„Ja, mein gnädiger Herr,“ sagte der Diener, „sie ist nicht vornehm, aber hübsch, und Kuß bleibt Kuß. Nun hatt’ ich eines Tags, auch wegen des Mädchens, ein neues Buch von der Stadt zu holen vergessen, es sollte so ein recht superkluges, andächtiges seyn, da sagt’ ich in der Angst, das Buch sei schon verliehen, das kam heraus, daß ich gar nicht weggegangen war, und da wurde ich nun um das bischen Lügen gleich aus dem Dienst geschickt.“
„Können Sie ihn brauchen?“ fragte der Baron die beiden jungen Leute; diese versicherten aber: sie würden sich nie mit einem Menschen zu thun machen, der in der edelsten und nachsichtigsten Familie nicht einmal hätte geduldet werden können. „Nun so bleib indessen bei mir,“ schloß der Baron, „aber lüge so wenig als möglich.“
„Gewiß, gnädigster Baron,“ rief der Mensch aus, „vorsätzlich niemals; es kommt einem manchmal in der Angst eine sogenannte Nothlüge in den Hals, die, meinte selbst mein alter Priester da hinten in meinem Dorfe, sei wohl noch zu vergeben; aber meine gnäd’ge Herrschaft legt alles auf die Goldwage, und in einem Hause, wo dann so die allerausgesuchteste Frömmigkeit und aufgeputzteste Tugend herrscht, da kommt ein armer, ordinärer Domestik durchaus gar nicht fort; wir sind zu irdisch, beste Herren, die vornehmen Leute haben es leichter, das schleift und schleift immer am Herzen und der Seele, dazu haben wir nicht Zeit vor Messerputzen und andern Verrichtungen. Fräulein Dorchen wollte mich auch entschuldigen und sagen, es wäre nicht so wichtig, die kam aber übel an, auf die schrieen sie alle zusammen noch mehr los, als auf mich. Die verachten sie alle, und sie ist doch die beste im Hause, weil sie nicht so hoch hinaus will, denn der Mensch ist doch einmal aus einem Erdenklos formirt, und da rührt sich von Zeit zu Zeit der alte Lehm und Thon in ihm.“
„Sie passen gut zusammen, Sie und Michel,“ sagte lachend der Offizier.
„Aber halt!“ rief der Baron, „ich habe Dich nun in meine Dienste genommen, und ganz vergessen, daß morgen die Fräulein Ehrhard auf einige Zeit in mein Haus kommt. Ja, meine Freunde, ich kann diese Person gar nicht leiden, aber da ich mit meiner jungen Schwester lebe, die nun ganz aufgewachsen ist, mancher Mensch bei mir aus- und eingeht, ich auch oft außer dem Hause bin, so muß sie doch, da ich nicht zu heirathen Willens bin, eine Gesellschaft und Aufsicht haben. Da hat sich das verdrehte Weibsen entschlossen, es bei mir zu versuchen, denn sie weiß wohl, daß es bei mir gut hergeht, nicht so arm, wie dort in der Familie; ich sehe auch oft Gesellschaft, vielleicht denkt sie leichter einen Herzenskumpan bei mir zu finden, als dort in der Einsamkeit. So versuchen wir es denn auf einen Monat, oder so mit einander.“
„Alles recht fein gemein konstruirt!“ sagte der Rath: „wenn Sie nur geringe Motive finden, so begreifen Sie die Sachen.“
„Kann nicht anders,“ sagte der Baron. Sie schieden, da sie schon das Stadtthor erreicht hatten.
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Am andern Morgen war im Hause der Baronesse schon früh viel Unruhe. Im großen Saale, der unmittelbar in den Garten führte, war die ganze Familie mit Sonnenaufgang versammelt. Man zog Blumenkränze an den Wänden auf, ein geschmückter Tisch stand unter einer Thüre, mit Kleidern, Büchern und mannigfaltigen Angedenken bedeckt, und man erwartete nun die älteste Tochter Dorothea, die täglich den Garten am frühesten Morgen zu besuchen pflegte, um sie mit diesen Geschenken und dieser Festlichkeit erfreulich zu überraschen. Es war ihr Geburtstag, und Mutter und Töchter hatten alles anordnen können, ohne daß sie es bemerkte, weil sie sich niemals um den Kalender sonderlich bekümmerte. Jetzt kam sie den Garten herunter, und sah schon aus der Ferne die versammelten Geschwister. Als sie erstaunt in den Saal trat, und Alle sie freundlich umringten, die verschiedenen Gaben darboten, und Schwestern und Mutter sich so ungewöhnlich liebevoll bezeigten, war sie tief gerührt und um so heftiger erschüttert, je weniger sie diese Feier der Liebe erwartet hatte.
„Wie neu ist mir dies!“ rief sie aus: „ach! wie wenig habe ich das um Euch verdienen können! Liebt Ihr mich denn wirklich so? Alle diese Geschenke, dieser Glanz, diese freundliche Aufmerksamkeit, wie kann ich es Euch vergelten? Ich bin so überrascht, daß Ihr alle so an mich Arme denken mochtet, daß ich Euch noch gar nicht einmal danken kann.“