„Da ich es nicht ganz umgehen kann,“ sagte dieser: „so will ich kurz andeuten, was ich habe beobachten können; denn da ich schon seit einem Jahre wieder in Deutschland bin, so ist mir nicht alles so fremd, wie Sie glauben, ob ich gleich erst seit kurzer Zeit meine Geburtsgegend hier wieder besucht habe. Könnte ich Ihnen allen nur das Vorurtheil benehmen, daß Sie mich, wie ich merke, für einen gottlosen Unchristen halten. Nein, ein solcher bin ich wahrlich nicht, aber ich muß mir nur das unbestreitbare Recht vorbehalten, auf meine Weise ein Christ seyn zu dürfen. Daß es jetzt, wie zu allen Zeiten, wahrhaft fromme und erleuchtete Gemüther giebt, und daß man diese verehren solle, wer möchte daran zweifeln? Das Bedürfniß des Glaubens hat sich wieder gemeldet, der Geist hat fast an alle Herzen geklopft, und Anmahnungen mancher Art und aus allen Gegenden haben sich vernehmen lassen. Ein klarer frischer Strom hat sich wieder durch die lechzende Ebene von den ewigen Gebirgen her ergossen, und der Kraft seiner Wogen folgen die Dinge und Wesen, welche er ergreift; unwiderstehlich fühlt sich Alles fortgezogen, und Groß und Klein, Stark und Schwach muß nothgedrungen mit hinunter fließen. Wie ächte Begeisterung dies veranlaßt hat, so ist es denn doch auch hier, wie in allen geschichtlichen Ereignissen, ergangen, die Menge, die Eitelkeit, die menschliche Schwäche trübt auch diese Erscheinung, und als es einmal Mode war, frei zu denken und den starken Geist zu spielen, wenn Viele auch schwach und abergläubig waren, so ist es jetzt Sitte geworden, religiös zu scheinen, wenn es Manchem auch frivol und unerleuchtet genug zu Muthe seyn mag.“
„Desinit in atrum piscem,“ sagte der Baron ereifert, „der Anfang Ihrer Rede ließ etwas Besseres vermuthen.“
„Wie Viele,“ fuhr Brandenstein ruhig fort: „sind mir aufgestoßen, die mir fast beim Begrüßen entgegen warfen, daß sie außerordentliche Christen seien. Andere sprechen beim dritten Worte und bei den gleichgültigsten Gegenständen vom Heiland; bei jeder Veranlassung, sei sie noch so geringe, beten sie, und erzählen uns dies; ja ich habe Romane gelesen, in denen der Verfasser in der Vorrede sagte, er schreibe niemals, ohne vorher zu beten, und alles Gute, was im Buche stehe, sei unmittelbare Eingebung; das kürzeste Mittel, jede Kritik zurück zu schlagen, und die Romanze dicht an die geoffenbarte Schrift zu schieben. In Gesellschaften ergreift man jede Veranlassung, von Reue, Buße, Andacht und Erlösung zu sprechen, und entweiht, nach meinem Gefühl, das Heilige, vergißt, daß es eine Aehnlichkeit mit der Liebe hat, deren Gefühle und Geständnisse der wahre Liebende auch nicht jedem fremden Ohre Preis geben wird.“
„Was schadet es aber,“ sagte der Baron, „wenn die frommen Gemüther vielleicht auch zu oft von dem Gegenstande ihrer Liebe sprechen?“
„Es kann nicht die Liebe seyn,“ erwiederte Brandenstein: „es ist Eitelkeit, Hochmuth, der besser seyn will, als andere Menschen. Gerade wie zu der Zeit der Empfindsamkeit oder der Aufklärung, ist es ein krankes Bedürfniß, das allenthalben Nahrung sucht, das sich schmeichelt und zu immer tieferer Krankheit verzieht, das unduldsam und verachtend auf Nebenmenschen, die oft besser und frömmer sind, hinblickt, weil diese nicht gerade in den angegebenen Ton auch einstimmen wollen.“
„Sie schildern die Ausartung,“ stammelte die Baronesse in einer Art von Angst.
