Der Baron erwiederte, daß ihm ein solches Unternehmen immer noch mißlich scheine, und daß der Unbekannte dabei doch das Glück seines Lebens auf das Spiel setze.

„Glück?“ nahm der Graf das Wort auf: „gewiß, wenn er sich jenes Unbedingte, Unendliche und Unaussprechliche dabei dächte, was die Jugend gewöhnlich mit diesem Worte verbindet. Wo finden wir dies? Wer sich nicht zu beschränken versteht, wird nichts erlangen, am wenigsten, was jenseit aller Schranken liegt. Die Resignation mag Anfangs bitter scheinen, aber ohne sie ist kein Zustand des Lebens zu ertragen; denn wenn wir mit uns nur wahr umgehen, so müssen ja doch auch alle Entzückungen unmittelbar der Wehmuth Platz machen, ja sie sind eins mit dieser, und Schönheit, Kunst, Begeisterung, Alles ist für uns irdische, vergängliche Menschen nur da, indem es vergänglich ist, obgleich die Wurzel alles Göttlichen in der Ewigkeit ruht.“

„Sonderbar!“ sagte der Baron: „somit wäre auch die Andacht und die Frömmigkeit, das Erkennen des Himmlischen diesem Wandel unterworfen?“

„Ich glaube,“ sagte der Graf, „wer nicht irdisch seyn mag, kann auch nicht überirdisch seyn; Nacht und Tag, Schlaf und Wachen, Erhebung und Gleichgültigkeit müssen sich ablösen. Wir beklagen mit Recht, daß es so ist und seyn muß, aber es kann nicht anders; wer aber die Erleuchtungen der Andacht, die Entzückungen einer himmlischen Liebe zu einem stehenden Artikel in seinem Herzen machen wollte, der dürfte sich wohl auf dem allergefährlichsten Standpunkte befinden, auf den der Mensch sich nur wagen kann.“

„Sie sind einmal als Freigeist bekannt,“ antwortete die Mutter, „und es wird Ihnen bei uns nicht gelingen, unsere klare Ueberzeugung zu trüben.“

Kunigunde sagte mit einem schmelzenden Tone: „Sie meinen also, es sei gefährlich, den Herrn zu lieben?“

Brandenstein mußte lächeln: „Gefährlich, wie alle Liebe, schöne Frau,“ erwiederte er leicht, „besonders, wenn man den Gegenstand, den man zu lieben unternimmt, nicht kennt, oder sich eine ganz unrichtige Vorstellung von ihm macht; noch schlimmer, wenn wir ein Phantom aus ihm bilden, das alle unsre Vorurtheile bestärken, uns in unsern Schwächen Recht geben, unsere Fehler und Irrthümer autorisiren soll. Da dürften wir unser thörichtes Herz leicht an ein Gespenst verschenken, wie einige alte Mährchen etwas Aehnliches erzählen, und uns entsetzen, wenn uns die wahre Gestalt des Göttlichen einmal in einer erleuchteten Minute erschiene.“

Dorothea hörte aufmerksam zu, und der Baron sagte nicht ohne Verdruß: „Die Liebe kann nicht irren. Wo sonst einen Wegweiser auf unserm Pfade suchen?“

„Wenn sie die wahre ist, nicht,“ erwiederte der Graf: „aber über diese täuschen wir uns selber nur gar zu leicht; denn wenn unsere Leidenschaften nicht Sophisten wären, so wären sie eben auch keine Leidenschaften.“

„So ist denn der Zweifel,“ sagte der Baron zürnend, „das Einzige, was wir gewinnen können.“