterbrut. Selim, nun kann ich dir dreist in's Auge sehen, nun ist mein Triumph vollendet, der Eid, den ich beim Ewigen schwur, ist kein Meineid, — ich habe, was ich wollte, ich sehe dich zittern!
Ein Fieberschauer schüttelte Selims Gebeine. Ich habe die Menschheit nie gekannt, sagte er sehr ernst. — Noch einmal sahe er mit starrem Auge nach seinem Sohn, dann verließ er stumm den Saal, — die Leibwache folgte ihm. — Ali sahe ihm schadenfroh nach. — Ich bin gerächt! sprach er freudig, für die Menschheit hat er gekämpft und sie fällt in seiner letzten Stunde treulos von ihm ab, ha! nun wird ihm der Tod einen bittern Kelch reichen! So groß hätt' ich meinen Sieg nie geträumt. — Er wagte es nicht, mich anzusehen, — nun kann ich ihn verachten!
Abdallah stand ohne Bewegung, ohne Leben, sein Gesicht war todtenbleich, alle Glieder in einer fürchterlichen Erschlaffung erstarrt, man sahe kaum, daß er Athem holte.
Verloren! verloren! schrie er dann plötzlich. — Er schwieg wieder, alles war still, nur zuweilen tönte ein abgerissener brüllender Schrei Abdallah's durch den Saal. — Eine innere Wuth arbeitete in seiner Brust, tausend folternde Schmerzen duldete er in einem Augenblick zugleich, Angst und Verzweiflung, Wuth und Entsetzen stürmten durch seine Seele. — Mein Vater! mein Vater! rief er dann von neuem mit lauter Stimme. — O dies war sein letzter Blick! — dies! — o Ewiger, warum starb ich nicht vor diesem Blick? — Er hat mir vergeben? — Nein, eine heißhungrige Quaal nagt an mir. Alles ist zerstört und vernichtet, o mein Vater! — Stille, daß ich diesen Namen nicht nenne! Vater? — Ich bin kein Sohn, ich habe keinen Vater! — Nein, wie Abdallah sieht kein Sohn aus, — ich bin von der Menschheit ausgestoßen! Teufel sind meine Brüder, die Hölle ist meine Heimath.
Ein Sklave trug einen Giftbecher durch den Saal, Ali winkte ihm: man gebe ihm den Trank noch nicht, sagte er. Der Sklave ging.
In diesem Becher, rief Abdallah, wird meinem Vater der Tod gebracht! — Ha, wie die bösen Engel alle hohnlachend um mich grinsen! Nun gehöre ich ihnen leibeigen, nichts wird mich loskaufen. — Mein Name ist aus der Zahl der Lebendigen ausgestrichen, im Buch der Verdammniß steh' ich eingeschrieben, — bald wird mir die fürchterliche Rechnung vorgelesen werden! — —
Ali ging ihm näher und sagte: Verweile hier, ich gehe um Selim sterben zu sehn. — Itzt wird er den Giftbecher nicht so muthig, so verächtlich leeren. Höhnisch lacht ihm die Menschheit nach, er wird sich seiner Thaten und seiner Begeistrung schämen. — Diese Wonne will ich mir nicht versagen.
Ali ging und der Vezier und die übrigen begleiteten ihn. — Abdallah blieb in dem weiten Saal allein, alles um ihn her schien ihn mit fürchterlichen Gesichtern anzublicken, er stieß wüthend seinen Kopf gegen die Mauer.
Itzt! itzt! — sprach er leise, — itzt trinkt er den Becher, itzt lachen Ali und sein schändliches Gefolge über die Todeszuckungen meines Vaters; Selim denkt an seinen Sohn und dieser Gedanke dreht ihn in noch schrecklichern Krämpfen. — O Abdallah! Abdallah! — Wardst du darum geboren? — O nun ist jenes fürchterliche Ziel herangerückt! — Auf ewig, auf ewig bin ich verloren! — Selim! — Abdallah! — Die ganze Natur wird in ihr Chaos zurückspringen, denn die Liebe ist todt, alle Elemente werden von neuem feindselig gegen einander kämpfen und die Welt in Trümmern schlagen. — O warum gerade ich, unter Millionen ich der Verworfene, der seinen Vater ermorden muß? — Nur ich? — In diesem Gedanken grinst mich die ganze Hölle an.