„Er sei unser Diener,“ antwortete der Graf, „der die Wege untersucht, unser Thor, der mit nüchternem Spaß uns vor dem Allzuviel oder vor Uebereilung warne. Kinder und Narren reden aber, wie das Volkssprichwort sagt, die Wahrheit: zuweilen wenigstens, wenn nicht oft und immer.“

„Eine Mutter,“ sagte die Baronesse, „weiß, was Liebe ist; der Mann behält vielleicht immer eine dunkle, zweifelnde Vorstellung von dieser Kraft. Auch ist die That immer mehr als das Wort, und so habe ich meine Kinder erzogen und mit ihnen gelebt, ganz in Liebe, keinen blinden Gehorsam, nie etwas Unvernünftiges von ihnen fordernd, immer habe ich mich ihnen geopfert; aber sie haben schon lallend meine Liebe erkannt und erwiedert, auch sie haben nur ihren Herzen folgen dürfen, und Strenge, Furcht und dergleichen ist ihnen völlig unbekannt geblieben.“

Die Töchter sahen die Mutter zärtlich an, die Mutter hatte Thränen im Auge, nur Dorothea blickte scheu vor sich nieder, und der Baron sagte begeistert: „Man kennt und verehrt diese musterhafte Erziehung, und wer an Liebe zweifelt, komme und sehe diesen Familienkreis.“

„Fern sei es von mir,“ sagte Brandenstein, zu Dorotheen gewendet, „mit rohem Gefühl diese zarte Liebe nicht anerkennen zu wollen; nur meine ich, wenn ich mich meiner glücklichen Kindheit erinnere, daß die Liebe zu den Aeltern, und eine gewisse religiöse und edle Furcht vor ihnen ein und dasselbe seyn müßte; denn durch die letztere scheint mir meine Kindesliebe erst ihre wahre Kraft und Innigkeit erlangt zu haben, auch soll ja diese heilige Scheu vor etwas Unbegreiflichem in den Aeltern jenen blinden, unbedingten Gehorsam erzeugen, in welchem sich das Kind eben so glücklich fühlt; denn ohne diesen Gehorsam findet, scheint es mir, weder Erziehung noch Liebe statt.“

Die Mutter sah die älteste Tochter, welche derselben Meinung zu seyn schien, bedenklich an, und sagte dann mit etwas gespitztem Tone: „Ich habe es vorgezogen, meine Kinder früh zu überzeugen, und wo das nicht möglich war, stimmte ich sie so, daß sie aus Liebe zu mir das thaten, was sie nicht einsehen konnten.“

„Ich verehre Ihre Erziehung,“ sagte der Graf, „denn wer möchte in dieser schönen Umgebung dagegen streiten? Doch dürften diese Auswege vielleicht etwas zu kostspielige Surrogate für den einfachen und wohlfeilen Gehorsam seyn.“

Der Baron wandte sich verstimmt an den Rath Alfred, und das Gespräch nahm eine andere Wendung. Der junge Offizier erzählte mit Selbstgenügsamkeit, daß er neulich die Gesellschaft, zu der ihn eine Dame eingeladen hatte, ohne alle Entschuldigung vermieden habe, da es ihm sündlich scheine, eine Unpäßlichkeit oder ein Geschäft vorzuschützen. Man lobte diesen Wahrheitstrieb und meinte, diese Art und Weise müßte in der Gesellschaft die allgemeine werden, wenn sie sich vor der leeren Affectation, Heuchelei und fortwährenden kleinen Lüge retten wolle. Auch die Mutter stimmte zögernd in diese Behauptungen ein, ob sie gleich befürchtete, daß dergleichen nur schwer möglich zu machen sei, ohne zugleich die feinen Bande der Geselligkeit völlig zu lösen; doch sei eben darum die Tugend des Einzelnen, der den Muth habe, sich über diese Rücksichten hinweg zu setzen, um so mehr zu preisen. „Nichts,“ fuhr sie fort, „habe ich bei meinen Kindern so sehr zu erwecken und zu beleben gesucht, als den heiligen Wahrheitstrieb; ich habe sie bewacht, daß sie sich nie auch nur die kleinste Unwahrheit, ja selbst im Scherze nicht, erlauben durften. Immer auch habe ich mich bestrebt, alle Fragen wahr zu beantworten, aus dem Unterricht alles zu entfernen, was nicht klar und deutlich gemacht werden konnte; am meisten aber vermied ich jene unsinnigen Mährchen und lügenhaften Geschichten, die Furcht und Aberglauben nähren, und das Gemüth der Kinder wohl am allermeisten der Wahrheit entfremden.“

