„Freiheit!“ seufzte Dorothea, wie vor sich hin phantasirend: „Sie glauben also daran? Ich auch ehemals, als ich jünger war.“ —
„Jünger, mein Fräulein? das klingt von Ihren schönen Lippen sonderbar. Ich zweifelte als Jüngling, und habe erst später diese Ueberzeugung fassen lernen.“
„Vergeben Sie,“ rief Dorothea beschämt, „daß ich mich mit Ihnen in dergleichen Worte verliere, da ich“ —
Der Fremde unterbrach sie: „Behandeln Sie mich nicht wie einen unbekannten jungen Menschen, der nur da seyn darf, um Ihnen etwas Verbindliches zu sagen. Sie sind mir mit einem schönen und ernsten Vertrauen entgegen gekommen, und ich weiß, daß ich dessen nicht unwerth bin.“
Und wirklich schien es, als spräche Dorothea mit einem alten Bekannten oder Bruder, so wenig war dieser Mann — nach dessen Namen sie selbst zu fragen vergaß — ihr fremd. Seit lange hatte sie nicht dieses Gefühl gehabt, ihre Gedanken, ohne Furcht, mißverstanden zu werden, aussprechen zu dürfen; dies gab ihr eine Behaglichkeit, daß sie auf das heranrückende Gewitter nur wenig achtete, und selbst den Abend vergaß, an welchen sie so eben noch nur mit Entsetzen hatte denken können. Im Verlauf des Gesprächs erzählte der Fremde von seinen Reisen, Manches von seinen Schicksalen; er erinnerte sich seiner Jugend, und bekannte endlich, daß er dies Haus, und vorzüglich den vor Jahren verstorbenen Vater des Fräuleins oft gesehn habe. „Sie sehen Ihrem Vater wunderbar ähnlich,“ beschloß er, „und ich habe gleich Anfangs diese freundlichen Lineamente nicht ohne Rührung betrachten können.“
Dorothea war überrascht, als sie die Familie schon aus der Kirche zurück kommen sah. Man begrüßte den Fremden, die Mutter trat fast erschrocken zurück, und Dorothea erblaßte, als sie ihn Graf Brandenstein nennen hörte. Er ward höflich zu Tische geladen, und der alte Baron Wallen erschien ebenfalls, so wie der Rath Alfred und der junge Offizier; beide waren aus der Stadt herüber geritten. Die Familie kleidete sich um, und Dorothea war in ihrem einsamen Zimmer in tiefen Gedanken verloren. Die Welt lag sonderbarer als je vor ihrem Geiste da, sie konnte sich kaum zurecht finden, um ihren bescheidenen Putz zu ordnen, und als sie nachher wie träumend zur Gesellschaft zurückkehrte, erschienen ihr alle Gesichter wie hart und gespannt, ja, als fremd, besonders aber die weiche, gesalbte Miene des Barons wie zum Erschrecken verzerrt, und ein Gefühl, als wenn sie lachen solle, bemeisterte sich wie ein Frost ihres ganzen Wesens, indem sie sich erinnerte, daß sie diesen Mann noch heut Abend für ihren Bräutigam erklären müsse. Wie widrig ihr der junge Offizier und Rath auffielen, so bekannt, vertrauensvoll und milde leuchteten ihr die Blicke des Grafen entgegen, den sie als einen bösen und gefährlichen Menschen noch gestern hatte schildern hören.
Er schien allein unbefangen am Tische. Mit Behaglichkeit erzählte er von seinen Geschäften, die er für seinen amerikanischen Freund betrieb; er nannte die Güter, die er schon gekauft hatte, oder um welche er noch in Unterhandlungen stand, und man verwunderte sich über den Reichthum des unbekannten Mannes, der die schönsten Besitzungen zu einer großen Herrschaft vereinigen konnte. Durch die Gewandtheit des Grafen ward die Unterhaltung bald freier, und der Baron, welcher dem Gefühle, das ihn bedrängte, wie mit Gewalt widerstand, suchte das Gespräch an sich zu reißen und zu beherrschen, vorzüglich wohl, damit die Jugend und die Frau des Hauses nicht in der gewohnten Verehrung nachlassen möchten.
Wie es aber zu geschehen pflegt, daß ein Gespräch, wenn es nicht mit leichter Unbefangenheit und feinem Sinne geführt wird, wohl in Anmaßung und Spannung eine polemische Natur annimmt, so war es auch hier; denn die Reden und Aeußerungen des Barons waren alle verhüllte Angriffe gegen den Grafen und dessen Meinungen, wie er sich diese nach der Schilderung desselben dachte. Der Graf achtete diese Demonstrationen Anfangs wenig; er unterhielt sich hauptsächlich mit Dorotheen, die neben ihm saß, sprach von seinen Geschäften, und sagte endlich auch, wie im Scherz, er habe zugleich von seinem amerikanischen Freunde den Auftrag erhalten, ihm eine Gemahlin zu suchen.
„Das kann wohl von Ihnen beiden nicht ernsthaft gemeint seyn,“ sagte die Baronesse.
„Und warum nicht?“ erwiederte der Graf in heitrer Laune, „mein Freund ahmt ja hierin nur den regierenden Fürsten nach, durch Anwalde und nach politischen Rücksichten zu unterhandeln. Er ist nicht mehr jung und kann nicht erwarten, Leidenschaft zu erregen; er hat in der Jugend traurige Erfahrungen gemacht, und an seinem eignen Unglück, so wie an manchem Freunde erlebt, daß dasjenige, was die Menschen Liebe nennen, nur weichliche Sehnsucht, oft Eitelkeit, zuweilen sogar Verblendung sei, und die meisten Ehen, die in scheinbarer Leidenschaft geschlossen werden, nur ein dürftiges, ganz kümmerliches Leben, oft Elend herbei führen. Ich bin sein ganz vertrauter Freund, und er rechnet auf meine Menschenkenntniß, daß ich ihm ein Loos ziehen werde, welches ihm geziemt.“