Er sank wieder in ein tiefes Nachdenken, das Omar vergeblich zu zerstreuen suchte. — Ich habe ihn gehabt, fuhr er dann fort. — Gehabt? — O Himmel, mein Vater, den ich so zärtlich liebte, der mich so innigst liebte, dieser ist todt. Von seinem Sohne geschlachtet, hingegeben der Mordgier durch Abdallah. — Ach, Omar! Omar! — So eben hätt' ich durch Zulma seine Martern abkaufen mögen und nun klag' ich darüber, daß er sie nicht mehr fühlt. —
Omar. Sei weise, Abdallah. Laß das, was vergangen ist, vergangen sein. — Was hast du gewonnen, wenn dich diese Gedanken ewig quälen? Zweifle an allem was war und lebe nur in der Gegenwart, alle deine Hoffnungen kommen dir gekrönt entgegen, siehe, es fehlt keine in ihrem feierlichen Zuge, geh mit heitrer Stirn auf sie zu, wie es dem Glücklichen ziemt. — Hinweg mit diesen Falten! Sieh aus wie ein Bräutigam, der seine Braut erwartet; Tausende sind unglücklich, ohne des Glücks zu genießen, das dein ist. Zulma! rufe diesen Namen nur und alle Sorgen werden zurücktreten, feigherzig entflieht dann jeder Kummer.
Abdallah. Zulma? — O das war eine Seligkeit, auf die ich einst so sehnlichst hoffte, aber auch dieser Strahl ist hinter Wolken untergegangen, auch diese Freude hab' ich verspielt, um nichts zu gewinnen. — Du zeigst, um mich zu trösten, auf ein Grabmal hin, in welchem ein Freund schlummert, der einst meine Wonne war.
Omar. O Zulma, Zulma ist dir nicht gestorben, ruf nur einen Strahl jener Entzückungen zurück, mit denen du ehemals ihren Namen dachtest. —
Abdallah. Ach Omar, sie wird mir ein ewiges Verzeichniß meiner Verbrechen sein, alle beseligenden Gefühle sind auf ewig von mir hinweggeflohen, nur die entsetzlichen sind mir geblieben, diese knüpfen sich an jedes Wesen, an jede Erwartung. —
Omar. Reiß dich aus dieser trägen Seelentaubheit, zeige den Schaudern eine Heldenbrust, und sie werden zurückstürzen!
Abdallah. Nein, Omar, auf welche Freude darf der Vatermörder rechnen? Jedem andern Verbrecher verzeiht der gütige Himmel einst, aber des Vatermörders Gebet darf sich nicht in seine Himmel wagen, die Engel würden erzittern und der ewige Glanz seines Thrones erbleichen. Seit Ewigkeiten ward ich ausgelesen, ein Spott des grausen Verhängnisses zu sein und dies fürchterliche Spiel wird sich niemals enden. — Ach! könnt' ich wieder werden was ich war, könnt' ich zu dir sagen: weck mich auf! und ich erwachte dann und alles, alles wäre nur ein Traum gewesen, stände dann der Abdallah wieder vor dir, der einst vor dir stand, wärst du derselbe Omar, der du ehedem warst, — ach! als ich deine Lehren noch mit kindlicher Unbefangenheit in mich sog, als ein zürnender Blick meines Vaters oder von dir das Unglück dieser Erde für mich war, als ich froh an jedem Abend einschlief und der Strahl des Morgens mich zu neuen Freuden weckte, als ich mich so unbesorgt und mit kindlichem Lächeln jedem Tage überließ, der mich dem folgenden überlieferte, — o wann kann ich wieder eine dieser Seligkeiten kosten? Wie ist dieser Abdallah so plötzlich jenseit aller Verbrechen und Laster geschleudert? — Himmel! wie nahe liegt mir die Zeit, als ich noch vor dem Gedanken Mörder zurückbebte? — Und selbst ein Mörder sein und der verworfenste von allen Mördern, Vatermörder! — o dürft' ich an die Unmöglichkeit glauben, dürft' ich der Unwahrscheinlichkeit vertrauen und mich keck mit mir selber wieder versöhnen. — Aber nein, es ist! Nicht wahr, Omar, es ist? —
Omar. Es war.
Abdallah. Nein, es ist! die Ewigkeit, der Allmächtige selbst kann mein Verbrechen nicht von mir wieder abkaufen. — Ach, Omar, als mein Vater hörte, daß sein Abdallah ihn dem Verderben verrathen habe, — ach, da sahe er mich mit einem Blicke an, — o es war ein entsetzlicher Blick, nie wird meine Einbildung diesen Blick verlieren, keine Stunde meines Lebens war mir noch so fürchterlich, als diese, noch nie war meine Seelenangst so hoch gestiegen, als bei diesem Anblick des Auges; alles Entsetzen lag darin. Laß mich nur diesen Blick vergessen, Omar, und ich will das freche Versprechen wagen, alles übrige zu vergessen!
Omar. Dein Vater hat dir verziehen, verzeih dir selbst. —