„Nichts anderes, verehrte Frau,“ antwortete der Graf: „nur daß mir diese häufig in die Augen gefallen ist. Auch habe ich Erbauungsbücher gesehn, die sehr in der Mode zu seyn scheinen, Altes und Neues, die wahrlich nur dazu dienen können, mittelmäßige Menschen, die schon von der Eitelkeit ergriffen sind, ganz zu verwirren, in denen der Schöpfer, die reine Liebe, gleich einem launigen wunderlichen Alten dasteht, der sich aus Langeweile gelüsten läßt, die krausesten Schicksale zu flechten, und Diesen und Jenen, wenn auch Viele dabei untergehn, auf feine und seltsame Art aus seinem Elende wieder heraus zu führen. Andere verwandeln Religion in Magie und Zauberei; oder verhärten die Herzen der Weiber, daß sie sich unendlich über ihre Männer erhaben fühlen, diese, wenn sie nicht ganz auf ihre Weise frömmeln, in einem Zustande der Zerknirschung erhalten, und in dem Gefühl, wie tief sie sich herablassen, die geheiligten Gattinnen so ordinärer Sünder zu seyn. Ich kannte ein armes, mittelmäßiges Mädchen, die sich glücklich schätzte, an einen jungen wohlhabenden Mann verheirathet zu werden, die aber nach einem halben Jahre auch zur Heiligen wurde, und sich nun vorlügt, ihre christliche Tugend bestehe darin, den Mann zu dulden; übermenschlich erscheint sie sich, wenn sie ihn nicht ganz verachtet, aber doch sagt sie sich dies täglich und ihren religiösen Gespielinnen, die sie auch in dieser Frömmigkeit bestärken. Ist nun dies nicht Sünde?“
„Ja wohl!“ seufzte plötzlich Kunigundens Gatte auf, und die Mutter, welche den Halt ihrer Familie fast sichtlich zusammenbrechen sah, bereuete es, dies Gespräch begonnen zu haben, und zürnte ihrem würdigen Hausfreunde, dem Baron, daß es durch ihn so angefeuert wurde. Brandenstein aber, der nun einmal im Zuge war, konnte ebenfalls in seinem geistlichen Eifer nicht ruhen, bis er seine ganze Catilinarische Rede an den Mann gebracht hatte. „Wie erhebend kann es seyn,“ fuhr er lauter fort: „wenn wir fromme Männer, um sich ganz dem Heiligen zu ergeben, der Welt und allen ihren Schätzen den Rücken kehren sehen, um in stiller Abgeschiedenheit nur Einem großen Gefühle zu leben. Ich will einzelne Brüderschaften nicht tadeln, wenn sie sich in einem ähnlichen Sinne verschließen, und von Kunst und Geschichte, Philosophie und Welt nichts wissen wollen. Aber wenn diese einseitigen Frommen, die in der Welt stehen bleiben, die Erziehung der Uebrigen genossen haben und sich selbst für gebildet ausgeben, uns immer und immer wieder zurufen, nur Eins sei, was Noth thue, Malerei, Musik und Dichtkunst seien nicht nur überflüssig, sondern sogar sündhaft, und nur Gebet, Erleuchtung, Buße sei alles, was den Menschen in Anspruch nehmen solle, — so möchte ich doch wohl Diese fragen: von welchem engen Gefühle ihre sogenannte Religion sei, daß sie Liebe, Wahrheit, Vernunft und die lieblichen Erscheinungen der Phantasie gar nicht zulassen könne und dürfe? Also wäre den Reinen heut nicht mehr alles rein? Der Mensch ist schon als todt zu betrachten, dem in der Natur und Geschichte nicht Gott mehr erscheint; der ist verloren, der in der Kraft der Vernunft seine hohe Gegenwart nicht mehr sieht. Auch der ist fromm, dem aus dem Gemälde eine Entzückung anstrahlt, und der sich, so lange er Shakspeares Sommernacht liest, selig und im Himmel fühlt. Denn auch Scherz, Lust und Witz sind göttlicher Abkunft, und wir werden um so reiner und geläuterter, je mehr wir den göttlichen Strahl in diesen zarten Spielen erkennen lernen.“
„Ja wohl,“ sagte der Baron, welcher das auffallende Mißvergnügen der Baronesse bemerkt hatte, „können wir heut dies interessante Gespräch nicht zu Ende führen.“
„Unmöglich,“ antwortete der Graf, welcher selber über seinen Eifer zu erstaunen schien, „denn sonst möchte ich wohl noch darüber belehrt seyn, warum diese frommen Gemüther sich nicht mit mehr Demuth der Kirche anschließen? Warum sie verlangen, daß alle Menschen auf ihre Weise die Dinge sehen sollen? Warum nicht Zweifel auch sie anwandeln und es ihnen begreiflich machen, daß sie doch auch wohl irren könnten? Ob es nicht christlicher sei, mehr nach dem Evangelium bei verschlossenen Thüren zu beten, als pharisäisch ihr vieles Beten weltkundig zu machen? Ich könnte denn wohl noch bemerken, daß dieser geistliche Schwindel sich auffallend genug mit einem politischen verbindet, und daß diese kranke Stimmung, die sich über ganz Deutschland verbreitet, es einem überaus verwirrten und schwachen Buche möglich gemacht hat, den Beifallsruf einer Menge zu erwerben, die nun erst beurkundet, wie wenig sie je unsern großen Dichter faßte, als sie ihm zujauchzte. Es kann als ein Frevel gegen diesen großen Mann erscheinen, wenn man es nicht lieber lächerlich finden will, daß man ihm so schulmeisternd mit Glaubensfragen nahe rückt, daß man Immoralität und Mangel an Idee seinen Werken vorwirft, weil er sich nie zu den armen Bedürfnissen dieses Wortführers herabgelassen hat. Daß alles dies möglich gewesen ist, hat mir gezeigt, wie wenig wahre Bildung bei uns noch Wurzel gefaßt hat, und wie leicht es daher Schwindlern wird, mit halbwahren Begriffen die schreiende Menge zu verwirren.“