„Der Gesellschaft,“ fuhr Brandenstein fort, „kann ich mich nicht immer mit der nackten Wahrheit nahen, denn sie fordert und erwartet sie nicht von mir. Ich darf die Tugenden der Einsamkeit nicht in sie werfen, wenn ich nicht den Zauber, durch welchen sie für den gebildeten Menschen so reizend wird, zerstören will. Man findet allenthalben schlechte Gesellschaft, die ich wahrlich nicht preisen will; aber daß man das feine Leben, die zarteren Bande der gebildetern Welt, das anmuthige Verhältniß der Geschlechter, die Formen, welche Witz und Lebensart erfanden, so oft schmähend mit den Gesetzen und Bedingnissen eines sinnreichen Kartenspiels verglichen hat, ist mir zwar nicht unpassend, aber sonderbar vorgekommen, und unbegreiflich, daß man nicht die Mannigfaltigkeit des Lebens und dessen nothwendige Figuren hat anerkennen wollen. Man muß nur eine Zeitlang mit bäuerischen Menschen gelebt haben, die ihre rohe Zutäppigkeit für biedere Tugend so oft verkaufen wollen, die alles verletzen, die kein Geheimniß, kein zartes Verhältniß anerkennen, sondern alles Geistigere Affectation und Heuchelei taufen; man muß Wochen lang diesem rohen Betasten und Anpacken, und der drückenden Langeweile ausgesetzt gewesen seyn, um den Adel eines feinen, geistreichen Umgangs wieder schätzen zu lernen. Hier gilt denn freilich nicht immer das blanke Ja und Nein; und mit der sogenannten Wahrheit die gegebenen Formen, durch welche diese Erscheinung sich nur darstellen läßt, umstoßen wollen, ist eben so unbillig, als wenn ich die Gesetze eines künstlichen Schachspiels Lüge nenne, mit meinen Bauern gleich in das letzte Feld des Gegners rücke und mein Spiel für gewonnen erkläre.“
„Sie sind ein ziemlicher Sophist,“ sagte der Baron. „Es fehlte noch, daß die Verläumdung, Klatscherei, Neid und Verfolgung der großen Gesellschaften einen Lobredner fanden; es bleibt dann nur noch übrig, die stille Tugend, die schöne Bürgerlichkeit, die kindliche Unschuld und edle Einfalt der nichtvornehmen Welt zu schmähen.“
„Sie können mich unmöglich so mißverstanden haben,“ sagte der Graf: „ich meine nur, man soll Bedingnisse, die jedes Spiel und Kunstwerk nothwendig macht (und die gute und feine Gesellschaft sollte wohl von beidem etwas haben), nicht mit Unwahrheiten verwechseln; denn auch im Tanz ist keine Wahrheit, wenn anders der gerade eilige Geschäftsschritt so zu nennen ist, und es dürften sich von dieser Ansicht her selbst gegen den Spaziergang nicht unerhebliche tugendhafte Zweifel aufwerfen lassen.“
„Immer ärger!“ rief der Baron: „zum Glück, mein scharfsinniger Graf, sprechen Sie alles dies in einer Gesellschaft, auf die es nicht schädlich einwirken kann.“
„Sie haben mich einmal hinein gezogen,“ erwiederte Brandenstein, „und so mögen Sie denn auch mein ganzes Glaubensbekenntniß hören. Ich denke, es hat noch keinen Menschen gegeben (und keiner wird kommen), der nicht irgend einmal in seinem Leben mit Bewußtsein gelogen hätte. Sei es nun Nothlüge oder Schwäche, Furcht, Eigennutz oder Eitelkeit, und wie sie alle heißen mögen, diese Flecken unsrer Natur; vielleicht auch, um nur einmal diesem Geiste zu folgen, der uns doch gar zu reizend verlockt. Und dürfen wir doch nur auf die erhabenen Apostel sehen, um zu lernen, daß