Dorothea zögerte, sah sie bittend an, und sagte endlich verlegen und mit bittender Stimme: „Oft habe ich mir selbst die Frage vorgelegt, ich habe mich in einsamen Stunden ernst geprüft, und mir schien dann wohl, als könnte ich meine Hand in die des würdigen Mannes fügen, den Sie alle, den die ganze Welt verehrt, wenn er nur nicht —“
„Nun?“ rief die Mutter.
„Wenn er nur nicht fromm wäre,“ sagte die Tochter hastig.
Eine lange Pause der Verlegenheit entstand. Dorothea war glühend roth geworden, die Schwestern traten scheu zurück, die Mutter schlug den Blick nieder, und wandte ihn dann um so schärfer prüfend auf die Arme, die Allen und sich selbst fast eine Entartete schien. Endlich sagte die Mutter: „Nun, wahrlich, das muß mich überraschen, und wenn ich dies in Dir verstehe, so möchte es mich auch mit Schauder erfüllen. Also Du bekennst nun öffentlich Deinen Abfall von Gott? Du bist also darüber mit Dir einig, daß das Heilige Dir ein Anstoß und Greuel ist? Du kannst das nicht lieben, was die Liebe selber ist? So geh denn und verläugne das Göttliche, lebe ruchlos und stirb vom Himmel verlassen.“
„Sie verstehn mich nicht,“ rief Dorothea mit einem hohen Unwillen: „das ist ja das Unglück meines Lebens, daß Alles an mir mißdeutet wird, wenn ich es noch so gut meine. Vielleicht würde mir Herr von Wallen ganz recht seyn, wenn ich nur nicht wüßte, daß er so fromm ist, ja vielleicht würde ich ihn alsdann für fromm halten.“
„Trefflich!“ sagte die Mutter in schmerzlicher Entrüstung: „wenn wir selber verderbt sind, so ist es freilich am bequemsten, an den Würdigen ihre Tugend zu bezweifeln. Damit sprichst Du auch zugleich aus, wie Du von mir denkst, und was ich überhaupt von Deiner Kindesliebe zu erwarten habe.“
„Sie sollen, Sie werden sich irren!“ rief Dorothea fast im Zorne aus: „ich will mehr thun aus Liebe für Sie, als ich vor mir selbst verantworten kann, ich will mich heute Abend, darauf gebe ich Ihnen jetzt mein Wort, mit dem Herrn von Wallen verloben.“
Ein allgemeiner Ausruf der Freude, Thränen, Umarmungen, Schluchzen unterbrachen und ersetzten jedes Gespräch. Der Wortwechsel verwandelte sich in das lauteste und fröhlichste Getümmel, Alle hatten die Fassung verloren, und drückten Liebe und Entzücken heftig und übertrieben aus. Nur Dorothea war nach ihren letzten Worten plötzlich wieder ganz kalt geworden, und gab sich ohne alle Erwiederung still den Liebkosungen hin.
„O Du mein geliebtes Kind!“ sagte die Mutter endlich wieder gefaßt, „ja, ich habe Dich mißverstanden, und Du wirst mir verzeihen; macht ja diese unerwartete freiwillige Erklärung Alles wieder gut. Und jetzt darf ich Dir auch noch das schönste und kostbarste Geschenk zu jenen Gaben der Liebe hinzufügen, diesen Schmuck, den Dir der Baron sendet; ich habe ihn zurück gehalten, weil ich wirklich an Deinem schönen Gefühle zweifelte.“
Die Tochter sah die Mutter mit großen Augen an, dann warf sie einen kalten Blick auf die kostbaren Steine, und legte sie ruhig zu den Blumen auf den Tisch. Das Frühstück ward gebracht, und man war nach der lauten Scene um so ruhiger, kein Gespräch wollte in den Gang kommen. Es läutete zur Kirche, die Bedienten brachten Mäntel und Bücher. Dorothea legte ihr Andachtsbuch aus der Hand und sagte: „Sie verzeihen wohl, liebe Mutter, wenn ich Sie heut nicht zur Kirche begleite, ich bin zu gespannt, ich will mich hier in der Einsamkeit indeß zu sammeln suchen und auf unsere Mittagsgesellschaft vorbereiten, noch mehr auf den Abend.“