„Liebe uns nur recht innig,“ sagte die Mutter, sie herzlich umarmend, „sondere Dich nicht so ab, komm uns allen mehr entgegen; erkenne, wie wir es meinen, und bemühe Dich, in unsere Gefühle und Ansichten einzugehen; denn wir suchen ja nur das Gute, wir wollen ja nur das Rechte. Diese Deine Launen, mein geliebtes Kind, Dein störriger Sinn, der Dich den Freunden und Geschwistern entfremdet, der Dich geringeren Menschen entgegen führt, ist eine Unart und Verwöhnung Deines Geistes. Du wirst und kannst die Wahrheit erkennen, sobald es nur Dein ernstlicher Wille ist.“

„Ich will besser werden,“ sagte die weinende Tochter, „ich verspreche es Ihnen in dieser Stunde, die mich so unendlich bewegt.“

Alle herzten und küßten sie, und Dorothea, die schon seit lange als ein Fremdling in ihrer Familie stand, fühlte sich wie in einem neuen Leben. Sie sah Alle prüfend an, sie liebkoste Jeden, sie ließ sich die Geschenke zeigen und erklären; es war, als wäre sie von einer langen und weiten Reise zurück gekommen, und begrüße jetzt die Ihrigen nach schmerzlicher Trennung. „Wenn ich nur auch für Euch alle etwas thun könnte!“ rief sie aus.

„Wenn Du es ernstlich willst,“ antwortete die Mutter, „so kannst Du uns heut Alle, vor allen aber mich, unbeschreiblich glücklich machen.“

„Nennen Sie,“ rief Dorothea, „sagen Sie, was ich thun soll.“

„Wenn Du heut an diesem feierlichen Tage,“ fuhr die Baronesse fort, „endlich Deine so lange verweigerte Einwilligung geben, wenn Du unsern Freund Wallen heut mit Deinem Worte beglücken wolltest, den Du gestern so unziemlich gekränkt hast.“

Dorothea wurde blaß und trat erschreckend zurück. „Dies fordern Sie?“ sagte sie stotternd: „ich dachte, ich hätte darüber ein für allemal meine Erklärung gegeben.“

„Deine Leidenschaftlichkeit,“ sagte die Mutter, „kann für keinen vernünftigen Entschluß gelten. Du liebst keinen Mann, wie Du oft gesagt hast, Du kennst kaum einen, den Du achten möchtest; dieser edle Freund ist Dir mit der schönsten Herzlichkeit ergeben, er bietet Dir ein Glück an, das Dir so schön nicht wieder entgegen kommt, wenn Du es jetzt von Dir weisest; Du kennst die Lage Deiner Familie, wie mißlich es mit unserm Vermögen steht; Du kannst die Wohlthäterin Deiner Mutter, die Versorgerin Deiner Schwestern werden. Hast Du wohl schon bedacht, mein liebes Kind, wie trostlos Deine eigne Zukunft seyn muß, wenn Du auf Deinem Eigensinn beharrst? Von Männern und Frauen verlassen, den Deinigen empört und gehässig, einsam und ganz verloren in einer kalten, höhnenden Welt, arm und ohne Hülfe! Wirst Du Dich alsdann nicht in Deine Jugend zurück sehnen, und in bitterm Schmerz bereuen, daß Du jetzt alles Glück für Dich und die Deinigen so muthwillig, so unbedacht von Dir gestoßen hast? Fordert dieser edle Mann denn Liebe und Leidenschaft von Dir, wie sie wohl in unsern verkehrten Büchern geschildert werden? Will er mehr als Freundschaft und Achtung? Und kannst Du ihm diese versagen? Er ist zu allen Aufopferungen bereit, die unsere drückende Lage fordert, und die sein großer Reichthum möglich macht; aber wenn Du ihn so spröde verhöhnst, und er tritt beleidigt und beschimpft zurück — wer weiß, wo Deine Geschwister oder Deine Mutter und Du selbst noch einmal im Alter ein schnödes Almosen erbetteln müssen, wo ich noch krank und hülflos liege, und Dein weinendes Auge dann umsonst in diese Tage sehnsüchtig zurück blickt, die dann auf ewig verschwunden sind.“

„Hören Sie auf, meine geliebteste Mutter!“ rief Dorothea im größten Schmerze aus. „O leider, leider ist das Recht ganz auf Ihrer, und das Unrecht durchaus auf meiner Seite. Nein, ich habe noch nie geliebt, und werde es nie, mein Herz ist für dieses Gefühl verschlossen; die Männer, die ich gekannt habe, flößen mir alle ein Gefühl des Widerwillens ein, viele des Mitleids, um nicht Verachtung zu sagen; ich sehe ja ein, daß eine Ehe, die auf Vernunft sich gründet, die uns in Wohlstand und Sorglosigkeit versetzt, etwas Wünschenswerthes seyn muß; daß ich durch ein einziges Wort Sie und uns alle beglücken kann, daß es wohl edel ist, wenn ich es ausspreche, daß es die Nothwendigkeit vielleicht von mir erzwingt, und Kindespflicht und die edelsten Rücksichten — und doch — warum schaudert mein Gefühl davor zurück? — Ach, liebe Mutter, wenn nur eins nicht wäre, — darf ich es sagen? werden Sie mich nicht ganz mißverstehn? O gewiß! denn ich verstehe mich ja selber nicht.“

„Sprich, mein geliebtes Kind,“ sagte die Mutter im freundlichsten Tone, „ich werde Dein Herz fühlen, wenn ich auch nicht ganz Deine Worte fasse.“