sie ihrem Vorbilde, der ewigen göttlichen Wahrheit, nicht immer getreu zu seyn stark genug waren. Vieles dieser Art möchte ich die unschuldigen Lügen nennen, denen der bessere Mensch, eben weil sie so resolut sind, bald aus dem Wege gehn kann. Aber wie steht es denn mit jener gleissenden Eigenliebe, mit jenem prunkenden Egoismus, mit der ausgebildeten Heuchelei, die aus dem ganzen langen Leben mancher Menschen nur eine einzige Lüge bilden? Ich habe wenigstens einige gekannt, die so im Lügengeiste untergesunken waren, daß es für sie gar keine Wahrheit mehr gab. Und diese Menschen galten für tugendhaft, sie hielten sich selbst für Auserlesene, es war ihnen möglich, selbst auf dem Sterbebette die Rolle der Heuchelei fortzuspielen.“
„Dergleichen ist nicht möglich!“ rief der Baron, und Alle stimmten ihm bei; nur Alfred äußerte, es könne doch wohl dergleichen Verkehrtheit geben, worauf ihn Dorothea verwundert mit großen Augen ansah. „Sie sprechen überhaupt,“ fuhr der Baron fort, „von einer vorigen Welt; seit Ihrer Abwesenheit hat sich bei uns Alles so geändert, daß Sie, wenn Sie unser Vaterland erst wieder kennen lernen, kaum mehr eine Spur vom vorigen finden werden. Die alte Irreligiosität, jene leere Freigeisterei, die sich Aufklärung nannte, ist, dem Himmel sei Dank! ziemlich verschwunden; immer schöner entwickeln sich die Keime einer ächten Religiosität, man schämt sich nicht mehr, Christ zu seyn, an den Herrn zu glauben und sich im brünstigen Gebet zu ihm zu erheben. Die Kirchen sind wieder gefüllt, die höhern Stände verschmähen nicht mehr die Gemeinschaft ihres Nebenchristen, andächtige Bücher haben die frivolen von den Tischen unserer Weiber und Mädchen verdrängt, geläuterte Seelen unterhalten sich, statt mit Theatergeschwätz, über die Bibel, ermuntern sich zur Buße und Andacht, theilen sich die Erfahrungen mit, die sie an ihrem Herzen machen, stärken sich gegenseitig, und immer deutlicher spricht aus diesen erhobenen Gemüthern der Geist des Herrn. Alles dies, mein zweifelnder Freund, werden Sie wenigstens gelten und stehn lassen müssen, denn hier ist Wahrheit und Liebe, hier ist kein Irren möglich.“
Er hatte alles dieses mit großer Salbung gesprochen. Der Graf schwieg einen Augenblick, ehe er sagte: „Unser Tischgespräch hat eine so ernsthafte Wendung und einen so feierlichen Inhalt gefunden, daß es wohl passender wäre, abzubrechen, entweder auf eine stillere Stunde diese Eröffnungen zu versparen, oder ganz zu schweigen, weil man sich über diese wichtigen Gegenstände am leichtesten mißversteht.“
„Weil Sie sich jetzt völlig geschlagen fühlen,“ sagte der Baron, „so wollen Sie sich wenigstens einen sichern Rückzug vorbehalten. Ich dächte, es wäre jetzt Ihre Pflicht, offen zu gestehen, daß Sie über diesen Punkt nichts zu sagen wissen, wenn Sie nicht unverholen bekennen wollen, daß Ihnen jene fast vergessene Freigeisterei lieber als unsere heilige Religion sei.“
„O sprechen Sie!“ rief Dorothea, sich selbst vergessend.
„Sie sehen, wie dringend Sie aufgefordert werden,“ sagte die Mutter, indem sie einen langen und drohenden Blick zu Dorotheen hinüber warf; auch Alfred bat, daß der Graf sich erklären möchte, in wiefern er in diesem Punkt mit dem Zeitalter einverstanden sei.