Der Baron führte diese Sätze noch mehr aus, und alle Uebrigen stimmten ein, außer dem Grafen, welcher äußerte, daß es eine der schwierigsten Antworten seyn möchte, zu sagen, was denn Wahrheit, die eigentliche Wahrheit sei. „Die Menschen,“ meinte er, „suchen sie in allen Richtungen schon seit Jahrtausenden, und auch hier muß, wie fast immer, der gute Wille, wahr seyn zu wollen, nur zu oft die Sache selbst vertreten. Will ich gegen Kinder oder Schwache immerdar auf alle Fragen die Wahrheit sagen, so komme ich in die Gefahr, gar nicht mehr wahrhaft seyn zu können; denn das Letzte beruht ja doch auf einem Geheimniß, das ich eben so wenig läugnen darf, als ich es erklären kann. Und zu diesem Unsichtbaren hin drängen uns Phantasie und Gefühl schon sehr früh, und der Lehrer, der die junge Ungeduld hiervon entfernen will, muß nur wieder zu einer andern Lüge seine Zuflucht nehmen, die vielleicht in falscher Aufklärung eben so schlimm, als die des Abergläubigen ist. So scheint es mir auch nicht gut gethan, die Phantasie der Kinder nicht bilden zu wollen, auch in der sonderbaren Kraft, die das Grauen sucht, und blinde, wilde Schrecknisse ersinnt. Dieser Trieb ist in uns, er regt sich früh; und soll er unterdrückt werden, strebt man ihn zu vernichten, was nicht möglich ist, so wächst er in der finstern Tiefe fort und gewinnt an Macht, was er an Gestaltung verliert. Ich habe weibliche Wesen gekannt, die man aus übertriebener Aufklärung selbst vor dem unschuldigsten Mährchen bewahrte, und die in reifen Jahren es nicht über sich vermochten, am Abend auch nur durch das benachbarte Zimmer zu gehen, so bezwang sie ein namenloses, ganz kindisches Grauen, so daß sie vor jedem Laut, vor jedem Schatten ohnmächtig erzitterten. Wird dagegen in der Kinder-Phantasie auch das Seltsam-Aengstigende in Gestalt gebracht, wird es in Mährchen und Erzählungen gesänftiget, so vermischt sich diese Schattenwelt sogar mit Laune und Scherz, und sie selbst, die verworrenste unsers Geistes, kann ein Wunderspiegel der Wahrheit werden. Durch diese Krystallseherei können wir weitentfernte und doch befreundete Geister wahrnehmen, die uns in sichtlicher Nähe nur höchst selten vorüber schweben.“

„Daß Sie ein solcher Freund des Aberglaubens sind,“ erwiederte die Baronesse, „muß ich erst jetzt von Ihnen erfahren.“

Dorothea schien kein Wort dieser sonderbaren Unterredung zu verlieren; sie sah Kunigunden an, auf welche jene Schilderung einer unvernünftigen Angst, die sie oft sogar am Tage befiel, buchstäblich paßte; auch waren die andern Schwestern zuweilen kindisch genug, und scheuten am Abend jeden Gang. Kunigunde war empfindlich, sie glaubte, der fremde Gast kenne diese ihre Schwäche, und habe sie nur schildern wollen. Die Mutter konnte ihre Verlegenheit nicht ganz verbergen.