„Wie Du willst, mein holdes Kind,“ antwortete die Baronesse: „zwar wäre die Kirche und die Rede unsers frommen Seelsorgers wohl der natürlichste Ort und Anlaß, Deine Gedanken zu sammeln, indessen hast Du einmal Deine Art und Weise, sie bleibe Dir ganz unbekrittelt. Es ist augenscheinlich der Himmel selbst, der Dich, Geliebte, die Du es am meisten bedarfst, unserm geliebten Wallen zuführt; an seinem Arm wirst Du anders denken lernen, und vielleicht erlebe ich es noch, daß Du uns alle beschämst und in höherem Glanze voran leuchtest.“

Als sich Dorothea allein sah, musterte sie, fast gedankenlos, die Geschenke. Die schimmernden, kostbar gebundenen Bücher waren von jenen neuen religiösen, denen sie nie ein Interesse hatte abgewinnen können. Was macht es? sagte sie zu sich: ist denn die Erde selbst, das ganze Leben so sehr der Rede werth? Warum will ich mit so großem Widerwillen die Rolle durchführen, die mir einmal aufgegeben ist? Was ich mir früher dachte und vorsetzte, ist ja doch nur Traum und leere Einbildung! Ich sehe ja, wie alle, alle Menschen nur spielen und Erhebung heucheln, dann gern und beruhigt in die Gemeinheit sinken. Ist es das allgemeine Schicksal, warum will ich mich so heftig dagegen sträuben? Entsetzlich ist es! aber endlich, früh oder spät, löst ja doch der Tod das verwickelte Netz dieses Lebens, und jenseits wird es ja doch wohl Freiheit geben.

Mit ihrer Stimmung wurde auch der Himmel finsterer. Dunkle schwere Wolken zogen näher, und schienen ein Gewitter herbei zu führen. Ein schlanker Mann kam den Garten herauf und näherte sich dem Saal. Als er eintreten wollte, ging sie dem Fremden, der ein Mann von Stande zu seyn schien, entgegen. Sie begrüßten sich, und der Unbekannte bat um die Erlaubniß, verweilen zu dürfen, er habe in der Lindenallee sein Pferd dem Diener übergeben, und sei dann in den offenen Garten gerathen; er bedauerte, die übrige Familie nicht zu finden, worauf ihn Dorothea einlud, im Saale das Gewitter abzuwarten und zu verweilen, bis Mutter und Schwestern aus der Kirche zurück kehren würden.

„Sie scheinen beim Gewitter nicht ängstlich zu seyn,“ bemerkte der Fremde.

„Doch,“ erwiederte Dorothea, „wenn es allzunahe kommt, und Feuer und Schlag eins und dasselbe werden; ich glaube auch, daß sich alsdann wohl alle Menschen mehr oder minder fürchten; denn wo es keinen Widerstand giebt, wo ein plötzlicher unversehener Augenblick mich wegraffen dürfte, da ängstet es mich gerade, daß ich nicht auf meiner Hut seyn kann. In diesen Augenblicken beruhigt nur der Glaube an ein nothwendiges Fatum und die Betrachtung, daß ich nichts Besseres bin, als die Tausende meiner Mitmenschen, die demselben Schrecken ausgesetzt sind.“

„Diese Gesinnung,“ sagte der Unbekannte, „muß ich eine tapfere nennen, im Gegensatz jener schwachen, die bei den Damen gar nicht selten ist, wenn sie beinahe in Furcht vergehn, alle Fassung verlieren und in Thränen jammern, indem nur noch das fernste Wetterleuchten herüber schimmert.“

„Wohl,“ sagte Dorothea, „und ich sorge schon um Mutter und Schwestern, die nur gar zu reizbar sind. Ich mag es nicht tadeln, weil es wohl, wie so viele krampfhafte Furcht, Krankheit des Körpers seyn mag.“

„Es ist nicht so leicht zu entscheiden,“ bemerkte der fremde Mann, „weil wir erst ernsthaft versuchen müßten, was der starke Wille denn wohl vermag, und ob, wenn die Seele sich zwingt, nicht auch der Körper wenigstens einige Schritte mitgeht, und von selbst da Gesundheit entsteht, wo die eigenwillige Stimmung die Kränklichkeit erzeugt hat.“

„Das führt auf die Frage,“ sagte Dorothea, „in wie fern wir frei sind, und was wir im Geist und Körper durch Vorsatz vermögen.“

„Gewiß,“ erwiederte jener, „und nicht blos diese, alle ernsten Betrachtungen führen zu der großen Frage. Ohne diese uns beantwortet zu haben, können wir auch für nichts Interesse fassen, und weder an uns, noch an andere glauben.“